Sommerobst

Die Heidelbeerernte beginnt

Lilienthal/Worpswede/Bülstedt . Die tiefblauen Stars unter den Obstsorten lassen sich in diesem Jahr etwas mehr Zeit als üblich. 'Die Heidelbeerernte beginnt 14 Tage später', erzählt Else Wöltje, die in Lilienthal-Oberende eine viereinhalb Hektar große Plantage besitzt.
22.07.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ulrike Schumacher

Lilienthal/Worpswede/Bülstedt . Sie sind tiefblau und prallrund. Ihre Fans haben vielleicht schon ein bisschen ungeduldig darauf gewartet, dass sie ihnen endlich zwischen die Zähne kommen. Doch die knackigen Stars unter den Obstsorten lassen sich in diesem Jahr etwas mehr Zeit als üblich. 'Die Heidelbeerernte beginnt 14 Tage später', erzählt Else Wöltje, die zusammen mit Ehemann Ewald in Lilienthal-Oberende eine viereinhalb Hektar große Plantage besitzt. Dicht an dicht stehen dort Reihen mannshoher Heidelbeerbüsche.

Bei Wöltjes hat das Pflücken jetzt gerade begonnen. Bis Anfang September können sich aber auch Selbstpflücker bei den Heidel-, Blau- oder Bickbeeren, wie sie hier auch heißen, bedienen.

Manche legen dafür sogar einen weiten Weg zurück. 'Wir waren schon mal hier', erzählt Elke Mädge und lässt dabei das R kräftig rollen. Sie und ihr Mann kommen aus Franken und machen Urlaub in Norddeutschland. Ein Abstecher aufs Oberender Heidelbeerfeld muss sein. 'Weil?s halt lecker is'. In Franken suchen die Mädges so etwas vergebens. 'Wir wohnen in einer reinen Weingegend.' Elke Mädge klettert zusammen mit anderen Kunden in einen Kleinbus, der zwischen dem Hof und dem Heidelbeerfeld hin und her pendelt. Er schaukelt vorbei an Rhododendronbüschen und fährt durch eine kleine Allee aus Eichen. Durch die Blätter schimmert der blaue Himmel. Eine kurze Tour voller Charme.

Zwischen den Heidelbeerbüschen weist ein Mitarbeiter den Kunden die Reihen zu. Die Arbeit kann beginnen. Sofern man überhaupt von Arbeit reden kann, denn eigentlich geht die Pflückerei fix. Alenja Wegmann ist mit ihren kleinen Sohn William hierher gekommen. Ein paar Griffe, und schon kullert wieder eine Hand voll Früchte in den Korb. Vor einer Dreiviertelstunde hat sie begonnen, jetzt schleppt sie drei Kilo Heidelbeeren. 'Genug für heute', beschließt die Bremerin. Schnell noch ein paar genascht, blaue Spuren hinterlassen sie nicht. Anders als die Waldheidelbeeren sind diese kultivierten Sorten von innen nicht dunkel, sondern weiß. 'Die werden erst beim Erhitzen blau', erklärt Else Wöltje. Wenn man die Früchte kocht oder zum Backen verwendet. Außerdem sind Heidelbeeren 'Power für das Immunsystem', gibt sie ihren Kunden mit auf den Weg. 'In der Heidelbeerzeit kann der Arzt in Urlaub gehen', heißt es. Die Früchte seien der reinste Gesundbrunnen. Eine Portion Blaubeeren enthalte genauso viele Antioxidantien wie die fünffache Menge Möhren, Äpfel oder Broccoli. Außerdem wirken sie Blut bildend und entschlackend.

Wer jetzt an den Büschen üppig Beere an Beere hängen sieht, ahnt nicht, dass die Pflanzen eine harte Leidenszeit überstehen mussten. Die begann bereits, als noch niemand daran dachte, sich das saftig-weiche Fruchtfleisch auf der Zunge zergehen zu lassen und sich dem süß-säuerlichen Aroma hinzugeben. Nicht bei minus zehn Grad. Aber damals schon haben die Heidelbeerpflanzen gelitten, weiß Else Wöltje. Der harte und lange Winter hat ihnen zugesetzt. Weil er nicht enden wollte, habe sich auch die Wachstumszeit hinausgezögert. Und als die Temperaturen im Mai noch einmal unter Null Grad sackten, ließen Wöltjes die Heidelbeerbüsche kurzerhand beregnen, um die Blüten mit einer schützenden Frostschicht zu überziehen. 'Dadurch sind uns keine Blüten verfroren.'

