Impfkampagne

Warten auf den Piks

Die Impfungen im Landkreis Osterholz sind angelaufen. Knappe Impfstoffe limitieren die Aktion noch. Bisher gibt es auch keine Lösung für Personen, die nicht selbst zum Impfzentrum kommen können.
12.01.2021, 06:05
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Peter von Döllen

Landkreis Osterholz. Der Impfstoff, der die Welt von der Corona-Krise befreien soll, ist filigran und fragil. Die mRNA-Stränge, die dem Körper die Bauanleitung für ein Protein geben, gegen das der Körper dann eine Immunantwort entwickelt, zersetzen sich sehr schnell. Eine fettähnliche Hülle umgibt deshalb den Strang. Jeder Hersteller der Impfstoffe hat einen eigenen Weg dazu entwickelt. Die Impfstoffe müssen deshalb unter anderem gekühlt transportiert werden. Nach der Aufbereitung für die Impfungen sind sie nur bedingt haltbar. Für Impfungen in Zentren oder beim Einsatz von mobilen Impfteams in Einrichtungen ist das kein Problem. Einzelne Impfungen von Personen sind derzeit indes kaum möglich.

„Wenn ein Fläschchen angebrochen wurde, darf es nicht mehr transportiert werden“, bestätigt Jana Lindemann, Pressesprecherin des Landkreises Osterholz. Sie kann vielen Bürgern über 80 Jahre, die im eigenen Zuhause wohnen und nicht zum Impfzentrum kommen können, aktuell wenig Hoffnung machen. Mittlerweile können und dürfen aus einer Verpackung sechs Personen geimpft werden. Mobile Impfteams müssten also bei jedem Hausbesuch fünf Dosen wegwerfen - bei der derzeitigen Impfstoffversorgung kaum denkbar. Der Landkreis setzt auf das Land Niedersachsen, das nach einer Lösung des Problems sucht und dau entsprechende Vorgaben machen soll. Vermutlich kann der Ausweg aber erst mit weiteren zugelassenen Impfstoffen gefunden werden, die weniger empfindlich sind.

Der Impfstoff von Moderna, der vergangene Woche in der EU zugelassen wurde und von dem heute eine erste Lieferung in Deutschland erwartet wird, beruht auf der gleichen Technik wie der bereits eingesetzte Stoff von Biontech. Er ist zwar mit weitaus höheren Temperaturen beim Transport und Lagerung zufrieden. Empfindlich ist er aber ebenso und wird auch keine Lösung für Einzeleinsätze sein. Anders sieht das bei dem Impfstoff von Astrazeneca aus, der einen anderen Ansatz verfolgt und robust sein soll. Obwohl er in Großbritannien bereits eingesetzt wird, hat der Hersteller noch keine Zulassung in der EU beantragt.

Zwischenzeitlich hat sich mindestens ein mobiler Pflegedienst beim Landkreis gemeldet und angeboten, seine Kunden selbst zu impfen. Ungeachtet der schwierigen Handhabung der aktuellen Impfstoffe scheint das aber auch aus anderen Gründen kaum machbar: „Wir haben dafür gar keine Zeit“, sagt der Leiter eines weiteren Pflegedienstes, der seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Der Zeitplan sei ohnehin schon sehr eng.

Sven Mensen, Geschäftsführer des Pflegedienstes Lilienthal, bestätigt diese Sicht: „Wir bräuchten dafür die nötige Zeit“, sagt er. Zudem müsste ein Arzt die Mitarbeiter begleiten, der die zu Impfenden über medizinische Aspekte aufklären und beraten muss. Mensen überschlägt den Zeitaufwand und kommt auf rund 32 Tage, die sein Team für eine Impfung seiner Kunden brauchen würde - diese Zeit könne wohl kein Arzt aufbringen. Für Sven Mensen liegt die Lösung bei den Hausärzten.

Auch Ruben Bernau, Hausarzt in Hambergen, sieht das so. Das Team seiner Praxis, die er zusammen mit seiner Frau als Arztgespann betreibt, habe viel Erfahrung beispielsweise mit Grippeimpfungen. Mit einem geeigneten Impfstoff sollte das seiner Meinung nach kein Problem darstellen. „Wir wollen nicht priorisieren“, erklärt Bernau, der auch in der Ärztekammer aktiv ist. Sie wollen alle Impfwilligen impfen, heißt das. Derzeit aber gibt die Bundesregierung die Impf-Reihenfolge vor. Danach sind zunächst unter anderem die Bewohner der Senioren- und Pflegeheime, deren Personal und Menschen über 80 Jahre dran.

