Interview mit Wolfgang Niedecken

BAP-Sänger spricht über seine Karriere

Worpswede. Der glaubwürdige und freundschaftliche Eindruck, den Wolfgang Niedecken auf der Bühne macht, setzt sich im persönlichen Gespräch fort. So aussagefreudig wie der Sänger im Konzert in der Music Hall ist, so frei spricht er mit Lars Fischer über Zufälle, über seine Karriere und die Geschichte von BAP.
10.03.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Lars Fischer
BAP-Sänger spricht über seine Karriere

Dank seiner einnehmenden Freundlichkeit und uneingeschränkten Authentizität entsteht die Atmosphäre eines gemeinsamen Li

Hasselberg

Worpswede. Der glaubwürdige und freundschaftliche Eindruck, den Wolfgang Niedecken auf der Bühne macht, setzt sich im persönlichen Gespräch fort. So aussagefreudig wie der Sänger im Konzert in der Music Hall ist, so frei spricht er mit Lars Fischer über Zufälle, über seine Karriere und die Geschichte von BAP.

Früher erschienen fast jährlich neue BAP-Platten, und ausgedehnte Tourneen folgten. Inzwischen veröffentlicht ihr in Zwei- bis Drei-Jahres-Zyklen - auch um bewusst Zeit für solche Nebenprojekte wie diese Solo-Tour zu schaffen?

Wolfgang Niedecken:Nein, es hängt da auch sehr viel von Zufällen ab. So ist es auch mit diesem Programm. Es gab im letzten Jahr eine Anfrage der taz, ob ich Lust hätte, zu ihrem 20. Jubiläum in Berlin zu spielen. Hatte ich, genauso wie Anne de Wolff. Am Vorabend haben wir dann unseren Freund Rhani Krija getroffen. Der war gerade von Berlin nach Köln gezogen, hatte Heimweh und fragte nur: 'Kann man da mitspielen?' Also kam er dazu. Das ganze Programm war also nicht wirklich eingeprobt, aber genau diese Herangehensweise, dieses spielwillige Überzeugungstätertum, das hat uns allen unglaublich viel Spaß gemacht. Da war uns auch direkt an dem Abend klar, dass es nicht bei diesem einen Auftritt bleiben sollte.

Birgt die Krise in der Plattenindustrie nicht auch die Chance für solche Freiräume?

Ich kümmere mich eigentlich überhaupt nicht um die ganze Geschäftspolitik der Tonträgerbranche . Eigentlich geht es nur darum: Hast du genug neues Material, um damit heraus zu kommen? Hast du ein Publikum, das das annimmt? Hast du Lust, auf Tour zu gehen? Ich würde mich nie auf einen Vertrag festlegen, nach dem ich alle so und so viele Jahre ein Album herausbringen müsste.

Fällt es schwer, sich rar machen zu müssen?

Schon, wir spielen ja gerne! Wenn man wie wir mit BAP relativ viele Konzerte gibt, muss man natürlich aufpassen, dass man nicht 'überspielt'. Wenn man immer verfügbar ist, dann sagen sich die Leute doch auch irgendwann: 'Ja, ganz nett, aber nicht schon wieder!' Deswegen ist es gut, wenn man verschiedene Pfeile im Köcher hat. So habe ich das Dylan-Programm gemacht, eine CD mit der WDR-Bigband aufgenommen oder eben jetzt diese Geschichte.

Stehen weitere Nebenprojekte" an?

Mit der Bigband werde ich auch ein neues Projekt angehen, das dann aber erst 2011 zum Jubiläum des Einheitsvertrags erscheinen soll. Da geht es dann um Songs, die alle etwas mit dem Thema Deutschland zu tun haben.

Ist diese Abwechslung auch wichtig, um sich selbst immer wieder neu herauszufordern?

Mir liegt es fern, fünf Jahre lang mal einfach nichts zu machen. Der Preis dafür ist, dass du immer aufpassen musst, dich nicht zu klein zu machen. Ich habe auch schon mal eine Tour ganz alleine gemacht, ohne Tourbegleiter oder so. Da habe ich aus meinem Buch vorgelesen, habe eine Gitarre mitgenommen und bin mit der Bahn gereist.

Das führt auch irgendwie in die Anfangstage zurück, als du als Alleinunterhalter durch die Kölner Kneipen getingelt bist?

Ja, stimmt. Aber ich gehe gerne auch in kleinere Läden und habe Kontakt zum Publikum. Das gibt einfach ein viel besseres Feedback, als wenn ich alleine vor mich hinbrüte. Manchmal bist du ja auch einfach von etwas total überzeugt und nachher interessiert es keinen. Die Fans sind da sehr ehrlich und sagen auch, wenn ihnen etwas nicht gefällt.

Ihr habt mit BAP in den letzten Jahren häufig Resümee gezogen. Es gab diese Jubliäums-Doppel-CD 'Dreimal zehn Jahre', der gesamte Backkatalog ist neu herausgegeben worden.

Damals haben viele befürchtet, dass wir vielleicht aufhören könnten. Das hatten wir aber nicht im Entferntesten im Hinterkopf. Es war einfach eine gute Gelegenheit, diese Jahre noch mal Revue passieren zu lassen. BAP sehe ich nicht als eine Band, die nur noch Greatest-Hits-Touren spielt, aber es gibt immer wieder Fans, die einfach von uns gerne Lieder hören wollen, die sie aus bestimmten Phasen in ihrem Leben mitgenommen haben. Das ist alles legitim, aber natürlich wollen wir uns auch wieder weiter entwickeln. Das ist immer ein Spagat, das eine hinzukriegen ohne das andere zu lassen.

Waren danach die beiden 'Radio Pandora'-CDs auch so etwas wie ein weiterer Neuanfang?

Da war das Statement natürlich eindeutig: Wir machen nicht ein neues Album, sondern gleich zwei. Wir hatten so viel Material und soviel Spaß daran, dann haben wir quasi als Kür noch ein reines Unplugged-Album oben drauf gelegt. Aber eben neue Stücke und nicht nach dem Motto 'Die größten Hits mit spanischer Gitarre und Streichquartett'.

Wie geht es mit BAP weiter?

Im Oktober ist das Studio wieder gebucht, und wir werden dann wie bei dem Unplugged-Album mehr oder weniger live dort aufnehmen. Man darf nicht zu viel vorbereiten, jeder kann inzwischen zuhause perfekte Demos auf seinem Laptop aufnehmen - die klingen besser als früher unsere Platten. Aber wenn man dann nicht aufpasst, spielt man im Studio einfach das noch einmal nach, was da schon drauf ist. Das wäre absolut leblos.

Ist das eine Lehre aus dieser Produktion von 'Ahl Männer, aalglatt', an der BAP Mitte der 80er Jahre beinahe zerbrochen wäre und von der du dich später immer sehr distanziert hast?

Damals war ich in solchen Dingen völlig hilflos, ich habe nur instinktiv gespürt, dass nicht ich das bin, der dort singt. Ich mache eigentlich alles aus meinem Gefühl heraus, auch wenn ich schreibe. Meine Nackenhaare sagen mir, ob etwas stimmt. Wenn die nicht hochgehen, dann kann ich das so noch nicht singen, dann muss ich etwas anderes schreiben. Ich höre nur darauf, und mit einem Mal wurde BAP zu einer vollkommen technokratischen Angelegenheit, das hat mich total verunsichert. Deswegen musste ich meine erste Solo-Platte machen; ich wollte herausfinden, ob man nicht auch noch anders Musik machen kann. Ich habe mir dann die Leute gesucht, mit denen das so ging wie ich mir das vorstellte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+