Arbeiten in Zeiten des Coronavirus Härtetest für Homeoffice

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich bei Unternehmen bedankt, die in diesen Zeiten vermehrt auf Homeoffice setzen wollen. Doch wie viele Arbeitgeber können das? Die Redaktion hörte sich im Kreis um.
15.03.2020, 17:34
Lesedauer: 6 Min
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Von Bernhard Komesker, Brigitte Lange, Michael Schön und Peter von Döllen

Landkreis Osterholz. Bis Ende voriger Woche war es für viele Arbeitgeber eher ein Plan- und Gedankenspiel, so viele Homeoffice-Arbeitsplätzen für Mitarbeiter wie möglich einzurichten. Nun aber stellt das Coronavirus und seine Eindämmung alles bisher gekannte auf den Kopf. Kitas und Schulen sind geschlossen. Großeltern, die oft die Betreuung übernehmen, gehören zur Risiko-Gruppe. Sie stehen nicht zur Verfügung. Das Thema „Telearbeit“, wie die deutsche Form von Homeoffice lautet, bekommt ein ganz anders Gewicht. Auch im Landkreis Osterholz.

In Gesprächen, die die Redaktion im Verlauf der vergangenen Tage mit Verwaltungen und Firmen im Kreisgebiet führte, erlebte sie, wie schnell das ging. Etwa bei den Osterholzer Stadtwerken. Noch kurz bevor Niedersachsen die Schul- und Kita-Schließung bekannt gab, berichtete Jürgen Möller, Sprecher der Stadtwerke: „In den Bereichen, wo Homeoffice möglich ist, bieten wir es an.“ Und das seit Jahren. Die Stadtwerke würden dafür Notebooks zu Verfügung stellen. Auch sei eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat diesbezüglich getroffen worden. Allerdings sei Homeoffice für Techniker und Mitarbeiter im Kundenbereich nicht geeignet. Ein Grund für die Einrichtung der Telearbeit sei für die Stadtwerke gewesen, dass sie ein familienfreundlicheres Unternehmen werden wollten. Dazu gehöre auch, dass Mitarbeiter ihre Kinder mitbringen könnten. Es gebe ein „Eltern-Kind-Zimmer“ mit zwei Arbeitsplätzen.

Dann kam die Entscheidung aus Hannover. Nun sollen alle Stadtwerke-Mitarbeiter mit kleinen Kindern nach Rücksprache mit ihrer Führungskraft daheim bleiben. Unabhängig davon, ob ihre Aufgaben per Homeoffice erledigt werden können. Es gebe auch gar nicht genügend Notebooks. Aber: „Die Eltern stehen vor großen Herausforderungen“, erklärt Möller die Unternehmensentscheidung. Davon, dass die Mitarbeiter das Eltern-Kind-Zimmer nutzen können, ist keine Rede mehr. In dieser besonderen Situation sollten sie, wenn sie keine andere Betreuung fänden, zu Hause bleiben. Die Stadtwerke würden ihre Tätigkeit auf die systemrelevanten Aufgaben beschränken, auf die Ver- und Entsorgung. Möller: „Fragen zu Rechnungen oder Ähnlichem sind jetzt nicht so wichtig.“

Echte Homeoffice-Arbeitsplätze – mit allen rechtlichen Vorgaben, wie etwa zur Sicherheit am Arbeitsplatz – hätten sie nicht, berichtet wiederum Mathias Schröder. „Wir haben noch nicht die dafür nötigen technischen Mittel“, so der Bereichsleiter Vorstandsstab der Kreissparkasse (KSK) Rotenburg Osterholz. Der direkte Kontakt sei bei ihnen nach wie vor das A und O. Zudem arbeitet die Kreissparkasse in einem Verbund mit vielen weiteren Sparkassen, seien mit ihnen über ein Rechenzentrum verbunden. Daher gebe es für ihre Computer massive Sicherheitsvorkehrungen. Schröder: „Wir können nicht einfach von unserem privaten Rechner aus arbeiten.“ Gegen Homeoffice seien sie nicht. „Wir beobachten die Möglichkeiten, können aber noch nicht mitspielen.“

Als die Entscheidung zur Schulschließung gefallen war, erklärte Schröder, dass die Kreissparkasse ihre Maßnahmen nun erweitern würde. Wie das Unternehmen mit der Frage der Kinderbetreuung umgehen würde, könne er noch nicht sagen. Die Kollegen, die über die nötige Technik – in diesem Fall Laptops – verfügten, könnten nun auch von zu Hause aus arbeiten. Das Ziel müsse es sein, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.

Für manch anderes Unternehmen ist Homeoffice kaum eine Option. So erklärte etwa „Faun Umwelttechnik“ auf Nachfrage, dass eine verstärkte Nutzung von Homeoffice wegen des Coronavirus derzeit (Stand vom Mittwoch) kein Thema für sie sei. Das Unternehmen sei sich jedoch bewusst, dass sich die Lage sehr schnell verändere, weitere Reaktionen könnten nötig werden. Und auch beim Grillspezialisten Landmann gab es bis zur Entscheidung aus Hannover keine Pläne für Telearbeit, wie ein Vertreter des Unternehmens mitteilte. Das sei bei ihnen aus technischen Gründen nur begrenzt möglich.

