WGR besichtigt Anlage in Loxstedt und plädiert für neue Nutzung des Ritterhuder Klärwerkareals

Biogasproduktion am Wümmedeich?

Ritterhude·Loxstedt. Die Motoren summen leise, werden vom Palaver der Milchkühe im Stall auf der anderen Straßenseite übertönt. Kaum wahrnehmbar auch der Geruch von Silage und Gülle. Die Biogasanlage von Karl Becken in Hetthorn gibt kein Feindbild mehr ab, hat sich in die Nachbarschaft des Loxstedter Ortsteils integriert. Solch einen Energieproduzenten können sich Christine Börnsen und Marcus Bärje auch auf dem Gelände der ehemaligen Kläranlage Ritterhude vorstellen.
03.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Grunewald

Ritterhude·Loxstedt. Die Motoren summen leise, werden vom Palaver der Milchkühe im Stall auf der anderen Straßenseite übertönt. Kaum wahrnehmbar auch der Geruch von Silage und Gülle. Die Biogasanlage von Karl Becken in Hetthorn gibt kein Feindbild mehr ab, hat sich in die Nachbarschaft des Loxstedter Ortsteils integriert. Solch einen Energieproduzenten können sich Christine Börnsen und Marcus Bärje auch auf dem Gelände der ehemaligen Kläranlage Ritterhude vorstellen.

Die beiden Ratsmitglieder der Wählergemeinschaft Ritterhude (WGR) haben sich im benachbarten Cuxland über Vor- und Nachteile einer Biogasanlage informiert. "Die Vorurteile waren zunächst groß", sagt Betreiber Karl Becken. Doch die Angst vor Gestank und Lärm habe sich als grundlos herausgestellt.

Becken ist stolz auf seine vier giftgrünen Behälter (Fermenter, Nachgärer und zwei Gärrestlager), die wie riesige Pilzköpfe neun Meter hoch in den Winterhimmel ragen und das Herzstück der Anlage bilden. Sie wurde in nur vier Monaten erbaut und erzeugt seit dem vergangenen Jahr 600 Kilowatt alternativen Strom. Den nutzt der Landwirt für den Eigenbedarf, den Überschuss belässt er im allgemeinen Stromnetz und verdient daran. Und die Gärreste sind als hochwertiger Dünger zu verwenden.

"Nur neun Meter hoch? Die Anlage würde auch in die Landschaft des ehemaligen Klärwerksgeländes am Wümmedeich passen, ohne den vorhandenen Baumbestand zu überragen", sagt Christine Börnsen. Sie und ihr Ratskollege Bärje machen kein Hehl aus ihrer kommunalpolitischen Zielsetzung: Von allen bislang diskutierten Nutzungsmöglichkeiten auf dem ehemaligen Klärwerksareal sei eine Biogasanlage die beste.

Über die künftige Verwendung des Geländes hat es denn auch bereits Gespräche gegeben. Bislang allerdings nur hinter verschlossenen Türen. Auch im Verwaltungsrat der Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) "Abwasserbeseitigung Ritterhude". Sie ist Vertragspartner von "Hansewasser". Das bremische Unternehmen sorgt seit 2009 für die Entsorgung der Abwässer der Hammegemeinde. Die werden über eine 5,8 Kilometer lange Druckleitung ins hansestädtische Kanalnetz nach Oslebshausen und von dort zur Kläranlage Seehausen gepumpt. Das kleine Ritterhuder Klärwerk hat somit ausgedient.

Im Prozess des Nachdenkens

Grundsätzlich, das haben auch Sondierungsgespräche mit dem Landkreis Osterholz ergeben, könnte auf dem Areal "Am Wümmedeich" eine Biogasanlage entstehen. Freilich nicht von heute auf Morgen. Allein für die "genehmigungstechnischen Vorprüfungen", so hieß es im November 2010, benötige man ungefähr ein Jahr. Abschließend müssten der Flächennutzungsplan geändert und ein Bebauungsplan aufgestellt werden.

Als Betreiber einer Biogasanlage könnte sich zum Beispiel "Hansewasser" engagieren. Als sogenannter Betriebsführer der Abwasserbeseitigung in Ritterhude, sagt "Hansewasser"-Sprecher Volker Broekmans, sei man auf alle Fälle aufgefordert, zusammen mit der Ritterhuder AöR über sinnvolle Nachnutzungsmöglichkeiten für das Areal an der Wümme nachzudenken. Dieser Prozess des Nachdenkens werde gerade strukturiert und mit der AöR abgestimmt.

Gülle, wie sie Landwirt Karl Becken in Hetthorn aus seinem Kuhstall über ein unterirdisches Rohrnetz in die Biogasanlage leitet, käme aus Sicht der Wählergemeinschaft zur Biogasproduktion in Ritterhude nicht in Frage. Christine Börnsen: "Dann wären in der Gemeinde ja ständig Jauchenwagen unterwegs." Doch alternative Energie lässt sich beispielsweise auch aus Mais- und Grassilage, Grünschnitt oder Bioabfall gewinnen.

Auf alle Fälle würde eine Biogasanlage am Wümmedeich ins Konzept "Energiewende Osterholz 2030" passen. Danach sollen in 20 Jahren alle lokalen Potenziale im Landkreis für eine 100-prozentige Strom- und Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien genutzt werden. Etwa 50 Prozent durch Wind, der Rest durch Sonne und Biogas. Und so wäre ein biologisch arbeitender Energieproduzent an der Wümme auch kein Novum im Landkreis Osterholz. In Betrieb befinden sich bereits Biogasanlagen in Heudorf bei Worpswede, in Osterholz-Scharmbeck an der Osternheide, in der Gemeinde Schwanewede an der Rader Straße und ein kleines Exemplar am Heller Damm in Ritterhude. Darüber hinaus sind im Landkreis sechs weitere Anlagen in Schwanewede und Hambergen genehmigt worden.

Angesichts der mit dem Slogan "Energiewende 2030" vom Landkreis ausgegeben energiepolitischen Perspektive bezeichnen Börnsen und Bärje denn auch den jüngst geäußerten Vorschlag, das Gelände der ehemaligen Kläranlage als Parkplatz für Camper auszuweisen, als indiskutabel.

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