Bezirksverband fordert höchste Priorität Hausärzte wollen schnell geimpft werden

Allgemeinmediziner wollen schnell gegen Corona geimpft werden. Sie fürchten eine Beeinträchtigung der medizinischen Versorgung und wollen Vorbild sein.
03.02.2021, 05:50
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter von Döllen

Landkreis Osterholz. Das Personal für die Impfzentren in Niedersachsen steht bereit: Mindestens 4000 Ärztinnen und Ärzte haben sich freiwillig gemeldet, um die 50 Impfzentren des Landes zu unterstützen. Das teilte die Ärztekammer Niedersachsen mit. Die Hausärzte in Niedersachsen fühlen sich allerdings vergessen. In der Corona-Schutzverordnung sei geregelt, dass auch Personen, die in Seniorenheimen Patienten pflegen, betreuen oder behandeln, eine höhere Priorität in der Impfkampagne eingeräumt werden soll – so auch den Personen, die in medizinischen Bereichen mit einem sehr hohen Ansteckungsrisiko tätig sind. „Den Hausärzten unserer Region ist aber bislang kein entsprechendes Impf-Angebot gemacht worden“, sagt Ruben Bernau, Bezirksvorsitzender Stade des Hausärzteverbandes Niedersachsen. „Natürlich ist uns klar, dass keine Impfstoffe verteilt werden können, wenn keine da sind. Aber es würde uns schon reichen, wenn wir bei der nächsten Lieferung berücksichtigt werden“, so der Hausarzt aus Hambergen. Hausärzte würden auch einspringen, wenn ungeplant Impfungen ausfallen sollten und dann Impfdosen bereitstehen, die sonst nicht verwendet werden könnten.

Auf Nachfrage macht Ruben Bernau deutlich, dass die Hausärzte sich in der ersten Prioritätsgruppe sehen. Das geht für Bernau aus der Formulierung der Impfverordnung des Gesundheitsministeriums hervor. Demnach hätten sie jetzt Anspruch auf die Impfung und nicht erst später, wie manch andere den Text der Gruppeneinteilung interpretieren. Laut Bernau werden landesweit sechs von sieben Covid-19-Patienten von den Hausärzten versorgt. Das gehe vom Abstrich bis zur Langzeitfolgenbehandlung. Gerade deshalb sei es wichtig, dass zumindest solche Hausarzt-Praxen möglichst gut geschützt werden , die Heimbesuche durchführen oder onkologische Patienten versorgen. „Wer würde denn die Versorgung der Corona-Patienten übernehmen, wenn wir Hausärzte und die Praxisteams aufgrund einer Infektion ausfallen und die Praxis vorübergehend schließen müssten?“, fragt der Mediziner.

Unterschiedliche Auffassung

Der Landkreis Osterholz sieht die Sache allerdings ein wenig anders. Aufgrund der derzeit sehr begrenzten Verfügbarkeit des Impfstoffs sollen die Impfzentren die Impfungen in enger Anwendung der Coronavirus-Impfverordnung des Bundes durchführen, erklärt Jana Lindemann, Sprecherin des Landkreises. Hausärzte und deren Personal seien in die Kategorie 2 für mit hoher Priorität zu impfenden Personen eingeordnet. Die Gruppe solle umgehend geimpft werden, wenn die Kategorie 1 der mit höchster Priorität zu impfenden Personen möglichst vollständig durchgeimpft wurde. Derzeit ist dies noch nicht der Fall.