Klares Nein zum Homeoffice gab es von der Volksbank Osterholz Bremervörde. „Das machen wir nicht“, so Marco Feindt, Bereichsleiter Personal. Die Volksbank habe sich bewusst dazu entschieden an 20 Standorten wohnortnahe Arbeitsplätze einzurichten. Auch hätten die Mitarbeiter aufgrund der Datensicherheit mit vielen Papieren zu tun. Kunden kämen mit Akten vorbei, die bei ihnen sauber und sicher weggeschlossen würden. „Dadurch sind wir nicht prädestiniert für Homeoffice“, so Feindt. Aber: „Der Trend ist sicherlich da.“

Als Reaktion auf den Virus könne es aber einen Mittelweg geben: die Arbeit mit dem mobilen Endgerät. „Wir haben genug Laptops.“ Auch den datengeschützten Verbindungsaufbau könnten sie mit den Laptops herstellen. Soweit Feindts Einschätzung bis Freitagmittag. Dann ergänzte der Personalleiter seine Aussagen. Mitarbeiter dürfen nun für die Betreuung ihrer Kinder bis zu 78 Minusstunden aufbauen, kurzfristig Urlaub oder unbezahlt freinehmen. „Außerdem beginnen wir parallel mit der dezentralen Aufstellung einzelner Unternehmensbereiche.“

In den Verwaltungen der Kreisstadt und des Landkreises ist die Telearbeit dagegen fast Normalität. Rolf Wehlers, Fachbereichsleiter Organisation, Personal und Recht bei der Stadt, sprach von „geübter Praxis“. 2011 wurden mit dem Personalrat die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen: „Bis zu zwei Tage in der Woche ist es bei uns gestattet, von zu Hause zu arbeiten.“ Derzeit (Stand Donnerstag) nutzten es 13 von 120 Beschäftigten. „Für den Bauhof-Mitarbeiter und die klassische Erzieherin ist das eher keine besonders geeignete Option, aber der Beamte im Rathaus kann Bußgeldbescheide erstellen“, so Wehlers. Denn nach erfolgreicher Authentifizierung über einen Security-Token besteht Zugriff auf dieselben Anwendungen und Dokumente, die im Rathaus zur Verfügung stehen. „Falls erforderlich, wäre es möglich, Mitarbeiter in größerer Zahl nach Hause zu schicken. Die würden eine Software aufs Smartphone bekommen. Mit Fachleuten aus der IT sind solche Szenarien auch schon durchgespielt worden“, sagte Wehlers.

In der Osterholzer Kreisverwaltung nutzten bis vorige Woche rund 100 der fast 600 Beschäftigten die Möglichkeit zur Telearbeit. Nach Angaben von Landkreis-Sprecherin Jana Lindemann erledigten sie durchschnittlich 7,6 Stunden ihres wöchentlichen Arbeitspensums von zu Hause aus. Dabei werde überwiegend die klassische Sachbearbeitung per Homeoffice erledigt: „Zum Beispiel Antragsbearbeitung, Vor- und Nachbereitung von Sitzungen oder rechtliche Aufarbeitungen“. Aus aktuellem Anlass seien die Kreisbediensteten inzwischen dazu angehalten worden, „überall dort, wo es möglich ist, auf Heimarbeit umzustellen“. Dadurch dürfte sich die Zahl der Telearbeiter in Kürze deutlich erhöhen. Die technischen Voraussetzungen dafür würden derzeit geschaffen. Auch organisatorisch habe die Kreisbehörde bereits reagiert, wie Lindemann sagte: „Im Normalfall wird die Telearbeit beim Personalservice schriftlich beantragt und entsprechend genehmigt.“ Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung werde das Verfahren beschleunigt. Für die Kunden der Kreisverwaltung hat das Folgen. Zwar bleibe es bei den bisherigen Öffnungszeiten. Man appelliere aber nun an die Bürger, etwaige Besuche in den Verwaltungszentralen auf ein Minimum zu reduzieren.

Generell habe der Landkreis gute Erfahrungen damit gemacht, wenn Mitarbeiter, die dies wünschen, bis zu 50 Prozent ihrer Arbeit von zu Hause aus an einem eigens eingerichteten Schreibtisch erledigen. Die Verwaltung sehe Telearbeit als „ein Angebot des Personalmanagements, um die Arbeitsplätze noch flexibler und attraktiver zu gestalten“. Dies trage zur Zufriedenheit des Personals bei und ermöglicht eine effiziente Arbeitsweise. Darüber hinaus nutzen nach Angaben der Landkreis-Sprecherin etliche Mitarbeiter das Angebot der gelegentlichen Zuhause-Arbeit ohne festen Wochentag. Der Trend zum Homeoffice werde unabhängig vom Vormarsch der Coronaviren weiter in diese Richtung weisen, so Lindemann.

Seit 2011 setzt auch die Polizeiinspektion Verden/Osterholz auf Telearbeit, teilte Melissa Oltmanns, Sprecherin der übergeordneten Polizeidirektion Oldenburg mit. Ziel sei eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Beruf und Pflege. Die Beschäftigten können bis zu vier Fünftel ihrer Wochenarbeitszeit von zu Hause – oder aber von einem Satellitenbüro in einer anderen Dienststelle – aus arbeiten.

Wegen der Ausbreitung des Virus werde geprüft, ob kurzfristig mehr Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen werden können; dann könnten auch Mitarbeiter in Quarantäne ihren Aufgaben nachgehen. „Im Einsatz- und Streifendienst und bei Vernehmungen ist eine Face-to-Face-Kommunikation unabdingbar“, so Oltmanns. Bei der Anzeigenaufnahme sei das direkte Gespräch aber nicht zwingend notwendig, wie die Polizeisprecherin darlegt: Anzeigen und Hinweise könnten daher auch über die Online-Wache entgegengenommen werden. Oltmanns betonte: Die Aufrechterhaltung des Dienstes in den Leitstellen, also die Notrufannahme, sowie in den Einsatz- und Streifendiensten habe „oberste Priorität“ und sei „stets sichergestellt“.

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