Am Volkstrauertag wühlen Kindheitserinnerungen an Flucht und Hinrichtung eines Juden Dieter Gerstmann auf Bilder des Grauens kommen wieder hoch

Am Volkstrauertag ist die
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Von Michael Wilke

Am Volkstrauertag ist die

Erinnerung an das Grauen wieder da. Dann sieht Dieter Gerstmann die jüdischen Gefangenen vorbeiziehen. Mit bloßen Füßen in Holzschuhen stapfen sie durch den Schnee, mit steifen Gliedern gegen den eisigen Wind in grau gestreiften Kleidern, die wie Schlafanzüge aussehen. Dieter Gerstmann sieht den deutschen Offizier und hört die Schüsse. "Ich war sieben, acht Meter entfernt. Wir mussten mit ansehen, wie einer hingerichtet wurde, der nicht mehr konnte. Der Offizier schoss, und der fiel in den Schnee." Elf Jahre alt war Gerstmann, er konnte nichts tun. Der Flüchtlingstreck zog weiter. Die Rote Armee eroberte die deutschen Ostgebiete.

Lilienthal. "Das wühlt einen immer wieder auf", sagt Dieter Gerstmann. 80 Jahre ist er alt, doch die Erinnerung an Schreckensbilder von Krieg und Gewalt, Entrechtung und Vernichtung lastet auf seiner Seele. Sie drängt an Tagen wie diesem an die Oberfläche. "Wenn man erlebt hat, wie Soldaten wehrlose Zivilisten hinrichten, dann vergisst man das nicht", sagt der Lilienthaler im Gespräch mit der Redaktion.

Die Flucht vor der Roten Armee aus Schlesien liegt fast 69 Jahre zurück, Gerstmann war damals elf. Unterwegs sah er eine Gruppe zahnloser hohläugiger Elendsgestalten mit Judensternen an der Sträflingskleidung. Ein Häftling brach zusammen und stand wieder auf: "Der bettelte um sein Leben. Jemand von uns wollte helfen, aber der Offizier schrie ihn an." Der Uniformierte, hoch zu Ross, schoss zweimal, das Opfer fiel in den Schnee. "Wir kriegten den Befehl, weiterzufahren." Ein Schock war das, ein Trauma, das der Junge nur verdrängen konnte, ausblenden, wegschieben. Doch damit waren die Bilder nicht gelöscht. Im Erwachsenenalter tauchen sie wieder auf, an besonderen Tagen, an Geburtstagen oder am Volkstrauertag.

Volkstrauertag. Ein nasser grauer Novembertag, der Himmel wolkenverhangen, es will nicht richtig hell werden an diesem Sonntag. An grauen Denkmälern und auf Friedhöfen legen Menschen Kränze nieder, um an die Schrecken des Krieges, an Millionen Opfer von Krieg und Gewalt zu erinnern, die niemand gezählt hat und niemand zählen kann, deren Zahl das Vorstellungsvermögen überfordert.

Bauer erfror auf Ackerwagen

Die Totenehrung ist für die breite Masse ein Ritual, das sie nicht berührt. Die sich an Denkmälern und Gräbern treffen, gehören zu einer Minderheit, die verhindern will, dass die Abertausenden von Toten der Kriege vergessen werden. Die Redner lenken den Blick auch auf aktuelle Kriege und deren Opfer, Verfolgung und Flucht. Auch Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz tut das an diesem Tag. Er erinnert an das unsägliche Leid und die langen Schatten der Weltkriege, weist aber auch auf die Kriegs- und Krisengebiete hin, auf das Elend von Flüchtlingen, denen "das Dach über dem Kopf weggeschossen" wurde. Auch Dieter Gerstmann hat gesprochen. Dann haben Vereine und Verbände am Denkmal vor der Klosterkirche Kränze niedergelegt.

Im Gespräch mit der Redaktion erinnert sich Gerstmann an die Flucht aus Schlesien im Januar 1945. Er hatte Hunger und fror bei minus 20 Grad und hohem Schnee. "Ich wollte nach Hause." Das ging nicht. Um sechs Uhr früh hatte die Familie das Dorf bei Breslau mit den anderen Bewohnern verlassen. "Im Osten, wenn man Richtung Oder blickte, war der Himmel rot. Man hörte Geschützdonner. Das war unheimlich." Pferde zogen schwer beladene Ackerwagen. Ein Bauer erfror auf seinem Wagen. Er wurde in den hohen Schnee gelegt.

Das Kriegsende erlebte Gerstmanns Familie in der zirka 250 Kilometer entfernten Grafschaft Glatz. Nachts kam die Rote Armee. Frauen flüchteten in die Berge, es gab Schreckensnachrichten von vergewaltigten und verschleppten Menschen.

Die Familie wanderte auf Schleichwegen zurück ins Heimatdorf bei Breslau. "Die Häuser waren leer, die Scheiben kaputt, alles was nicht niet- und nagelfest war, lag draußen rum. Und Granaten", erzählt Gerstmann. Es gab wenig zu essen. Im Sommer 1946 wurden die Dorfbewohner vertrieben – von Polen, die aus der Ukraine vertrieben worden waren. Morgens klopfte jemand ans Fenster, Ackerwagen brachten die Deutschen zum Bahnhof in Strehlen. Acht Tage dauerte die Fahrt in Güterwagen bis Nordenham.

"Wir haben Schreckliches erlebt", sagt der 80-jährige Lilienthaler. Doch dürfe man nicht vergessen, dass die Deutschen in Polen und in die Sowjetunion eingedrungen seien beim Angriffskrieg des Naziregimes, das auch die Judenvernichtung zu verantworten habe. Dieter Gerstmann hegt keinen Groll gegen die Polen, die heute in seinem Heimatdorf leben. 1987 ist er zum ersten Mal hingefahren, mit gemischten Gefühlen. "Ich wurde aufgenommen wie ein verlorener Sohn", sagt er. Versöhnung, das ist für den Lilienthaler der einzige Weg zum Frieden.

Bericht zum Volkstrauertag in Tarmstedt Seite 5

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