Landkreis OHZ: Einkaufen in der Pandemie

„Wer soll da noch durchsteigen?“

Einzelhandel, Großhandel, Mischbetriebe - mit jeder Corona-Verordnung, jeder Inzidenz-Grenze gelten neue Regeln beim Einkaufen in Corona-Zeiten. Die Verwirrung unter den Kunden nimmt entsprechend zu.
08.05.2021, 08:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Brigitte Lange, Christian Valek, Bernhard Komesker
„Wer soll da noch durchsteigen?“

Anruf genügt: Manche Geschäfte nutzten das Schlupfloch und ermöglichten Spontanbesuche durch die Vereinbarung von Sofort-Terminen.

Christian Kosak

Landkreis Osterholz. Wer kennt sie nicht? Werbespots im Radio, die sich mit Superlativen rund um das zu bewerbende Produkt überbieten. Je bunter, origineller, überraschender, desto besser. Inzwischen drehen sich allerdings immer mehr Spots um etwas ganz anderes: Darum, wie der Kunde zur Ware kommt. Kann sie nur online bestellt und geliefert oder auch reserviert und selbst abgeholt werden? Kann der Kunde das Geschäft nach Terminvereinbarung betreten, die Produkte anfassen? Braucht es dazu einen negativen Covid-19-Test? Oder ist ein Einkauf - bis auf die allgegenwärtige Maske - wie vor der Pandemie möglich? Die Antwort darauf ist fast so vielfältig wie das Warenangebot und hängt ab vom Sortiment, der Verkaufsfläche sowie vom Inzidenz-Wert in Land und Landkreis. „Ich vermute, es geht im Moment gar nicht anders“, meint Simone Schröter, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Ritterhuder Betriebe (IRB).

„Viele unserer Kunden wissen nicht, was möglich ist“, stellt Christiane Rudolph in diesen Tagen immer wieder fest. So manch einer stehe einfach spontan vor der Tür ihres Ritterhuder Einrichtungsgeschäfts „Freiraum“, sei überrascht, dass er einen Termin benötigt. „Andere rufen uns an, weil sie die Regeln verwirrend finden und auf Nummer Sicher gehen wollen“, berichtet Rudolph.

Tatsächlich, so räumt sie ein, komme die aktuelle Vorgabe der Terminvereinbarung ihrer Philosophie sogar entgegen, denn die sei sehr beratungsintensiv. „Durch die Terminvergabe weiß man nun, wer kommt, und hat Zeit, sich ganz auf ihn zu konzentrieren.“ Sie denke bereits darüber nach, ob und wie sich die Termin-Idee über die Pandemie hinaus ins Konzept einbauen lasse. Auch die Kunden schienen damit zufrieden zu sein, so Rudolph.

Sonderfall: Mischbetrieb

Wenige Kilometer entfernt, im Hagebaumarkt in Osterholz-Scharmbeck, schüttelt Marktleiter Alexander Leenders nur den Kopf angesichts der Öffnungsmodalitäten: „Es ist total kurios; wer soll da noch durchsteigen?“ Tatsächlich profitiert sein Markt davon, dass Gartencenter in Niedersachsen als privilegierte Branche gelten und wie Supermärkte regulär aufgesucht werden dürfen. Da die Fläche des Gartenbereichs in Buschhausen größer ist als die der Baumarkt-Abteilung, genießt dieser Hagebau die Vorteile eines Mischbetriebs. Für die Kunden bedeute das, dass sie ohne Terminvereinbarung vorbeikommen und im gesamten Markt einkaufen können. Zumindest so lange sich der Inzidenz-Wert unter 100 bewegt - und die aktuelle Corona-Verordnung gilt. Ab Montag sollen neue Spielregeln gelten.

Steigt der Inzidenz-Wert im Landkreis Osterholz, wird es so oder so undurchsichtig. Denn die Bundes-Notbremse kennt keine privilegierten Branchen, teilt die Kreisverwaltung mit. Was das für die Mischbetriebe bedeute, müsste im Fall erhöhter Inzidenz-Werte mit der Landesregierung geklärt werden, heißt es aus dem Kreishaus.

Bei Baumärkten, wie etwa Toom, die mehr Baumarkt als Gartencenter sind, gelten schon bei einem Inzidenz-Wert unter 100 andere Regeln. Ohne die Privilegien eines Mischbetriebes müssen die Kunden einen Termin vereinbaren, wenn sie sich zwischen Farben, Bohrmaschinen und Laminat umschauen möchten. Das angegliederte Gartencenter indes können Toom-Kunden ohne Termin betreten.

Von Kreis zu Kreis verschieden

Das Möbelhaus Meyerhoff gehört zu denen, die seit Wochen ihre Öffnungszeiten bewerben. „Dennoch haben wir feststellen müssen, dass der Endverbraucher durch die ewig wechselnden Öffnungen und Schließungen des Einzelhandels in einzelnen Landkreisen völlig verunsichert ist“, sagt Marketingleiterin Ute Lipp. Ein deutlicher Beleg dafür seien die Kundenreaktionen. Seit Wochen erhalte das Einrichtungshaus täglich zig Anrufe von Kunden, die sich danach erkundigten, ob es denn geöffnet habe.

