Linie 4 in Lilienthal Austausch der Gleise im Jahr 2028

Lilienthal. Ein paar hundert Meter Gleise der Linie 4 aus gewalztem, äußerst haltbarem Stahl liegen bereits. Im Schnitt müssen Schienen alle 15 Jahre komplett erneuert werden.
11.08.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Austausch der Gleise im Jahr 2028
Von Peter Hanuschke

Lilienthal. Ein paar hundert Meter Gleise der Linie 4 aus gewalztem, äußerst haltbarem Stahl liegen bereits. Aber auch dieses Material zeigt irgendwann Ermüdungserscheinungen: Im Schnitt müssen Schienen alle 15 Jahre komplett erneuert werden – in Lilienthal also theoretisch im Jahr 2028.

Es werden dadurch Kosten entstehen, die sicherlich im siebenstelligen Bereich liegen – wer die dann übernimmt, dahinter steht ein großes Fragezeichen.

Zentimetergenau werden die Gleise der Linie 4 verlegt, per Handarbeit wird der Asphalt in den Zwischenräumen eingebracht – der Qualitätsanspruch ist hoch, schließlich soll das Bauwerk die nächsten Jahre halten. Und danach? Kommt dann die nächste Großbaustelle?

Wer kommt für die Kosten auf? Muss Lilienthal erneut Millionen Euro in die Hand nehmen? Fragen, auf die es nur sehr unpräzise Antworten gibt. Präziser wird es allerdings, wenn es darum geht, wann denn die Gleise, die jetzt verlegt werden, ausgedient haben: Die Bremer Straßenbahn AG geht davon aus, dass Schienen im Schnitt alle 15 Jahre komplett erneuert werden müssen. In Lilienthal wäre das dann also im Jahr 2028 der Fall.

2028? Im Moment geht es nur um die aktuelle Großbaustelle, es geht darum, den Zeitplan einzuhalten: Spätestens im Herbst 2013 soll die Straßenbahnlinie 4 ihren Betrieb in Lilienthal aufnehmen. Bis dahin sind dann nach jetziger Planung zirka 56 Millionen Euro vergraben, verbuddelt und verlegt.

Von den Gesamtkosten tragen der Bund etwa 21 Millionen Euro, das Land Niedersachsen rund 20 Millionen Euro und Bremen vier Millionen Euro. Der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen zahlt eine Million Euro (reine Planungskosten), die Versorgungsunternehmen sind mit zwei Millionen Euro beteiligt, und die Gemeinde Lilienthal übernimmt etwa acht Millionen Euro.

Die Höhe der Folgekosten

Dass das Projekt Straßenbahn eine außergewöhnlich hohe Förderquote erfährt, war für viele Befürworter eines der entscheidenden Kriterien, die für die Realisierung des Vorhabens sprachen. Kritiker sahen darin dagegen eine Verschwendung von Steuergeldern, weil Lilienthal bereits ein funktionierendes Bussystem für den öffentlichen Personennahverkehr hatte beziehungsweise hat. Außerdem befürchten sie Folgekosten, die bei weitem über dem liegen werden, was die Gemeinde, so lange die Linie 4 noch nicht fährt, pro Jahr für den Busverkehr zahlen muss.

Die Gemeinde (Stand 2009) geht davon aus, dass für die Finanzierung der Linie 4 jährlich 420000 Euro zu zahlen sind, hinzu kommt ein Betriebskostenzuschuss von zirka 300000 Euro. Von diesen 720000 Euro werden in der Kalkulation 372000 Euro abgezogen, die Summe, die die Gemeinde für die Überlandbusse 670 und 630 jährlich zahlt. Instandhaltungskosten oder gar Gelder für Neuinvestitionen für Gleise sind darin nicht enthalten.

Genau das kritisiert auch seit Jahren die Initiative Pro Lilienthal, die sich vergeblich dafür eingesetzt hatte, das Projekt Linie 4 abzuwenden. Sie kommt auf einen wesentlichen höheren jährlichen Betrag, der nach ihrer Rechnung bei rund 800000 Euro liegt. Die Initiative berücksichtigt dabei Rückstellungen für die Instandhaltung. Zudem ist sie überzeugt davon, dass die für die Folgekostenrechnung prognostizierten Fahrgastzahlen viel zu optimistisch sind.

Bürgermeister Willy Hollatz hatte dazu schon 2009 erklärt und auch jetzt noch einmal bekräftigt, dass er sich bei der Ermittlung der Zahlen selbstverständlich auf das bundeseinheitliches Verfahren verlasse. Schließlich entscheide letztlich die standardisierte Bewertung darüber, ob ein Projekt überhaupt gefördert wird oder nicht. Dabei spielten auch die prognostizierten Fahrgastzahlen eine Rolle. Dass Personen, die grundsätzlich gegen das Straßenprojekt seien, auf ganz andere Zahlen kämen, sei nicht überraschend, aber eben auch nicht maßgeblich. "Ich kann mich nur auf ein anerkanntes Verfahren beziehen."

Dass eine Ersatzbeschaffung von Gleisen bei den ganzen Zahlenerhebungen keine Rolle spielt und es für eine Investition in 15 Jahren heute kein Finanzierungsmodell gibt, das räumt Hollatz allerdings ein. Wie so etwas finanziert werde, hänge dann von den Rahmenbedingungen ab. Das Vorhalten vom ÖPNV ist von Bund und Land gewollt, um eine allgemein zugängliche Beförderung von Personen mit Verkehrsmitteln im Linienverkehr zu ermöglichen. Die Sicherstellung einer ausreichenden Bedienung der Bevölkerung mit Verkehrsleistungen im ÖPNV sei eine Aufgabe der Daseinsvorsorge. In Lilienthal habe man sich für eine Straßenbahn entschieden – zum einen, weil sie für diesen Bereich als die wirtschaftlichere und attraktivere Alternative zum Bus angesehen werde und zum anderen aus ökologischen Gesichtspunkten. "Vor diesem Hintergrund muss ich davon ausgehen, dass es in 15 Jahren eine Förderkulisse geben wird, die es der Gemeinde ermöglicht, eine solche Finanzierung zu realisieren", sagt Hollatz. Wie hoch die sein werde, sei nicht zu beantworten – "das wäre Kaffeesatz-Leserei".

Eine ähnliche Situation könne sich auch bei der Entlastungsstraße irgendwann einstellen, so Hollatz. Die Gemeinde ist Straßenbaulastträger, aber eine Sanierung des Straßenbelags sei auch dort nur mit entsprechenden Fördermitteln möglich. Das habe nichts mit dem Lilienthaler Schuldenberg zu tun – solche Projekte können Gemeinden allgemein nur mit Hilfe Dritter realisieren und fortführen.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+