Vor 70 Jahren starb Vogeler entkräftet im Kolchos-Krankenhaus / Worpsweder stoßen in Karaganda auf Spuren Das Elend der letzten Tage in Kasachstan

Heute vor 70 Jahren, am 14. Juni 1942, starb Heinrich Vogeler im zentralasiatischen Kasachstan. Wieder hatte er auf einen Neuanfang gehofft, als er 1931 in die Sowjetunion emigriert war. Wieder war er gescheitert. Einige Worpsweder haben sich schon vor Jahren auf Spurensuche begeben und sind nach Kasachstan gereist, um den letzten Lebenstagen des bedeutenden Künstlers nachzuspüren.[GRUNDTEXT]
14.06.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Cornelia Hagenah

Heute vor 70 Jahren, am 14. Juni 1942, starb Heinrich Vogeler im zentralasiatischen Kasachstan. Wieder hatte er auf einen Neuanfang gehofft, als er 1931 in die Sowjetunion emigriert war. Wieder war er gescheitert. Einige Worpsweder haben sich schon vor Jahren auf Spurensuche begeben und sind nach Kasachstan gereist, um den letzten Lebenstagen des bedeutenden Künstlers nachzuspüren.[GRUNDTEXT]

Worpswede. Als Heinrich Vogeler 1931 in die Sowjetunion emigrierte, erhoffte er für seine Kunst und seine Ideen einen Neuanfang. Doch scheiterte er auch hier. Nach dem Angriff der deutschen Truppen musste er Moskau verlassen und in den Zug nach Kasachstan steigen. Es war seine letzte Reise. Krank und mittellos, fern von Familie und Freunden starb er in der zentralasiatischen Region. Günter Ruppin und andere Worpsweder sind mehrmals nach Karaganda gereist und haben sich auf Spurensuche begeben.

Viele Fotos, Zeitungsartikel und Videos sammeln sich in verschiedenen Ordnern. Leonard Mahl, Helmut Rickert und Thomas Conrad blättern darin. Eingeladen hat sie Günter Ruppin. Bei Butterkuchen und Kaffee wendet sich das Gespräch den Reisen zu. Lange war der "kommunistische Vogeler" in Worpswede ein ungeliebtes Thema. Man habe ihn für "spinnert" gehalten, als er Bekannten von den Reiseplänen erzählte, sagt Günter Ruppin über die Vorbereitung zur ersten Reise in die asiatische Region. 1992 ist er das erste Mal nach Karaganda gefahren. Da habe er spontan zugesagt, weil Wolfgang Kaufmann, der die Reise organisierte, sich beklagt habe, dass kein Worpsweder mitfahren wolle, erklärt Ruppin.

Ausgehend von den Recherchen von Werner Homann, der sich früh mit dem Leben Vogelers in der Sowjetunion befasste, machte sich eine kleine Reisegruppe auf den Weg in die entlegene Region. Das hat Ruppin geprägt. Neun Mal ist er in der Provinzhauptstadt Karaganda und der umliegenden Region gewesen und hat dafür immer wieder Mitstreiter gefunden, die sich der Spurensuche anschlossen. Helmut Rickert gesellte sich hinzu, auch Leonhard Mahl und Thomas Conrad reisten mehrfach nach Kasachstan. Ruppin stellt fest: "Jedes Mal haben wir Neuigkeiten über Heinrich Vogeler erfahren".

Dessen Lage in Moskau wurde mit dem überfallartigen Angriff der deutschen Truppen im Juni 1941 prekär. Vogeler stand als prominenter Emigrant und Nazigegner auf der "Sonderfahndungsliste UdSSR" des Reichssicherheitshauptamtes, bei einer Ergreifung drohte dem Künstler die Erschießung. Am 13. September 1941 bestieg Vogeler den Umsiedlerzug in Richtung Kasachstan. Moskau sah er nie wieder.

Es war eine strapaziöse Reise für den 68-Jährigen. Im Güterwagen war er 18 Tage unterwegs. Die letzten 90 Kilometer legte er auf einem Ochsenkarren zurück. Seine Brille zerbrach, bevor die Umsiedlung in Kornejewka endete.

