Das Vertrauen isst mit (II): Landwirt Gerd Gartelmann produziert Biomilch und liefert sie an die Hofmolkerei Dehlwes "Das sind Dimensionen, die ich nicht will"

Blockland·Lilienthal. Zielstrebig stapft der Bauer über die Wiese. In der einen Hand baumelt ein Eimer, die andere umklammert einen hölzernen Melkschemel. Der lockende Ruf ihres Bauern lässt die Kühe aufhorchen. Sie heben die Köpfe und trotten gemächlich auf ihn zu. So muss es früher mal ausgesehen haben, als sie auf dem Gartelmann-Hof zum Melken gingen.
02.02.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Ulrike Schumacher

Blockland·Lilienthal. Zielstrebig stapft der Bauer über die Wiese. In der einen Hand baumelt ein Eimer, die andere umklammert einen hölzernen Melkschemel. Der lockende Ruf ihres Bauern lässt die Kühe aufhorchen. Sie heben die Köpfe und trotten gemächlich auf ihn zu. So muss es früher mal ausgesehen haben, als sie auf dem Gartelmann-Hof zum Melken gingen.

Die Geschichte des Betriebs lässt sich weit zurückverfolgen. "Bis zum Jahr 1709", weiß Gerd Gartelmann, der jetzt die Geschicke des Bauernhofs in Niederblockland 2 lenkt. Mit dem Schemel in der Hand zieht er nicht mehr auf die Wiese. Die Zeiten haben sich geändert. Und doch ist Gerd Gartelmann vor ein paar Jahren umgekehrt und hat den eingeschlagenen landwirtschaftlichen Weg verlassen.

Gerd Gartelmann produziert Milch. Seit 2009 in Bio-Qualität. 2007 hatte er begonnen, den Betrieb auf die Anforderungen des Ökolandbaus umzustellen. "Ich war unzufrieden mit 20 bis 25 Cent Milchgeld pro Kilogramm Milch", blickt der Landwirt zurück. 20 Cent für den Liter Milch - das habe kaum für die stark gestiegenen Kosten für Futter- und Düngemittel und Energie gereicht, berichtet Gerd Gartelmann. Geschweige denn für Betriebsrücklagen. "Ich sah keine Perspektive für mich in den Gegebenheiten eines globalen Milchmarktes", erzählt der Landwirt.

Der Blocklander schaute also nicht in die Welt, sondern vor die eigene Haustür, wo es mit der Bio-Hofmolkerei Dehlwes in Lilienthal einen Abnehmer für seine Ware gab. Statt sein Produkt in einen subventionierten Milchsee zu pumpen, beschloss Gerd Gartelmann, "Milch für einen besonderen Markt zu produzieren". Wenn er den konventionellen Weg weitergegangen wäre, hätte er seinen Viehbestand gewaltig aufstocken müssen, damit sich Arbeit und Investitionen lohnen. "Die Betriebe wachsen jetzt von 100 auf 1000 Kühe", erzählt er. "Das sind Dimensionen, die ich nicht will." Stattdessen "erzeuge ich jetzt eine Ware mit sehr hoher Qualität, die wirklich gebraucht wird", sagt Gerd Gartelmann.

Platz für 72 Kühe im Laufstall

Zwei Schwarzbunte stecken neugierig ihre Köpfe durch die Streben ihrer Box. Gerd Gartelmann krault ihnen die Stirn. In dem Laufstall ist Platz für 72 Kühe. Der Landwirt hat den Stall vergrößert. Es gehörte zu den Richtlinien, die Bioland, der größte ökologische Anbauverband, für die ökologische Landwirtschaft, vorschreibt. Wer sich wie Gerd Gartelmann das Bioland-Gütesiegel an die Dielentür hängen will, muss Bedingungen erfüllen, die über die des sechseckigen Bio-Siegels hinausgehen, das Lebensmittel nach der EG-Bioverordnung kennzeichnet.

Es beginnt bei der Haltung. "Jedes Tier braucht sechs Quadratmeter Liegefläche." Auch im Winter sollen die Kühe die Möglichkeit haben rauszugehen. Die Zeit von Frühjahr bis Herbst verbringen sie auf der Weide. Früher war das ein alltägliches Bild. Da hatte jeder Bauer seine Schwarzbunten in der warmen Jahreszeit draußen. Heute habe nicht jeder Hof mehr dafür die angrenzenden Flächen, erklärt Gerd Gartelmann. Außerdem seien die Herden viel größer geworden. "Wo früher 20 Kühe standen, sind es heute 120." Das sei viel arbeitsintensiver, was manch einen Landwirt davon abhalte, sie auf die Weide zu schicken. Im Blockland könnten die Ausflügler aber noch Kühe auf der Wiese entdecken. Und beim Bio-Bauern sowieso.