Derzeit sind zwei Teams des Landkreises unterwegs, um Bewohner und Personal in den Seniorenheimen zu impfen. Vergangene Woche konnten 600 Personen mit dem Pieks versorgt werden, wobei am gestrigen Montag der Rest der 975 Dosen verwendet wurde, die dem Landkreis zur Verfügung standen. Die nächste Lieferung werde am 18. Januar erwartet. Geduld ist angezeigt.

Die Verfügbarkeit des Impfstoffs limitiert die Impfgeschwindigkeit. Berichte über zu knappe Bestellungen durch die EU und sich schnell ändernde Informationen zum weiteren Impfverlauf führen offenbar zu großer Unsicherheit in der Bevölkerung - besonders bei Menschen über 80 Jahre, die nun an der Reihe wären wären. Sie rufen unter den Info-Nummern des Landes oder der Landkreise an, um sich für eine Impfung registrieren zu lassen.

Aktuell können in Niedersachsen aber noch gar keine Termine vereinbart werden. „Das wird nach derzeitigem Stand ab 28. Januar möglich sein“, erklärt Jana Lindemann vom Landkreis. Das Land werde in Kürze alle Bürger über 80 Jahre anschreiben. In diesem Brief sollen diese Informationen erhalten, wie man Termine bekommt und wo die Impfungen stattfinden sollen. Die Vereinbarung erfolgt telefonisch oder über eine Online-Plattform, die noch freigeschaltet werden muss. In erster Linie werden die Impfungen in den Impfzentren vorgenommen. Das Impfzentrum des Landkreises Osterholz wurde in der Stadthalle in Osterholz-Scharmbeck eingerichtet. Im Gespräch ist auch der Einsatz von Zubringerbussen auf vorhandenen oder neuen Linien. Inwieweit das auch im Landkreis passiert, ist noch unklar.

„Die bisherigen Erfahrungen des Landkreises Osterholz in den Alten- und Pflegeeinrichtungen zeigen eine große Impfbereitschaft. Nur in Einzelfällen (Personal wie Bewohnerinnen und Bewohner) wurde bislang die Möglichkeit der Impfung nicht in Anspruch genommen“, teilt Jana Lindemann mit. Allerdings berichtet Stephan Graf-Peschau, Geschäftsführer des Hauses am Hang in Osterholz-Scharmbeck, von anderen Erfahrungen. Seine Einrichtung war als zweite an der Reihe und die Impfaktion ist dort auch bereits abgeschlossen. Die Bewohner hätten tatsächlich bis auf wenige Ausnahmen teilgenommen. Beim Personal aber ließen sich nur 90 der 130 Mitarbeiter den Impfstoff spritzen. „Wir haben viele jüngere Mitarbeiter“, erklärt Graf-Peschau. Und die scheinen skeptisch zu sein oder hätten sogar Angst.

Bedenken gebe es offenbar bei jungen Leuten mit Kinderwunsch. Sie befürchten negative Auswirkungen auf das Baby. Aber auch allgemeine Skepsis zu Nebenwirkungen gibt es. Die Stoffe wurden in kurzer Zeit entwickelt, das nährt Zweifel an einer ausreichenden Testung. Eine Rolle spielt dabei, dass die Wirkung der beiden aktuellen Wirkstoffe auf genetischem Material beruht. Einige fürchten, die eigene DNA könne verändert werden, Experten halten das allerdings für ausgeschlossen.

Stephan Graf-Peschau selber hat keine Bedenken und hat sich impfen lassen. Skeptiker müssten durch Aufklärung überzeugt werden. Auch Sven Mensen, der zugleich ein Pflegeheim betreibt, berichtet von Zurückhaltung bei seinen Mitarbeitern. Graf-Peschau und Mensen zollten dem Gesundheitsamt ihr Lob. Die Zusammenarbeit sei sehr gut. „Ich habe den Eindruck, da wird sehr akribisch gearbeitet“, sagt Mensen. Er wartet nun auf Informationen, wie es weiter gehen soll - stationär und ambulant.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+