Brunsterkennung und Co.: Apps und technische Systeme spielen auf dem Bauernhof eine immer größere Rolle

Der digitale Clou mit der Kuh

Tarmstedt·Quelkhorn. Die Oberts haben alles richtig gemacht. Vor ein paar Jahren schaffte sich die Landwirtsfamilie aus Tarmstedt die Software Heatime an.
31.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Irene Niehaus

Die Oberts haben alles richtig gemacht. Vor ein paar Jahren schaffte sich die Landwirtsfamilie aus Tarmstedt die Software Heatime an. Eine neue Technologie, die bei den niedersächsischen Milchwirten hoch im Kurs liegt. Denn das System ist in der Lage, die Brunstzeit der Kühe exakt zu erkennen. Im Zuge der Vergrößerung seines Milchhofes hat sich auch der Quelkhorner Heiko Gieschen eine neue Software auf seinem Rechner installieren lassen. Sie heißt „MooMonitor“. Durch das moderne Verfahren sparen die Oberts und Heiko Gieschen enorm viel Arbeitszeit. „Der Sender im Transponder zeichnet auf, wie viel sich eine Kuh bewegt. An unserem kleinen Monitor sehen wir dann, ob die Kuh aufgrund ihrer Aktivitäten brünstig ist“, erzählt Landwirt Hauke Obert. Bei auffälliger Aktivität schlägt das Endgerät Alarm und blinkt.

Die Schrittzahl, das Schlackern mit den Ohren, die Bewegung des Kopfes: All diese Werte zeichnen Systeme wie MooMonitor auf. Das dauert zwischen fünf und acht Tagen. Kommt es zu dem Schluss, dass die Kuh bereit zur Besamung ist, wird das Tier bei Heiko Gieschen direkt nach dem Melken automatisch durch Umschwenken der Gatter aussortiert. Ein Anruf, dann rückt der Besamer an. Häufig bis zu fünf Mal in der Woche. Nach 42 Tagen könne dann festgestellt werden, ob die Kuh trächtig ist. Vor der Anschaffung ihrer Software hatten Heiko Gieschen und Hauke Obert nur anhand von konzentrierter Beobachtung abgeschätzt, ob die Brunstzeit erreicht war.

Halsband mit Sensor

„Bei 60 Kühen geht das noch, aber wir haben 280. Da hat man irgendwann keinen Überblick mehr“, sagt Landwirt Gieschen Die Oberts besitzen 170 Kühe, derzeit tragen 80 ihrer Tiere auf dem Milchhof ein Sensorhalsband. Damit werden alle Bewegungen der Kuh aufgezeichnet, sodass die Brunst angezeigt wird. Die Software von Heiko Gieschen umfasst eine App, die es einem Landwirt erlaubt, die Aktivität jeder einzelnen Kuh rund um die Uhr auf einem Smartphone oder Tablet zu beobachten und zu analysieren. Den 15 000 Euro, die Heiko Gieschen in das Computersystem investiert hat, trauert der Milchviehwirt nicht nach. „Es hat sich total rentiert. Durch das System muss ich weniger Hormone spritzen und die Trefferquote liegt bei weit über 90 Prozent“, erklärt Gieschen. Die Brunsterkennungssoftware „MooMonitor“ ist derzeit der Renner auf den Höfen. Dass Landwirte mittlerweile verstärkt auf Apps für Kühe, Hühner und Schweine setzen und gezielt mit digitalen Anwendungen in der Viehzucht arbeiten, kann auch Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbandes Rotenburg-Verden, bestätigen. „Hier gibt es sehr individuelle Lösungen, die in fast allen Betrieben eingesetzt werden“, zählt er Fütterungs- und Lüftungssteuerungen oder die elektronische Melktechnik zur Auswertung oder Roboter als Beispiele für den technischen Wandel in der hiesigen Landwirtschaft auf.

Eine große Rolle spielen die Neuen Medien laut Ehlers auch in der Dokumentation, die sich durch einige ausgeklügelte Systeme drastisch vereinfachen lässt. So könnten Apps beispielsweise für das Erstellen von Agraranträgen bei der Landwirtschaftskammer genutzt werden. Smartphones lassen sich nach Ansicht von Jörn Ehlers ohnehin am sinnvollsten für eine zeitnahe Dokumentation oder die ständige Überwachung und Störungsbeseitigung bei Lüftung und Fütterung einsetzen. „Dieses Medium wird mittlerweile aber auch stark für die betriebliche Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt“, ergänzt Jörn Ehlers.

Durch neue Technologien lassen sich derweil auch ganze Maschinenflotten steuern, wie das Beispiel des Lohnunternehmens Widmer aus Kirchwalsede zeigt. Für Ehlers gehört dieses Geschäftsmodell zu den innovativsten Ideen von Technik in der Landwirtschaft in dieser Region. Auch meteorologisch gibt es Lösungen für die Landwirte. Eine Wetter-App mit Regen-Radar und Unwetterwarnungen zum Beispiel. Aber auch Pflanzenschutzhinweise und Hinweise auf Unkräuter und Krankheiten können sich Landwirte direkt aufs Smartphone holen. Sehr beliebt sind nach den Erkenntnissen von Jörn Ehlers auch elektronische Schnittstellen, mit denen sich Trecker und Düngerstreuer oder Pflanzenschutzspritze miteinander verbinden lassen.

Landwirte, die mit der Zeit gehen und sich moderner aufstellen wollen, sollten bei der technischen Aufrüstung ihres Betriebes vor allem auf ein bedienungsfreundliches System achten, rät Jörn Ehlers. Außerdem sollten Lösungen gesucht werden, die von vielen Betrieben genutzt werden. Für den Quelkhorner Milchhof-Betreiber Heiko Gieschen hat sich der Mut zur Technik längst ausgezahlt. Effektive Arbeitsabläufe bestimmen sein Tagesgeschäft. An die Anschaffung eines Melkroboters, wie er in vielen Milchviehbetrieben derzeit eingesetzt wird, verschwendet Gieschen derweil keinen Gedanken.

Und das aus zweierlei Gründen: „So etwas ist nicht geplant, weil ich 2012 erst einen neuen Stall mit Melkständen gebaut habe“, erklärt der Quelkhorner Landwirt Heiko Gieschen und fügt hinzu: „Wir melken morgens und abends jeweils zwei Stunden. Bei einem Melkroboter könnte es sein, dass ich nachts aus dem Bett geklingelt werde. Da muss man immer in Rufbereitschaft sein.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+