Landkreis Osterholz

Bauern befürchten Einnahmeeinbußen

Landkreis Osterholz. Der Preis für Getreide hat sich seit dem vergangenen Sommer fast verdoppelt. 'Der Nahrungsmittel- und Futtermarkt ist knapp besetzt', sagt Landwirt Adolf Ahrens. Die Spekulanten, die an den internationalen Rohstoffbörsen Kasse machten, trügen dazu bei.
11.08.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Lutz Peter kaubisch

Landkreis Osterholz. Getreide ist teuer. Der Preis hat hat sich seit dem vergangenen Sommer fast verdoppelt. Der lange Winter, heiße Sommer, wenig Regen: Vor allem Russland als Kornkammer des Kontinents drohen dramatische Ernteeinbußen; Premier Putin verhängte ein Exportverbot. 'Der Nahrungsmittel- und Futtermarkt ist knapp besetzt', sagt Landwirt Adolf Ahrens aus Hülseberg. Die Spekulanten, die an den internationalen Rohstoffbörsen Kasse machten, trügen dazu bei. Den Bauern hierzulande nützt das wenig.

Die Ernte im Landkreis hat begonnen, und sie lässt nicht viel Gutes ahnen. 'Ich rechne mit Umsatzeinbußen von zirka 30 Prozent', sagt Ahrens. Der 50-Jährige ist Mitglied im Vorstand des Landvolks und weiß, was bei den Kollegen auf den anderen Höfen los ist. Er selbst bewirtschaftet rund 50 Hektar Fläche für Getreideanbau. 'Steigende Preise - das heißt nicht automatisch mehr Geld für uns.'

Auch Dr. Uwe Huljus, Geschäftsführer des Landvolkverbandes, kennt die Situation der im Verband organisierten 1250 Landwirte. Die überwiegende Zahl betreibt vor allem Viehwirtschaft. 70000 Rinder und 20000 Schweine stehen in den Ställen - auch die 4500 Pferde und 4000 Schafe fallen ins Gewicht. Die Tiere brauchen jede Menge Futter. Man kann das an den weitläufigen Grünlandflächen nachvollziehen, die bei der Fahrt über die Dörfer die Feldwege säumen. Was vor allem wächst ist die Befürchtung, dass dort dieses Jahr wenig zu holen ist. Der Mais bemüht sich, nach den Regenfällen in den vergangenen Tagen aufzuholen.

Zwischen 13 und 14 Euro hat Ahrens vergangenes Jahr für den Doppelzentner Weizen von der Warengenossenschaft in Lübberstedt kassiert - eine Dezitonne, wie man die 100 Kilo in Neudeutsch heute bemisst. Gestern stand der Preis bei zirka 18 Euro, Wiederverkaufswert: 20 Euro. Das klingt nicht schlecht. 'Ich verfüttere den Weizen aber komplett an die Schweine', erklärt Ahrens. 'Wollte ich aus dem gestiegenen Preis mehr Gewinn erzielen, müssten die Fleischpreise entsprechend steigen.' Das sei nicht in Sicht. 'Höchstens 30 bis 40 Bauern im Landkreis', so Huljus ergänzend, zögen eventuell einen Nutzen aus der momentanen Marktsituation. Sie wirtschafteten 'auf fetten Böden', zum Beispiel im Gebiet der Bremer Schweiz, vor Stendorf. Die anderen: 'Fehlanzeige'.

Ahrens ist neulich die ersten Male zum Dreschen unterwegs gewesen, auch für andere Landwirte. Es sieht nicht vielversprechend aus, was er zu sehen bekommt. Die sechs bis sieben Tonnen Roggen haben ihn überrascht; 'das war im Rahmen'. Die Sommergerste - ein Reinfall. Und der Weizen? 'Mal seh?n. Ahrens will nicht vorher die Flinte ins Korn werfen; vielleicht glätten sich die Wogen. 'Vergangenes Jahr hatten wir um diese Zeit ein Drittel mehr auf Lager', sagt Jürgen Jacobs, Silomeister bei der Warengenossenschaft Gnarrenburg in der Lübberstedter Filiale. Der 600-Tonnen-Berg, der in der Halle lagert, lässt zu wünschen übrig. Niedersachsenweit rechneten die Landwirtschaftsverbände für dieses Jahr mit einem Rückgang der Erntemengen um 11,4 Prozent. 'Die Situation wird sich demnächst in den Kraftfutterpreisen widerspiegeln', ist Geschäftstellenleiter Manfred Berner sicher. 'So viel zu der Milchmädchenrechnung, dass der gestiegene Erlös beim Weizen uns etwas einbringt', fügt Adolf Ahrens

hinzu.

Das Getreide verkaufen oder es verfüttern? Was sich eher lohnt, müssen die Landwirte inzwischen jeden Tag neu kalkulieren. Ob die Rechnung aufgeht, entscheiden nicht sie. Wenn die Bauern demnächst vielleicht mit dem Taschenrechner aufs Feld rausfahren, dann hat das auch damit zu tun, dass woanders das große Geld verdient wird - ohne schweißtreibende Arbeit und ohne viel Staub aufzuwirbeln. Den Reibach machen die international agierenden Spekulanten.

Es herrscht Goldgräberstimmung hinsichtlich der goldgelben Ähren. Bei der Entwicklungs- und Umweltorganisation 'German Watch', die Nachhaltigkeit als Leitbild verfolgt und auf globaler Ebene Wirtschaftsprozesse analysiert, schätzt man, dass aktuell 70 Prozent der Weltmarktmenge an Weizen verzockt werden. Es ist eine Sache, dass dem Export durch das russische Ausfuhrverbot fünf Millionen Tonnen Getreide fehlen. Die andere sei, dass die Spekulanten Terminkontrakte nutzten, um den Weizen in großem Stil aufzukaufen, den Bestand zu blockieren und so den Markt künstlich zu verknappen, sagte German-Watch-Mitarbeiter Klemens van de Sand Anfang der Woche in einem Nordwestradio-Beitrag. Auch die großen großen Banken und Hedgefonds geben den Ton beim Weizenhandel an. Verfolgt man die Börsennotizen, kann man zugucken, wie Aktien von Düngemittelherstellern anziehen und Aktien von Lebensmittelherstellern unter Druck geraten. Steigende Preise - unter anderem für Brot - werden so vorweggenommen.

Dass es soweit kommt, sieht Uwe Huljus vom Landvolkverband bisher nicht. Und auch der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Manfred Nüssel, hat abgewinkt. Der Getreidepreis mache nur einen kleinen Teil der Kosten für ein Brot oder ein Brötchens aus. Selbst sich Weizen um mehr als die Hälfte verteure, koste ein Kilo Brot lediglich zirka zehn Cent beziehungsweise drei Prozent mehr.

Morgen will Adolf Ahrens wieder rausfahren. Der Mähdrescher ist ein 150.000-Euro-Monstrum, und es muss Geld einbringen. Ob ihm seine Schweine schließlich die Haare vom Kopf fressen würden würden? Ahrens lacht und beugt das Haupt. Er hat fast keine mehr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+