Vom Celler Dickstiel bis zum Jamba: Pomologen bestimmen bei Herbstfest große und kleine Exemplare Die Retter der alten Apfelsorten

In den Körben der Landfrauen leuchten die Äpfel. 40 Kilo haben sie dabei, 400 Stück. Nach einer Stunde ist die Hälfte weg. Apfelfest in Lilienthal – unter diesem Motto steht der verkaufsoffene Herbstsonntag, den der Wirtschafts-Interessenring organisiert hat. Graublau ist der Himmel, doch es bleibt trocken. Zur Kaffeezeit ist die Hauptstraße voller Menschen.
16.09.2013, 00:00
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Von Michael Wilke

In den Körben der Landfrauen leuchten die Äpfel. 40 Kilo haben sie dabei, 400 Stück. Nach einer Stunde ist die Hälfte weg. Apfelfest in Lilienthal – unter diesem Motto steht der verkaufsoffene Herbstsonntag, den der Wirtschafts-Interessenring organisiert hat. Graublau ist der Himmel, doch es bleibt trocken. Zur Kaffeezeit ist die Hauptstraße voller Menschen.

Gar nicht so einfach, einen schwimmenden Apfel mit dem Mund aus der randvollen Blechwanne zu holen. Man muss ihn ansaugen, um den Stiel mit den Zähnen zu packen. Bei Joline klappt das im fünften Anlauf. Dann hat sie den Bogen raus. Vier Äpfel in einer Minute. Das hat vor ihr keiner geschafft. Nina, Jolines Freundin, probiert es auch. Zu dumm, dass die Äpfel so beweglich sind. Sie entziehen sich, tauchen ab, drehen sich. Am Ende hat Nina zwei gelbrote Früchte aus dem Wasser geholt. Die Gewinner bekommen Rucksäcke, Drachen und Stofftiere, den Erlös erhält die Freilichtbühne.

Auf den ersten Blick fallen die Äpfel beim verkaufsoffenen Sonntag des Wirtschafts-Interessenrings (WIR) gar nicht auf. Sie sind nur ein paar Farbtupfer mehr im bunten Programm. Der Strom der Besucher flaniert vorbei an Buden, Glücksrädern und Ständen vor offenen Ladentüren. Es riecht nach Grillwurst, Backfisch und holländischen Poffertjes. Auf Anhängern mit offenem Verdeck spielt die Musik. Erst ist die Country-Sparte der Perilis dran mit ihren Cowboyhüten und Gitarren. Stunden später das Kontrastprogramm mit Shantychor. 500 Meter weiter ist das Programm rockiger. Menschen tänzeln über den Asphalt, ein Senior hält sich die Ohren zu.

Landfrauen verschenken Äpfel

Essen und trinken, gucken und klönen, Leute treffen – das macht den Reiz dieser Sonntage aus. „Du, war das eben nicht dein Sohnemann? Was macht der jetzt eigentlich?“ Sankt Jürgens Landfrauen lenken den Blick auf den Namensgeber des Festes. Statt Handtaschen hängen Apfelkörbe an ihren Unterarmen. „Nee, ich ess’ keine Äpfel“, mault ein Junge. Den Satz korrigiert die Mutter sofort: „Natürlich isst Du Äpfel!“ Doch es gibt auch erwachsene Apfelbanausen. „Ich trink’ lieber Bier“, erklärt ein Mannsbild. Auch Familie Lohmann beschenkt Besucher mit Äpfeln. Brigitte Lohmann ist mit ihren Töchtern Tuja und Tabea in bäuerlichen Kostümen unterwegs. 200 Äpfel verteilen sie – und das Angebot von Blumen-Elsner, im Laden ein Sträußchen um die Frucht zu binden.

Vor den Schaufenstern von Buch & Papier Winter bieten Maribondo und Fabelsaft aus Worpswede am Vortag gepressten Apfelsaft an. Nebenan sitzen zwei Apfelkundler, Pomologen, an einem Tisch mit roten und gelben Äpfeln, vor sich ein Bestimmungsbuch, neben sich eine Kiste voller Ordner. Die schlägt der Blumenthaler Andreas Kallwitz auf, wenn Besucher kommen, ein paar Äpfel auf den Tisch legen und wissen wollen, wie die heißen. Neben Kallwitz sitzt Michael Schulz aus Langwedel, ein hagerer Mann mit langem grauem Haar und Vollbart. Beide sind Mitte vierzig, beide teilen die Leidenschaft für alte Apfelsorten wie den Celler Dickstiel, der sich von Zeven aus verbreitet hat oder die rotbäckige Sorte Juwel aus dem Alten Land. Vor zehn, fünfzehn Jahren hat die Männer die Leidenschaft gepackt, seitdem spüren sie alten Apfelsorten nach und versuchen, möglichst viele vor dem Aussterben zu retten. 350 Sorten gibt es allein in der Bremer Region. Else Wöltje von den Sankt Jürgener Landfrauen legt den Pomologen Äpfel von hellgelber und zartrosa Farbe hin. Kallwitz tippt auf Jamba aus dem Alten Land, zu früh geerntet. Er schneidet ins Kerngehäuse: „Ja, große lange Kerne, sieht wie’n Jamba aus.“

Ein Apfel mit zartrosa Färbung interessiert Kallwitz sehr. „Darf ich den mitnehmen? Ich würde ihn veredeln“, fragt er das Ehepaar. Beide berichten von einem Apfelbaum, „Halbstamm, der trägt wie verrückt“. Das muss sich der Pomologe ansehen. Er notiert die Adresse und lässt sich den Weg beschreiben. „Ich komme nachher vorbei.“

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