Bürgerinitiative fordert Debatte B74-Kritiker: Pläne wirtschaftlich unsinnig

Die Bürgerinitiative „B 74 Nein danke!“ will die geplante Ortsumgehung Ritterhude ausbremsen. Die Sprecher fordern: Bevor das Projekt demnächst eine weitere Hürde nimmt, müsse öffentlich darüber diskutiert werden.
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Von Bernhard Komesker

Mit neuen Bevölkerungs- und Verkehrsprognosen will die neue Bürgerinitiative „B 74 Nein danke!“ die geplante Ortsumgehung Ritterhude ausbremsen. Die Sprecher fordern: Bevor das Projekt demnächst eine weitere Hürde nimmt, müsse öffentlich darüber diskutiert werden.

Am Anfang stand die persönliche Betroffenheit. Daraus machen Achim Gelessus und Marc Westrich auch gar keinen Hehl. Sie wohnen in Sicht- und Hörweite der geplanten Trasse für eine Ortsumgehung Ritterhude (B 74- neu). Seit dem Sommer zählen sie zu den Sprechern der neuen Bürgerinitiative „B 74 – Nein danke!“. Mit ins Boot geholt haben sie Mitglieder der ersten Stunde aus der Bürgeraktion „Leben ohne Umgehungsstraße“, die schon vor 20 und mehr Jahren gegen das Verkehrsprojekt zu Felde zog, welches bis heute nicht realisiert wurde.

Doch während in den 80er- und 90er-Jahren vor allem ökologische Argumente vorgebracht wurden, scheint die neue Initiative thematisch breiter aufgestellt. „Wir sind überparteilich“, betonen Westrich und Gelessus. Sie argumentieren mit der demografischen Entwicklung und den Verkehrsprognosen ebenso wie mit der nur geringen Entlastungswirkung bei unverhältnismäßig hohen Kosten: Mindestens 28 Millionen Euro für 4,6 Kilometer Straße. „Die ,B 74-neu’ ist auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten vollkommen unsinnig“, sagt der 48-jährige Gelessus.

Der Naturwissenschaftler glaubt, die Planung mit deren eigenen Argumenten widerlegen zu können. Die zu Grunde liegenden Daten seien nämlich von der Realität längst überholt. Auch Westrich ist überzeugt: Es gebe heute genügend intelligente Alternativen, um Verkehrspolitik und Ortsentwicklung nachhaltig und generationengerecht zu gestalten. Der ökologische Schaden komme erschwerend hinzu.

„Es geht beileibe nicht nur um den freien Blick in die Hammeniederung“, betont der 45-jährige Diplom-Ingenieur. Für den Vater zweier Kinder werden der Naturschutz sowie der Wohn- und Freizeitwert östlich von Ritterhude und Scharmbeckstotel von einer höchst fragwürdigen Millionen-Investition bedroht; diese schmälere die Lebensqualität und den finanziellen Handlungsspielraum kommender Generationen. Westrich glaubt: „Vielen Ritterhudern ist gar nicht bewusst, was sie zum Beispiel gerade auch am Hamme-Ufer aufgeben würden.“ Neue Hude, Turm in Lintel, Wegebau: Der Bereich sei mit EU-Mitteln gerade erst erfolgreich aufgewertet worden.

Als die Aktivisten im Sommer in unserer Zeitung lasen, dass in Berlin nun die Abstimmung von Umwelt- und Verkehrsressort über die genaue Linienbestimmung beginne, reifte ihr Entschluss, sich zu engagieren. Inzwischen gibt es eine sehr umfangreiche Internetseite, einen Facebook-Auftritt sowie erste Briefwechsel mit den Bundes- und Landesministerien für Verkehr und für Umwelt sowie mit den nachgeordneten Behörden auf Bezirks- und Landkreis-Ebene. „Wir haben außerdem Unterschriften gesammelt und Flyer im Einzugsbereich verteilt“, erzählt Gelessus. Aktuell seien kürzlich die Fraktionsspitzen im Osterholzer Kreistag und im Ritterhuder Gemeinderat angeschrieben worden.

Die Straßengegner wissen: Die „B 74 -neu“ geht in den nächsten zwölf Monaten in eine entscheidende Phase. Neben der laufenden Linienbestimmung auf Bundesebene sind da die Beratungen im Land Niedersachsen. Die Ortsumgehung Ritterhude wurde als eines von landesweit mehr als 200 Projekten für den Bundesverkehrswegeplan 2015 nominiert. Gelessus findet es ärgerlich, dass vor der Anmeldung keine Diskussion im Kreisgebiet stattgefunden hat. Inzwischen heißt es aus Berlin, die Hürden beim Schutz der Tiere und Pflanzen seien hoch, aber nicht unüberwindbar.

Doch die Landesregierung in Hannover brütet noch über ihrer Prioritätenliste. Maren Quast, stellvertretende Leiterin der Stader Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr, rechnet damit, zum Jahresende Klarheit über die Bewertungskriterien zu haben, sodass der Maßnahmenkatalog in eine erste Reihenfolge gebracht werden kann. Das alles passiere aber nicht in den Amtsstuben, sondern über die Prioritäten des Landes würden auch die Bürger informiert: „Im Frühjahr 2015 soll es zur Öffentlichkeitsbeteiligung kommen“, so Quast.

„Bisher hat uns niemand von der Notwendigkeit überzeugen können“, stellen Gelessus und Westrich dazu fest. Das Verkehrsaufkommen habe nicht, wie erwartet, zugenommen, sondern es sei konstant geblieben und werde mittelfristig sinken. Der Bund hat denn auch bereits erklärt, mit neuen Hochrechnungen operieren zu wollen. Kürzere Fahrzeiten nach Bremen brächte das Projekt am Ende auch nicht: „Die Nordseite ist dann das Nadelöhr.“

Gelessus: „Es ist das Minimum, dass ein Projekt wie dieses vernünftig begründet wird.“ Er verweist auf den Umstand, dass in Ritterhude und Scharmbeckstotel neue Supermärkte geplant seien – aus BI-Sicht vorteilhaft, gerade auch für ältere Menschen. Nur: „Das eine ist anscheinend guter Durchgangsverkehr, das andere böser Durchgangsverkehr“, so die Sprecher. Für die Märkte sei gutachterlich belegt, dass der zusätzliche Verkehr verkraftbar wäre.

Den Anrainern der Bundesstraße wäre aus Sicht von Westrich und Gelessus eher geholfen mit intelligenten Ampelschaltungen, Fußgängertunnel- oder brücke, Kreisel an der Einmündung der Neuen Landstraße auf die B 74, Einkaufsbus, S-Bahn, Flüsterasphalt. Da sei vieles möglich – und allemal preiswerter als der schwierige Baugrund plus neuer Hamme-Brücke.

Informationen über die Initiative gibt es unter www.B74neindanke.de

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