Heidelbeeranbauer müssen geduldig sein. Bis eine Pflanze lohnend Früchte trägt, vergehen fünf bis acht Jahre, ist die Erfahrung der Plantagenbesitzer, von denen es in Niedersachsen die meisten gibt. Mit 1400 Hektar Plantagefläche ist das Bundesland Heidelbeerland. Deutschlandweit liege die Blaubeer-Anbaufläche bei etwa 2000 Hektar, heißt es beim Bund deutscher Heidelbeeranbauer. Die Obstbauern lassen jede Menge Fürsorge in die Büsche fließen. Zumal in der großen Hitze, die jetzt auf den strengen Winter folgte.

Andree und Tanja Cordes bewirtschaften in Bülstedt ein vier Hektar großes Heidelbeerfeld. Wie die Kollegen aus Oberende besitzen die Bülstedter eine Beregnungsanlage für ihre Büsche. 'Heidelbeeren sind Flachwurzler', erklärt Andree Cordes. Sie reichen nicht ans Grundwasser heran. Wenn der Boden austrocknet, geht den Pflanzen ziemlich schnell der Lebenssaft aus. 'Dann müssen die Bauern nachhelfen und dauernd die Bodenfeuchtigkeit prüfen', erzählt Else Wöltje. Schließlich kommt es bei einer guten Heidelbeerernte auf den richtigen Mix aus Sonne und Feuchtigkeit an. Wie viel Wasser in ihre Ernte geflossen ist, haben die Plantagenbetreiber aus Bülstedt und Lilienthal nicht gemessen. Dass sich der Mehraufwand auf den Preis auswirkt, bräuchten die Kunden aber nicht zu befürchten, sagen sie. 'Wir versuchen, den Preis zu halten', verspricht Andree Cordes. Auch deshalb, weil von den Discounter-Angeboten mächtig Druck ausgehe.

'Wo es den Blaubeeranbauern nicht möglich ist, die Sträucher mit genügend Wasser zu versorgen, werden die Beeren nicht so groß wie in kühleren Jahren', kündigt der Heidelbeeranbauer-Bund an. Eine Rekordernte wie im vergangenen Jahr sei nicht zu erwarten. Mit 8000 Tonnen Ertrag rechnet der Bund, 2000 Tonnen weniger als 2009. Erika Kück, Mitarbeiterin auf dem Hof Dittmeyer in Hüttendorf bei Worpswede kann das bestätigen. Dittmeyers handeln mit Bio-Heidelbeeren. Chemie ist da tabu. Die Giftspritze dürfen sie nicht nehmen, wenn das Unkraut sprießt. 'Wir müssen alles per Hand in den Griff kriegen', sagt Erika Kück. 'Und leider', bedauert sie, 'haben wir keine Bewässerungsanlage.' Normalerweise sei das auf dem moorigen Boden auch nicht nötig, weil sich die Feuchtigkeit dort recht gut halte. Doch dieser Sommer ist für Dittmeyers Heidelbeeren eine Herausforderung. 'Wir warten auf Regen.' Folglich fallen die Heidelbeeren bei ihnen dieses Jahr kleiner aus. Aber beim Geschmack gebe es nichts zu meckern, betont Erika Kück. Im Gegenteil - die Sonne hat die Früchte schön süß gemacht.

Das süße Vergnügen wird bald auch Elke Mädges Familie haben. 'Darauf freuen sich schon alle', sagt sie. Die Beeren, die sie gepflückt hat, sind im Gepäck, wenn sie nun wieder zurückreist. Mit einem Teil will sie eine Torte belegen, und 'der Rest kommt so in die Schnute'.

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