Blocklander betrachten Weservertiefung mit Sorge

Bei Ebbe klemmen alle Türen im Haus

Auch bei Sturmfluten werden die Blocklander wohl kaum nasse Füße bekommen – seit 1881 gab es keine Überschwemmung mehr an der Wümme. Die geplante Vertiefung der Weser gibt ihnen dennoch Anlass zur Sorge.
13.07.2015, 00:00
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Von Johannes Kessels
Bei Ebbe klemmen alle Türen im Haus

Auf dem Hof Bavendamm wurde beim Blocklander Heimatabend viel diskutiert. Ein Thema: Die Weservertiefung.

Frank Thomas Koch

Auch bei Sturmfluten werden die Blocklander wohl kaum nasse Füße bekommen – seit 1881 gab es keine Überschwemmung mehr an der Wümme. Die geplante Vertiefung der Weser gibt ihnen aber dennoch Anlass zur Sorge. Darüber wurde jetzt beim Blocklander Heimatabend gesprochen, zu dem die Arbeitnehmerkammer Bremen im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe zur Stadtentwicklung auf den Hof Bavendamm an der Waller Straße in Wummensiede eingeladen hatte.

Knapp 100 Besucher hatten sich auf dem jahrhundertealten Hof eingefunden, der, weil er sich im Besitz der Stadt Bremen befindet, auch als „Senatsranch“ bekannt ist. Seit 1990 ist er an den BUND verpachtet, seit 2009 betreibt dort die Familie Wilkens Milchwirtschaft nach biologischen Richtlinien. Eingestimmt wurden die Gäste von der Sängerin und Pianistin Karrie Pavish Anderson aus Alaska, die übrige musikalische Begleitung übernahmen das Bremer Kaffeehaus-Orchester und die Metal-Band G.L.A.S.S., zeitweise sogar zusammen.

„Das Blockland lebt mit seiner Tradition, seiner Jugend und seinen Einwohnern“, sagte der Ortsamtsleiter Heiner Schumacher auf eine Frage von Peter Schenk, dem Kulturreferenten der Arbeitnehmerkammer, der den Abend moderierte. Der größte Bremer Ortsteil mit der geringsten Einwohnerzahl sei der Vorgarten der Stadt, aber niemand habe es gern, wenn sein Vorgarten zertrampelt werde. „Wir nehmen gern die Menschen auf, die zur Erholung kommen, aber die müssen bereit sein, friedlich mit uns zusammenzuleben“, sagte Schumacher, der sich besonders über die Rennradfahrer beklagte. Die hätten in einem Dorf mit sanftem Tourismus nichts zu suchen.

Der Landwirt Hinrich Bavendam erklärte, der Strukturwandel in der Landwirtschaft werde nicht von den Bauern, sondern von der Politik verursacht – es gehe nur noch um Kostensenkung.

Kein Schlittschuh-Paradies mehr

Herbert Brückner, der von 1975 bis 1985 Senator für Umweltschutz, Gesundheit und Sport war, hat damals das Bremer Naturschutzgesetz in die Wege geleitet. Es begann mit dem Landschaftsplan, der von 1975 bis 1978 erstellt wurde, dann wurde das Naturschutzgebiet Kuhgrabensee ausgewiesen, danach das westliche Hollerland unter Naturschutz gestellt. „Braucht Bremen das Blockland?“, fragte der ehemalige Senator und antwortete selbst: Das Blockland sei lebensnotwendig für die Stadt wegen der Landwirtschaft, zum Hochwasserschutz und als „grüne Lunge“. Das Naturschutzgesetz bezeichnete ein anwesender Landwirt allerdings als „kalte Enteignung“. Die Entschädigungen seien durchaus unzureichend gewesen – ohne Grund seien die damaligen Pächter der „Senatsranch“ nicht pleitegegangen. Die Blocklander sollten mal den derzeitigen Bremer Umweltsenator Joachim Lohse einladen, der sei auch für Landwirtschaft zuständig, riet Herbert Brückner.

„Wann ist ein Lamm ein Lamm?“, fragte G.L.A.S.S. sehr frei nach Herbert Grönemeyer, und den Anfang des nächsten Interviews führte dann auch ein Stofflamm: Wie wird man Deichhauptmann? Michael Schirmer aus Borgfeld, Deichhauptmann für das rechte Weserufer, sagte, vor allem müsse man sich für den Fluss, für Sturmfluten und für die Gegend, in der man lebe, interessieren. Er sei zunächst Mitglied des 33-köpfigen Deichamts geworden, das von den 88 000 Mitgliedern des Deichverbands gewählt wird. Nun vertrete er als oberster Repräsentant den Deichverband mit seinen 52 Mitarbeitern gegenüber der Politik.

Der Klimawandel mache sich auch im Blockland bemerkbar, sagte Schirmer. Herbert Brückner hatte davon erzählt, wie er vor Jahrzehnten, als seine Kinder noch klein waren, das Blockland als Paradies für Schlittschuhläufer kennengelernt hatte. Heute könne man kaum noch Schlittschuh laufen, sagte Michael Schirmer, die Winter würden immer wärmer und kürzer, die Sommer immer heißer und trockener.

„Wir liegen hier eigentlich an der Nordsee“, erklärte Schirmer zur Überraschung der Zuhörer, verriet dann aber auch, wie er das meinte: Von Bremen bis zur Nordsee gebe es kein Gefälle mehr, die Stadt liege auf dem Niveau des Meeresspiegels. In Weser und Wümme gebe es Ebbe und Flut wie in der Nordsee, und der Gezeitenwechsel werde immer stärker – dadurch sehe die Schilfkante am Wümmeufer heute schon aus wie ein zahnloser Tiger.

Ob es den Deichen schon an den Kragen gehe, wollte das Lamm beziehungsweise Peter Schenk wissen. „Noch nicht“, sagte Michael Schirmer, aber es gebe eine Tendenz zu immer mehr Sturmfluten. Deshalb hätten Bremen und Niedersachsen den Generalplan Küstenschutz erstellt: Alle Deiche sollten um einen Meter erhöht werden. Aber die Weser fließe immer schneller, an der Wilhelm-Kaisen-Brücke betrage der Tidenhub 4,20 Meter, ein deutscher Rekord, auf den Bremen aber nicht stolz sein sollte. Würde der Fluss weiter ausgebaggert, kämen noch neun Zentimeter hinzu. „Dann können Sie sich hier von Ihrem Schilf verabschieden.“ Vielleicht auch bald von den alten Häusern, meinte ein Zuhörer: „Die fallen bald auseinander, bei Ebbe klemmen die Türen.“

Peter Schenk versteht den neuen Koalitionsvertrag von SPD und Grünen so, dass die Weser nicht weiter ausgebaggert werden soll. Das sieht Michael Schirmer anders: Über das Stück zwischen Brake und Bremerhaven entscheide allein Niedersachsen, aber gerade wenn die Weser dort vertieft würde, hätte das negative Auswirkungen auf die Stadt. Dann wäre es Aufgabe des Senats, darauf Einfluss zu nehmen, meinte Peter Schenk.

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