„Stromrebellen“ sind die Vorbilder von Anne Christoph und Felix Pfeiffer vom Bündnis Energiewende Bülstedt

Dörfer sollen sich vernetzen

Weg von Atom- und Kohlestrom, hin zu sauberer, nachhaltiger und regionaler Energieversorgung. Dafür setzt sich das Bündnis Energiewende Bülstedt und umzu ein.
11.09.2013, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Dörfer sollen sich vernetzen

Felix Pfeiffer und Anne Christoph wollen eine Energiegenossenschaft für den Bereich der Samtgemeinde Tarmstedt gründen. Ihr persönlicher Beitrag zur Energiewende ist unter anderem das Solarkraftwerk auf dem Dach ihres Hauses in Bülstedt. FOTO: JOHANNES HEEG

Heeg

Weg von Atom- und Kohlestrom, hin zu sauberer, nachhaltiger und regionaler Energieversorgung. Dafür setzt sich das Bündnis Energiewende Bülstedt und umzu ein. Johannes Heeg sprach darüber mit den Mitgliedern Anne Christoph und Felix Pfeiffer.

Frage: Wie sieht Ihr Ideal einer fortschrittlichen und zukunftsträchtigen Energieerzeugung aus?

Anne Christoph: Unser Dorf und jedes andere Dorf erzeugt die Energie, die seine Einwohner verbrauchen, selbst. Und zwar auf nachhaltige Weise, indem erneuerbare Energie wie Wind und Sonne genutzt werden.

Felix Pfeiffer:

Wir setzen darauf, dass sich Dörfer vernetzen, um Erzeugung und Verbrauch von Energie in Übereinstimmung zu bringen. Man sollte die Möglichkeiten nutzen, die das Land bietet, um so schnell wie möglich aus der Atomenergie auszusteigen. Diese ist nicht wirklich beherrschbar. Und dass Atomkraftwerke betrieben werden, ohne dass die Abfallentsorgung geklärt ist, ist ein Riesen-Skandal. Das ist so, als wenn man ein Flugzeug starten ließe, und es gäbe auf der Welt keine einzige Landebahn. Ist diese Vorstellung nicht verrückt?

Bülstedt soll also energieautark werden?

Christoph: Ja, Bülstedt soll nach unseren Wünschen Energiedorf nach dem Vorbild beispielsweise von Schönau werden, produziert den benötigten Strom und idealerweise auch die Wärme ausschließlich aus im Ort betriebenen erneuerbaren Energiequellen und betreibt auch das Stromnetz in Eigenregie. Damit werden wir unabhängig von den Energiekonzernen. Wenn wir die Energie selbst erzeugen, bleibt die Wertschöpfung im Ort. Wir versprechen uns davon auch, dass der Strompreis nicht immer weiter steigt.

Wie wollen Sie das hinkriegen?

Pfeiffer: Uns schwebt zunächst die Gründung einer Energiegenossenschaft vor. Diese könnte die Energieversorgung für den Bereich unseres Dorfes oder der Samtgemeinde in die Hand nehmen. Dazu planen wir einen Informationsabend, zu dem wir einen renommierten Fachmann einladen wollen, der uns frei von Firmeninteressen erzählt, was alles zu beachten ist. Wir haben schon einen Experten ins Auge gefasst, der bereits 40 Genossenschaften zum Laufen gebracht hat. Allerdings können wir uns im Moment das Honorar von 450 Euro noch nicht leisten, wir sind noch auf der Suche nach Sponsoren. Der nächste Schritt wäre dann ein Gutachten, damit wir wissen, was bereits im Dorf an Energieerzeugungsmöglichkeiten vorhanden ist und wo wir hinwollen.

Wo steht Bülstedt denn heute energiemäßig gesehen?

