Viele benötigen Zweitjob, um über die Runden zu kommen – „Wir verdienen weniger als Maschinisten, obwohl wir mit der Zukunft arbeiten“

Die meisten Erzieher erreichen die Grundrente nicht

„Man kann einen Streik nicht von oben herab organisieren.“ Jörn Kroppach, Gewerkschaftssekretär Osterholz-Scharmbeck.
13.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von DIETRICH IDE
Die meisten Erzieher erreichen die Grundrente nicht

Die Erzieherinnen fühlen sich bei wachsenden Belastungen unterbezahlt und bereiten sich mit ihrer Gewerkschaft auf weitere Streiks vor, damit die kommunale Arbeitgeber einlenken. Unser Foto entstand beim Streik in der vergangenen Woche.

Christian Pfeiff

Unter Erziehern und Sozialarbeitern herrscht Streikstimmung, nicht nur in Osterholz-Scharmbeck. Über 4000 Menschen, die diese Berufe in Bremen und Niedersachsen ausüben, so schätzen die Ver.Di-Gewerkschaftssekretäre Jörn Kroppach und Martin Peter, legten, wie Freitag berichtet, am Donnerstag für einen zweiten Warnstreik ihre Arbeit nieder.

Auch im Landkreis Osterholz-Scharmbeck blieben sämtliche Kindergärten und Kindertagesstätten geschlossen. Stattdessen zog das dortige Personal mit Kollegen aus den Landkreisen Cuxhaven, Diepholz und Verden mit einem über 600 Teilnehmer starken Protestzug vom Bahnhof durch die Innenstadt zum Kreishaus, um seine Streikforderungen öffentlich zu machen und eine direkte Reaktion des Landrat Bernd Lütjen zu erhalten

„Aufwertung jetzt“ lautet die primäre Forderung der Streikenden. Doch es geht ihnen nicht nur um höhere Gehälter. Auch die öffentliche Wahrnehmung ihres Berufsstands ist den Streikenden wichtig: „Wir sind eine Bildungseinrichtung. Wir arbeiten mit der Zukunft und verdienen weniger als beispielsweise Maschinisten“, moniert beispielsweise Anna Runge vom Kindertagesstätte Malletstraße.

Die Anforderungen an ihren Berufsstand seien in jüngster Vergangenheit unproportional zur Gehaltsentwicklung gestiegen, befindet auch Frederike Pathe vom Kindergarten Buschhausen. Neben der Problematik, zu große Gruppen in zu kleinen Räumlichkeiten unterzubringen, fühlt sich das Personal auch von steigenden Erwartungen öffentlicher Träger, Schulen und Eltern unter Erwartungsdruck gesetzt.

„In den letzte Jahren mussten wir eine steigende Anzahl teilweise irreparabler seelischer Erkrankungen in unseren Kollegien registrieren“, so Pathe. Auch eine durch Jörn Kroppach durchgeführte Blitzumfrage in der Stadthalle, die den versammelten Erziehern vor ihrer gemeinsamen Kundgebung als Treffpunkt diente, ergab, dass nur die wenigsten Anwesenden damit rechnen, das Rentenalter ohne größere gesundheitliche Schäden zu erreichen.

Ebenso groß ist die Angst der Streikenden vor Altersarmut: „Eine Erzieherin müsste heutzutage 33 Jahre lang Vollzeit arbeiten, um überhaupt Grundrentenniveau zu erreichen“, rechnet Kroppach vor. Rund drei Viertel aller in Niedersachsen beschäftigten Erzieher würden zudem nur in Teilzeit beschäftigt; viele benötigen einen Zweitjob, um finanziell über die Runden zu kommen.

Ausschlaggebend für den Warnstreik seien aktuell laufende Lohnverhandlungen der Gewerkschaft mit den Trägern öffentlicher Kinder- und Jugendeinrichtungen. Diese äußerten laut Kroppach bislang keinerlei Entgegenkommen an die Forderungen der Erzieher, weshalb bereits ein früher Zeitpunkt für Warnstreiks gewählt wurde. Ver.Di übernehme zwar die Koordination des Streiks, der Wunsch nach diesem stamme jedoch aus den Belegschaften: „Man kann einen Streik nicht von oben herab organisieren. Viele glauben, wir würden die Belegschaften von uns aus zum Streiken ausrufen, aber so funktioniert das Ganze nicht“, so der Gewerkschaftssekretär.

Die vorübergehende Schließung der Einrichtungen inmitten der Osterferien dürfte nur wenige betroffene Eltern und Kinder tangiert haben, mit einer Fortsetzung der Streiks ist jedoch zu rechnen: Kroppach schließt einen Erzwingungsstreik nicht aus, sollten die Arbeitgeber im weiteren verlauf der Verhandlungen nicht ändern. Hierüber herrsche laut Pathe unter den Belegschaften der Osterholzer Kinderbetreuungseinrichtungen zwar noch kein eindeutiger Konsens; „derzeit stehen die Zeichen jedoch auf Streik“.

Mit ihren Forderungen ernten die Streikenden Verständnis: Rund 60 Prozent aller betroffenen Eltern in Osterholz zeigen Verständnis für die Streikmaßnahmen des Personals, schätzt Pathe.

Auch der Osterholzer Landrat Bernd Lütjen bezeichnete die Forderungen in seiner Ansprache vor dem Kreishaus als berechtigt, dämpfte jedoch auch die Erwartungshaltung der Streikenden: Kommunale Einrichtungsträger seien im Regelfall unterfinanziert. Um den Forderungen der Streikenden entgegenkommen zu können, bedürfe es zunächst der Unterstützung durch Bund und Länder.

Weitere Verhandlungstermine zwischen Kommunen und Gewerkschaften sind für den 20. und 21. April angesetzt, ein weiterer Sondertermin wurde bereits für Mitte Mai anberaumt. Gewerkschaft und Erzieher wollen diesen Zeitraum nutzen, um ihren Forderungen noch vor Verhandlungsende weiteren öffentlichen Nachdruck zu verleihen.

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