Windpark Lange Heide Desillusionierte Anwohner

Der Windpark Lange Heide soll um eine 16. Anlage erweitert werden. Dabei ist der Industriepark längst für Anwohner wie Joachim Oley ein ständiges Ärgernis. Hilfe von Behörden erwartet er nicht mehr.
22.06.2017, 20:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Thurm

Osterholz-Scharmbeck. Er ist immer wieder in der Diskussion – der Windpark Lange Heide. Für viele Bürger aus Heilshorn, Bargten und Buschhausen, die in direkter Nachbarschaft zu den großen Windrädern wohnen, sind diese modernen Windmühlen gar ein ständiges Ärgernis.

Sie fühlen sich gestört, genervt, in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt durch Schattenwurf, Lärm und ein verschandeltes Landschaftsbild. Immer wieder haben einzelne Bürger protestiert, gemeckert, Einwände erhoben, gegen den Bau der Anlagen, gegen den Lärm der Anlagen. In allen Fällen bislang erfolglos.

Jetzt soll der Windpark Lange Heide um ein weiteres Rad wachsen. Es ist das 16. Dazu gab es jetzt beim Landkreis einen Erörterungstermin. Immerhin 16 Bürger waren zu diesem Termin erschienen. Hatten ihre Einwendungen vorgebracht. Ohne große Illusionen, ohne viel Hoffnung, etwas erreichen zu können.

Zu denen, die sich immer wieder zu Wort melden, gehört auch Joachim Oley. Der 74-Jährige lebt mit seiner Frau in Bargten, die Windenergieanlagen im ständigen Blickfeld. Himmelsrichtung West, Nordwest. Von dort bläst es regelmäßig und meist recht kräftig. Das neue Windrad dürfen die Oleys bald als neuen Nachbarn begrüßen. Schon deshalb hat auch Joachim Oley für diesen Anhörungstermin eine Einwendung formuliert – zum Thema „Schallimmission“.

Dass der Landkreis Osterholz und insbesondere der dafür zuständige Dezernent, Dominik Vinbruck, auf die neuerlichen Einwände der betroffenen Bürger tatsächlich eingehen wird, hält Joachim Oley allerdings für unwahrscheinlich. „Herr Vinbruck versteckt sich hinter den Paragrafen“, glaubt Oley und fühlt sich durch die Gespräche bestätigt.

In dürren Zeilen hat auch der Landkreis Stellung zu diesem Anhörungstermin bezogen. „Beim Erörterungstermin zur Erweiterung des Windparks Lange Heide um eine weitere Windenergieanlage waren 16 Anwohnerinnen und Anwohner anwesend. Der knapp dreistündige Erörterungstermin verlief ruhig und sachlich. Die Kreisverwaltung hat allgemeine Fragen rund um den Windpark Lange Heide beantwortet und die konkret vorliegenden Einwendungen beantwortet. Zwei Einwendungen der Anwohnerinnen und Anwohner werden im weiteren Genehmigungsverfahren nochmals von der Kreisverwaltung geprüft. Alle Bürger, die Einwendungen gemacht haben, werden informiert, wenn über den Antrag entschieden ist. Wenn die Anlage errichtet ist, wird eine Emissionsmessung durchgeführt. Zudem hat sich der Betreiber wpd bereit erklärt, freiwillig weitere Lärmmessungen durchzuführen“, heißt es in der Mitteilung.

Über diese Information kann der 74-Jährige nur schmunzeln. Die avisierten freiwilligen Lärmmessungen seitens wpd hält er für Augenwischerei. „Die Messungen pro Messpunkt kosten etwa 100 000 Euro. Wer will das denn bezahlen? Wpd bestimmt nicht.“

Doch Joachim Oley wirft dem Landkreis und Vinbruck noch etwa ganz anderes vor. Wenn der Baudezernent Vinbruck von Schallemissionen spricht, sei das fachlich nicht in Ordnung. Es gehe nicht um die Emission, sondern um die Immissionswerte. Auf gut deutsch: Der Lärm dürfe nicht beim Verursacher, also den Windrädern gemessen werden, sondern beim Empfänger, also den vom Lärm betroffenen Bürgern nah gelegener Windparks.

Weiterer Kritikpunkt von Joachim Oley, der vor seiner Pensionierung als Diplom-Ingenieur unter anderem Satelliten baute: Es gebe für Windkraftanlagen zwar Prognosen, aber eine Abnahme der real laufenden Windräder ist für die Windanlagen gar nicht vorgesehen.

Für Joachim Oley nicht nachvollziehbar. Jede neue Heizung müsse auch erst einmal vom Schornsteinfeger abgenommen werden. Bei jedem mathematischen Modell taste man sich an die wahren Werte heran, trimmt die Anlage immer wieder neu, bis das Modell mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

„Warum geschieht das nicht bei den Windkraftanlagen?“, fragt Oley. Im Übrigen ginge die Lärmprognose nur von einer Quelle aus. Dabei müsse man viel mehr Punkte beachten, etwa die Topografie des Geländes, die Jahreszeiten, das Wetter und, und, und.

„Wir Bürger sind machtlos“, sagt der 74-Jährige. Kreise und Kommunen ständen auf Seiten der Windkraft-Lobby. Der Landrat sei verpflichtet, die Bürger vor Lärm zu schützen, meint Joachim Oley. Doch Bernd Lütjen habe sich nicht einmal bei der Anhörung gezeigt. Er schickte seinen Dezernenten vor. Auch das findet Oley enttäuschend. Obwohl: „Meine Enttäuschung über das Verhalten des Landkreises ist längst Sarkasmus gewichen.“

Oley bedauert etwas ganz anderes: Die Windkraft habe die Menschen gespalten, in die Gruppe der Profiteure und in die Gegner. Genau wie in Lübberstedt. Viele Betroffene hätten auch resigniert, wären abgestumpft, jammerten leise.

Auch Joachim Oley hat eigentlich keine Lust mehr zu kämpfen, allein, ohne Unterstützung aus der Nachbarschaft. Doch ganz aufgeben will er nicht, auch wenn seine Frau zu ihm sagt: „Du spinnst ja.“ Er, Oley, – und eben auch viele andere – fühlen sich von Stadt und Kreis „verarscht“.

Dann kramt Joachim Oley hervor, was der Landkreis einst zur Energiewende 2030 formuliert hatte. Zum Punkt „Anforderungen an zukünftige Energieprojekte“ steht da geschrieben: Keine (Mais) Monokulturen! Keine „Verspargelung“ der Landschaft! Vereinbarkeit mit Naturschutz und Landschaftsbild! Engagement aller Beteiligten notwendig (Bürger, Kommunen, Politik, Wirtschaft, EVU's, Banken)! Fokus auf sich selbst tragenden Projekten, keine Subventionsgräber!

„Und“, fragt Joachim Oley dann mit einem Lächeln, „was ist davon geblieben?“ Es ist ein bitteres Lächeln.

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