Untergebracht wurde Heinrich Vogeler mit acht weiteren Personen bei einem Bauern in zwei Zimmern. Doch auch hier setzte er seine agitatorische Arbeit unter schwierigsten Bedingungen fort und schrieb an seiner Autobiografie. Als die Zahlung seiner Rente ausblieb, versuchte der Künstler, durch die Arbeit beim Bau eines Staudammes Geld zu verdienen. Doch sein schlechter Gesundheitszustand ließ die harte körperliche Arbeit nicht mehr zu. Mitte Mai 1942 wurde Heinrich Vogeler in das primitive Krankenhaus des Kolchos "Budjonny" in Kornejewka eingeliefert. Hier starb er am 14. Juni 1942.

Anfang der 90er-Jahre haben Rickert und Ruppin in Kornejewka, 50 Kilometer entfernt von Karaganda, die Pflegerin der Krankenstation in Choroshewskoje, in der Heinrich Vogeler seine letzten Lebenstage verbrachte, kennen gelernt. Mit Hilfe einer Dolmetscherin konnten sie Vogelers Grabstelle auf dem Friedhof des Dorfes Choroshewskoje ausfindig machen und rekonstruieren. "Es war ein anonymes Wochengrab, die Pflegerin konnte sich an die Stelle erinnern, da ihr eigener Vater einige Tage später beerdigt wurde", berichtet Ruppin.

Zusammen mit Rickert beauftragte er den kasachischen Künstlerbund mit dem Aufstellen eines großen Holzkreuzes in unmittelbarer Nähe der Grabstelle. Zum Aufrichten des Kreuzes reisten beide wieder nach Kasachstan. Heute, so berichtet Günter Ruppin, sei die ehemalige Krankenstation nur noch eine Ruine.

Das Bauernhaus, in dem Vogeler unterbracht war und wo er sich mit anderen Exilianten ein Zimmer teilen musste, bestehe nur noch zum Teil, erklärt Ruppin.

Akribisch haben sich die Worpsweder in Kasachstan auf Spurensuche begeben und das Andenken an den deutschen Künstler aufleben lassen. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 hätten auch die zahlreichen deutschstämmigen Kasachen mehr Gehör gefunden. "Früher war das Deutschsprechen nicht möglich", sagt Conrad. Er war überrascht, als er in der kasachischen Landschaft eine Kleingartensiedlung nach deutschem Vorbild sah. Viele Traditionen hätten sich gehalten. Ruppin meint: "Heute ist Heinrich Vogeler in Kasachstan der Dreh- und Angelpunkt für die Deutschstämmigen".

Die Worpsweder haben sich für eine Gedenktafel stark gemacht, die am ehemaligen Bauernhaus, in dem Vogeler zuletzt lebte, in deutscher und kyrillischer Schrift an den Künstler erinnert.

Mit den Reisen kam ein Künstleraustausch in Gang, in Folge dessen Ruppin wiederholt Wohnraum für die Gäste in Worpswede organisierte. Dann entstand die Idee, in Karaganda eine Granitskulptur errichten zu lassen. 1999 reist eine 43-köpfige Delegation nach Kasachstan, um das Denkmal vor dem deutschen Kulturzentrum "Wiedergeburt" an Vogelers Todestag zu enthüllen. Geschaffen wurde es vom Kasachen Anatoli Bilek.

Vor knapp zehn Jahren kam der kasachische Künstler nach Worpswede, im Gepäck hatte er den Gipsabguss der Granitskulptur. Jetzt steht die Büste Heinrich Vogelers auf Ruppins Initiative hin auf dem Grundstück der Volksbank in der Bergstraße, als Bronzeabguss auf einem gemauerten Sockel. Um die Worpsweder Kunst im fernen Kasachstan bekannt zu machen, organisierten Ruppin und seine Mitstreiter eine Ausstellung zeitgenössischer Künstler in Karaganda.

Ebenfalls 1999 wurde die Grundschule in Kornejewka in Heinrich-Vogeler Schule umbenannt. Ein Schulraum ist dem Werk des Künstlers gewidmet. Leonhard Mahl hat in den folgenden Jahren immer wieder Spenden gesammelt, die das dortige Schulleben erleichtern. "Heinrich Vogeler hat mein Leben verändert", sagt Mahl, den das Schicksal des Künstlers tief bewegt und zu mehreren Reisen animiert hat.

Die Fotos und Zeitungsausschnitte auf dem Tisch lassen die Erinnerungen an die Reisen hochkommen. Wollen die Worpsweder noch einmal hinfahren? "Wenn dann 2014", sagt Conrad. Er sei bereit, die Reise zu organisieren.

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