Dass die Kühe an die frische Luft kommen und sich von dem Gras der Wiesen ernähren, ist nämlich ein Bioland-Kriterium. "Allein schon deshalb ist die Milch besser", urteilt der Landwirt. 1500 Liter liefert er täglich an die Hofmolkerei Dehlwes. Die bekommt noch die Milch von zwei weiteren Bio-Landwirten aus dem Blockland und einem aus Lilienthal, berichtet Elke Dehlwes, die die Molkerei in Trupe gemeinsam mit Ehemann Gerd Dehlwes betreibt. Zusammen mit der Milch von den eigenen 240 Kühen - auch Familie Dehlwes hat ihre Landwirtschaft auf ökologisch umgestellt - verarbeitet die Molkerei mit insgesamt 18 Mitarbeitern zwischen 12000 und 18000 Liter Milch am Tag. Vier Millionen Liter im Jahr werden auf traditionelle Weise zu Milch, Sahne, Joghurt, Schmand, saurer Sahne, Crème Fraiche, Fassbutter, Sahneschichtkäse und Quark verarbeitet und dann an den Lebensmittelhandel in der Region verkauft. Zum Vergleich: Bei der konventionell verarbeitenden Molkerei Nordmilch seien es allein pro

Tag 16 Millionen Liter, sagt Elke Dehlwes.

"Ich setze nicht unbedingt auf Leistung", erzählt Gerd Gartelmann. Die Jahresdurchschnittsmenge Milch pro Kuh liege bei den bäuerlichen Betrieben in Bremen und Osterholz bei 8500 Liter. Auf seinem Hof seien es pro Kuh zwischen 6400 und 7000 Liter im Jahr. Er habe festgestellt, dass seine Kühe dadurch "pflegeleichter und robuster sind". In der ökologischen Landwirtschaft haben sie auch eine längere Lebenszeit. Wenn sie drei Jahre alt sind, können Kühe erstmals Milch geben. In der konventionellen Landwirtschaft haben sie dann noch zwei bis drei Lebensjahre. "Ökologisch gehaltenen Kühe werden sieben bis neun Jahre alt", erzählt Elke Dehlwes. "Manche auch älter." Die älteste Kuh, die Gerd Gartelmann auf seinem Hof hält, ist 14 Jahre alt und gibt seit elf Jahren Milch. Seit er seinen Betrieb auf ökologisch umgestellt hat, ist ihm aufgefallen, dass seine Tiere gesünder sind. "Die Tierarztkosten sinken."

Gerd Gartelmann muss das Futter für seine Tiere selbst erzeugen. "Das haben wir früher auch schon gemacht", erzählt er. Nur, dass er jetzt als Bio-Bauer auf Kunstdünger verzichten muss. Den Dünger liefern ihm die Kühe selbst in Form von Mist. Absolut tabu ist auch die Giftspritze gegen Unkraut. Für eine komplette Versorgung reiche das Gras im Sommer und die Gras-Silage für den Winter aber nicht aus. Mit Grundfutter allein würden die Kühe keine Leistung bringen und keinen Nachwuchs bekommen, erklärt Landwirt Gerd Gartelmann. Gut 30 Prozent der Tagesration bestehe daher aus Bio-Kraftfutter, das er zukaufe. Eine Getreide-Mais-Soja-Mischung mit kaltgepresstem Sonnenblumenöl, die ihm ein Futtermittelhändler mit Bio-Zertifikat liefere, der regelmäßig kontrolliert werde. Das schließe auch aus, dass genmanipulierte Sojabohnen oder Vitamine in seinen Trögen landen, die aus genmanipulierten Bakterien hergestellt wurden.

Schritt nicht bereut

Er habe den Schritt in Richtung Bio nicht bereut, zieht Gerd Gartelmann Bilanz. "Ich komme damit gut zurecht." Für den Liter Milch bekommt er derzeit acht Cent mehr als es im konventionellen Bereich gibt.

Darüber hinaus erhalten auch Bio-Betriebe pro Hektar eine Prämie aus EU-Mitteln. "Die Zuschüsse machen 16 Prozent des Gesamtumsatzes aus", sagt Otto Volling, der Milchviehspezialberater bei der Arbeitsgemeinschaft Ökoring ist. "Wenn der Landwirt einen angemessenen Preis für sein Produkt bekäme", gibt Elke Dehlwes zu bedenken, würde es auch ohne Zuschüsse gehen. Im Laden kostet der Liter Milch aus Trupe einen Euro. Konventionell hergestellt, ist Milch für die Hälfte zu haben. "Wenn Verbraucher für unsere Tüte Milch 1,60 Euro bezahlen, würde es gehen", rechnet Elke Dehlwes vor, die sich nicht nur mächtig darüber aufregen kann, dass Milch und Fleisch zu Schleuderpreisen zu haben sind. Es wurmt sie auch, dass Biogas gefördert wird. "Man sollte diese Förderung lieber im ökologischen Bereich einsetzen", schimpft sie. "Dann hätten wir gesündere Lebensmittel statt sie zu vernichten."

In der nächsten Folge stellen wir die Gemüsegärtnerei Rhizom vor.

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