Ganz so einfach ist die Sache aber doch nicht. Personen, die in Alten- und Pflegeeinrichtungen ältere oder pflegebedürftige Menschen behandeln, betreuen oder dort tätig sind, könnten auch unter die Kategorie 1 fallen, heißt es in der Stellungnahme der Kreisverwaltung. Das niedersächsische Sozialministerium habe den für den Betrieb der Impfzentren verantwortlichen Landkreisen zwar mitgeteilt, dass nicht alle Hausärzte, die Patienten in Alten- und Pflegeeinrichtungen behandeln, in die erste Kategorie gefasst werden können. Indes sei es aber möglich, die von der Kassenärztlichen Vereinigung benannten Vertragsärzte der entsprechenden Einrichtungen zeitnah zu berücksichtigen. Dem Landkreis Osterholz liege eine Liste der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen über die Vertragsärzte aus den Alten- und Pflegeeinrichtungen vor. „Der Landkreis prüft, ob und in welcher Form diesen Ärzten ein Impfangebot unterbreitet werden kann, sobald wieder Impfstoff zur Verfügung steht“, teilt die Pressesprecherin mit.

Der Stader Bezirksverband der Hausärzte fürchtet einen größeren gleichzeitigen Ausfall von Hausärzten, sollte es zu einer Verbreitung der ansteckenderen Mutationen kommen, heißt es in einer Mitteilung. „In diesem Fall wäre die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung, vor allem der Hochbetagten, die zu Hause gepflegt werden, massiv gefährdet“, erklärt Ruben Bernau.

Ein weiteres Problem sieht Bernau in der unklaren Zuständigkeit für die Festlegung der regionalen Impfreihenfolge, also wann genau in welchem Pflegeheim geimpft wird. Eine Nachfrage hierzu bei den Landräten in seinem Bezirk brachte nach Angaben des Arztes keine Klärung. Im Saarland, in Berlin, in Bremen, Bayern, Thüringen und Rheinland-Pfalz habe sich die Politik mit den Ärzten verständigt und sich für eine umgehende Impfung der Hausärzte ausgesprochen. „Diese Bitte habe ich auch an die in Niedersachsen politisch Verantwortlichen. Denn wir wünschen uns, dass schnellstmöglich alle Menschen in Deutschland geimpft werden können. Solange das aber nicht gewährleistet ist, sollten alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden, um die grundsätzliche Gesundheitsversorgung gewährleisten zu können“, meint Bernau. „Die Vorbildfunktion der Hausärztinnen und Hausärzte aus unserem Bezirk, die sich impfen lassen möchten, ist gerade für die Unentschlossenen wichtig.“

Regelung fürs Impfzentrum

Anders als Hausärzte werden die Mitarbeiter des Impfzentrums in Osterholz-Scharmbeck zu den Gruppen gezählt, die als erste zu impfen sind. Wie die Redaktion erfuhr, sind unter ihnen viele ältere Mediziner. Eine Risikogruppe. Wann sie geimpft werden, wissen sie nicht. Dabei rechnen sie damit, in wenigen Tagen bis zu zwölf Patienten in der Stunde im Impfzentrum zu betreuen. „Es gibt unter uns Ärzten Bedenken, weil wir nicht vorab geimpft wurden“, gibt Dr. Achim Teichner die Stimmung wieder. Bis der Körper eine gewisse Immunität entwickelt hat, dauert es Tage.

Landkreissprecherin Jana Lindemann erklärt das Problem mit fehlendem Impfstoff. Tatsächlich sei ein Teil der Mitarbeiter – die mobilen Teams, die bereits in den Heimen impfen – mit einer Schutzimpfung versorgt. Sie würden „vorrangig für den Betrieb des Impfzentrums zur Verfügung stehen“. Die betroffenen Ärzte hätten dagegen erst kürzlich ihre Honorarverträge geschlossen. Diese Verträge seien Voraussetzung für die prioritäre Impfung. „Seitdem hat der Landkreis keinen Impfstoff für die Erstimpfung erhalten“, teilt sie mit. Diese Mitarbeiter würden daher „zum nächstmöglichen Zeitpunkt mit der nächsten Impfstofflieferung versorgt werden können“. Weiter betont Lindemann, dass der Landkreis „glücklicherweise“ so viele Ärzte gewinnen konnte, dass sie flexibel eingesetzt werden könnten. „Möchte eine Person ohne vollständige Schutzimpfung nicht eingesetzt werden, wird der Landkreis dies berücksichtigen können.“

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