Boßeltour auf dem Weyerberg Der Weg ist das Ziel

Zum Weltgästeführertag lud der Worpsweder Gästeführer Hans-Hermann Hubert zu einem ostfriesischen Spaß auf dem Weyerberg ein. Bei Dauerregen verbuchte er immerhin fünf Teilnehmer an der Boßeltour.
24.02.2016, 00:00
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Der Weg ist das Ziel
Von Undine Zeidler

„He, die spielen Kugeln werfen“, schallt eine helle Kinderstimme durch den Wind. Hans-Hermann Hubert grinst und murmelt: „Wir sagen Boßeln dazu.“ Der Worpsweder Gästeführer hat anlässlich des Weltgästeführertages zur Boßeltour über den Weyerberg eingeladen.

Hatte das ganztägige Programm der Gästeführer Worpswede-Teufelsmoor zahlreiche Besucher in das Künstlerdorf gelockt, so muss sich die „Boßeltour mit Ziel Grünkohl“ bei Dauerregen und Matsch mit fünf Unerschrockenen begnügen.

Doch wer sich raus wagt, wird belohnt, mit viel Spaß und Gelächter beim Rollen der Gummikugeln und mit allerlei Wissenswertem über den Weyerberg, lebhaft dargebracht von Hans-Hermann Hubert.

Weit mehr als 100 Besucher zählte die Vorsitzende des Vereins Gästeführer Worpswede-Teufelsmoor, Kathrin Widhalm, am vergangenen Wochenende in Worpswede. Am 21. Februar 1985 wurde der Weltverband der Gästeführer gegründet. Seit 26 Jahren stellt der Bundesverband der Gästeführer diesen Tag unter ein Motto. Diesmal hieß es: „Grün der Zeit“. Da passte neben Kunstführungen eine Boßeltour zum Grünkohlessen bestens ins Thema.

Nur: Sonderlich viel Grün werden die Boßler nicht erleben. Graue Wolken, bleigraue Pfützen und grau-brauner Matsch dominieren das Bild, als sie – in zwei Mannschaften aufgeteilt – versuchen, ihre Kugeln möglichst weit nach vorne zu befördern. Vor allem möglichst weiter als die gegnerische Kugel gerade liegt.

Der Regen fällt in endlosen Schnüren vom Himmel. Pausen gönnt er sich an diesem Tag kaum. Trotzdem hat Hans-Hermann Hubert fünf original ostfriesische Boßelkugeln auf der Backsteinmauer vor der Touristeninformation aufgereiht. Das Prinzip Hoffnung, denn Anmeldungen für die Tour hat er nur zwei. Und die beiden Boßler erscheinen auch kurz vor vier, Angelika Langkusch und ihr Vater Günter Pierages. Beide Boßel-Neulinge. Sie erwarten Spaß von der Tour, und den werden sie haben. Langkuschs Lachen macht Wind und Matsch vergessen, und der Bremer Pierages erweist sich als echtes Boßel-Talent, oder wie später ein Mannschaftskamerad sagen wird: „Günter ist ein Garant für Weite.“

Den ostfriesischen Sport Boßeln betreibt Hans-Hermann Hubert schon eine Weile für Worpswede-Gäste. Gerne rollen beispielsweise Firmenteams nach einem langen Fortbildungstag abends die Kugeln über den Weyerberg. Aus Hartholz oder Gummi sind sie und auf jeden Fall mit Blei gefüllt. „Damit sie ein bisschen schwerer sind“, erklärt Hubert. Das Boßeln selbst habe er schnell gelernt. „Einmal die Regeln lesen und ausprobiert.“

Währenddessen packt er drei Kugeln weg. Zwar sind noch drei Gäste dazu gekommen, aber mehr als zwei Mannschaften lassen sich daraus nicht machen, selbst wenn Hans-Hermann Hubert und sein Gästeführer-Kollege Matthias Mahnke mitspielen. Bevor die kleine Gesellschaft das schützende Vordach am Philine-Vogeler-Haus gen Weyerberg verlässt, ruft ihnen eine Passantin noch fröhlich zu: „Viel Spaß und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“ Angelika Langkusch stört das Wetter nicht, es kommt auf die Kleidung an, sagt sie und zieht lachend eine bekannte Spirituose mit Feigengeschmack aus der Jackentasche. Die Worpswederin hat eben an alles gedacht.

Die Regeln sind anschließend schnell erklärt. Gästeführer Hubert teilt die Anwesenden in die Gruppen Rot und Gelb ein, entsprechend den Farben ihrer Kugeln. Die Gruppe, deren Kugel hinten liegt, wirft immer als nächste. Pro Wurf macht er einen Strich in seiner Liste. Gewinnen wird am Ende die Gruppe mit den wenigsten Strichen. In Ostfriesland ist das alles noch ein wenig komplizierter, aber Hubert sagt schmunzelnd: „Wir machen hier nicht das klassische ostfriesische Boßeln, wir haben ja auch keine Deiche.“ Vielmehr sei der Berg das Spannende in Worpswede.

Wie der Berg beim Boßeln mitspielt, merkt die Gruppe gleich nach dem Start. Angelika Langkusch beginnt für Rot. Sie rafft die lange Jacke hoch. Das gibt Bewegungsfreiheit. Sie federt in den Knien und wirft. Weit. Hans-Hermann Hubert kommentiert: „Geht doch.“ Dass die Kugeln durch die Schräge teils zurückrollen, stört keinen, und schon nach dem ersten Durchgang sagt Langkusch lachend: „Boßeln macht Spaß.“

Die gelbe und die rote Kugel hüpfen über Baumwurzeln, springen über die Lindenallee oder landen in Pfützen, im Gras zwischen blattlosen Sträuchern oder in matschigen Maisfeldern. Schnell wachsen dabei die vormals Fremden zu Teams zusammen. Sie nennen sich einander bei den Vornamen. Und rollt eine Kugel gar zu weit weg vom eigentlichen Weg, rufen sie einander zu: „Du musst uns jetzt retten!“ Dass der Boden dabei unter den Füßen schmatzt, stört die kleine Gruppe ebenso wenig wie der Wind, der später am Susenbarg an ihren Kapuzen zerrt. Zwischendurch gibt es immer wieder Pausen für einen Jan Torf aus Hans-Hermann Huberts Proviant und für Geschichten. Mal erzählt er vom Ochsen fressenden Riesen Hüklüt, der der der Sage nach für die Entstehung des Weyerbergs verantwortlich ist. Ein andernmal klingt seine Stimme beim Blick auf den Bootsanleger mitten am Susenbarg verschmitzt: „Wir sind ja schlau.“ Falls die Eisberge noch weiter schmelzen, „sind wir im Falle eines Falles in Worpswede gut aufgestellt“. Gästeführer Matthias Mahnken witzelt über den Bootspendelverkehr zwischen dem Anleger und den Bremer Domtürmen.

Danach widmen sie sich wieder dem Boßeln. Angelika Langkusch wirft die rote Kugel bergauf und ruft dazu: „Jetzt ab nach Bremen.“ Aber wie zuvor schon die gelbe Kugel rollt auch die rote wieder zurück. Doch weil sie in Worpswede spielen und nicht in Ostfriesland einigt sich die Gruppe darauf, dass sie ihre Kugeln mit dem Fuß stoppen. Schließlich wartet auf der anderen Seite des Berges ihr Preis: der Grünkohl.

Kathrin Widhalm erinnerte daran, dass trotz der lohnenden Aussicht aufs zünftige Mahl der Weg das Ziel war: „Trotz des Regens sind wir total zufrieden.“

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