In den Gesprächen drehe es sich meist um die gleichen Fragen: Was ist erlaubt? Wer hat noch geöffnet? Welche Corona-Bestimmungen muss der Endverbraucher erfüllen? Das Möbelhaus im Einkaufspark Buschhausen bietet zurzeit das sogenannte Sofort-Shopping an, bei dem eine Terminvergabe vor Ort im Einrichtungshaus erfolgt. „Das ist für viele Spontanbesucher sicher von großem Vorteil“, sagt Ute Lipp. Die Größe macht's möglich.

„Es ist verwirrend; die Leute sind verunsichert“, hat die IRB-Vorsitzende Simone Schröter auch in ihrem Familienbetrieb Zweirad Kliem beobachten können. „Viele Kunden rufen vorher bei uns an.“ Ähnliches habe sie von vielen IRB-Mitgliedern gehört. Und obwohl der Einzelhandel - anders als Supermärkte und Co. - die Kunden nicht ohne Termin beraten und bedienen dürfe, stünden trotzdem viele Kunden unabgesprochen vor der Tür. Schröter sieht einen Grund dafür auch darin, dass der Landkreis mit Bremen direkt an ein anderes Bundesland grenzt - mit wieder anderen Regeln und Inzidenzwerten.

„Zunehmend unzufrieden“

Die Elektrofachmarkt-Kette „Expert Bening“ mit mehr als zwei Dutzend Filialen im Nordwesten jongliert seit Monaten mit den wechselnden Vorgaben. Je nach Standort gilt dabei „Click and Collect“ mit Filialabholung oder - wie in Osterholz-Scharmbeck - „Click and Meet“ mit Shoppingtermin. Bening-Sprecher Björn Trüper bestätigt: „Wir sehen, dass viele Kunden zunehmend unzufrieden sind, weil sie den Überblick verloren haben.“ Sein Haus habe die Umsetzung der allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln „perfektioniert“ und die würden auch sehr gut eingehalten und akzeptiert. Gelegentlich aber mache die Kundschaft ihrem Ärger über die Politik gegenüber dem Verkaufspersonal Luft.

Er habe den Eindruck, dass die allermeisten dabei ihrer Stammfiliale treu bleiben, so Trüper weiter. Auf Nachfrage setzt er hinzu, eine Art Einkaufstourismus finde „nur in sehr seltenen Fällen in nahen Grenzbereichen“ statt. Bening werte die Wohnortdaten der Kunden aktuell nicht systematisch aus, so der Marketingleiter weiter. Zum Portfolio gehöre zudem ja auch das Online-Geschäft, das grundsätzlich im Trend bleiben dürfte. Man berate auch viel telefonisch oder auf Wunsch per Whatsapp mit Videobild. An fast allen Technikmärkten biete man auch die Möglichkeit, über die Luca-App einzuchecken, sodass keine Wartezeiten für die Datenerfassung entstehen.

Ein wenig Zuversicht

Auch wenn die Umsätze "natürlich weiter unter Vor-Corona-Niveau lägen: Verglichen mit anderen Anbietern schlage man sich wacker, bilanziert Trüper, ohne den Namen Medimax zu nennen, der an diesem Sonnabend seinen Standort in Buschhausen aufgibt. "Insgesamt kann man sagen, dass es uns gelingt, unsere Filialen unter Pandemiebedingungen wirtschaftlich zu betreiben."

Möglicherweise wird sich der Verordnungsdschungel zum Wochenanfang ein wenig lichten: Denn die aktuelle Corona-Verordnung tritt am Montag, 10. Mai, außer Kraft. Alexander Leenders geht davon aus, dass sich dann einiges im Bereich Handel ändern und mehr geöffnet wird. Auch der Landkreis vermutet, dass er im Laufe des Wochenendes neue Corona-Regeln auf den Tisch bekommen wird.

Neue Bedenken

Doch Björn Trüper sagt, er sei da durchaus nicht optimistisch. Die angekündigten Öffnungen seien zwar für die Tourismusbranche erfreulich, nachdem manche Menschen zuletzt eher in Haus und Garten als in Reisen und Urlaub investiert hatten. Aber für den Handel bedeuten die Öffnungspläne „faktisch eine Verschärfung“, denn sie sollen mit einer Testpflicht einher gehen. „Terminshopping hat für unsere Kunden gut funktioniert“, ärgert sich Trüper. Dass künftig stattdessen zum Einkaufen ein negativer Test vorgelegt werden solle, werde als stärkere Einschränkung empfunden, und zwar fürs Geschäft wie für den Bürger. In diesem Punkt - die IHK hatte es schon am Donnerstag gefordert - bitte sein Haus das Land „dringend um Nachbesserung“.

Am Freitagmittag jedoch bekräftigte die Landesregierung, sie halte daran fest, und ein Selbsttest daheim sei vorerst nicht ausreichend. Von der Testpflicht würden nur Geschäfte unter 200 Quadratmeter ausgenommen. Der Teufel steckt demnach wohl weiter im Detail.

Info unter www.landkreis-osterholz.de/corona und www.niedersachsen.de/Coronavirus .

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+