Christoph: Wir wissen, dass die Gemeinde Bülstedt zur Zeit bereits acht Prozent erneuerbaren Strom erzeugt, das sagt jedenfalls unsere Quelle www.energymap.info. Wieviel Strom das Dorf aber überhaupt braucht, wissen wir noch nicht, da die Angaben bei Energymap diesbezüglich nur Schätzwerte sind. Wir haben den Bürgermeister nach dem Energiebedarf Bülstedts gefragt, doch haben wir noch keine Antwort bekommen.

Warum ist Schönau ein Vorbild für Sie?

Christoph: Das Beispiel der Elektrizitätswerke Schönau macht uns Mut. Die EWS betreiben das Stromnetz in Schönau und versorgen bundesweit mehr als 135 000 Privathaushalte, Gewerbebetriebe und Industrie-Unternehmen mit sauberem Strom. Die „Stromrebellen“, wie sie auch genannt werden, setzen nicht auf Gewinnmaximierung, sondern investieren in eine nachhaltige Energieversorgung. Die EWS sind aus einer Bürgerbewegung entstanden und strengen ökologischen Leitlinien verpflichtet. Die Schönauer haben mit ihren kreativen Ideen Unmögliches möglich gemacht.

Warum ist das Bündnis Energiewende Bülstedt und umzu gegründet worden?

Christoph: Angefangen haben wir mit einer Fukushima-Mahnwache, nachdem 2011 das Atomkraftwerk in Japan außer Kontrolle geraten ist. Wir haben alle möglichen Bekannten angerufen, weil wir nicht zu den Mahnwachen nach Zeven oder Rotenburg fahren, sondern bei uns im Ort Flagge zeigen wollten. Es sind dann 60 Leute gekommen, vom Kleinkind bis zum Greis. Ein halbes Jahr lang haben wir uns jeden Montag von 18 bis 18.30 Uhr an der Kreuzung getroffen.

Bei den Mahnwachen ist es nicht geblieben.

Pfeiffer: Nein, daraus hat sich die Idee ergeben, ganzheitlich an das Energieproblem heranzugehen. So haben wir Stromwechselpartys veranstaltet und einen Stromsparwettbewerb gestartet. Zum ganzheitlichen Ansatz gehört auch, dass wir die Dorfgemeinschaft weiter fördern wollen, indem wir Alt und Jung, Alteingesessene und Neuzugezogene noch mehr zusammenbringen. Dazu planen wir unter anderem Spieleabende, die wir in der Schule abhalten werden. Die Arbeit an der Energiewende hat unsere Gruppe zusammengeschweißt, und nun möchten wir diese Idee mehr ins Dorf tragen.

Wie sieht es mit Ihrer persönlichen Energiewende aus?

Pfeiffer: Wir sind auf einem guten Weg. Auf dem Dach unseres Hauses arbeitet seit 2011 eine Photovoltaikanlage, die pro Jahr etwa 10000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Das ist das Vierfache unseres Verbrauchs. Das heißt, dass wir rechnerisch einige unserer Nachbarn mitversorgen.

Was halten Sie von Biogasanlagen?

Pfeiffer: Biogasanlagen sind im Prinzip nicht schlecht, da sie auch Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Sie sollten allerdings nur mit Abfällen und nicht mit Mais betrieben werden. Nicht umsonst wird die Vermaisung der Landschaft beklagt. Unser Dorf beispielsweise ist von Maisfeldern umgeben, obwohl es im Ort gar keine Biogasanlagen gibt. Biogasanlagen müssten zudem ein Wärmekonzept haben. Das heißt, dass auch ihre Abwärme genutzt werden muss. Bei vielen Anlagen verpufft diese Energie nutzlos. Für diese müsste die Einspeisevergütung für den Strom gesenkt werden.

Was erwarten Sie noch von der Politik?

Christoph: Sämtliche Atomkraftwerke müssen sofort abgeschaltet werden, weil sie zu gefährlich sind und ihr Strom dank des Erfolgs der erneuerbaren Energien gar nicht mehr benötigt wird. Zudem sollten Strom sparende Geräte subventioniert werden, damit sich auch einkommensschwächere Familien sparsame Kühlschränke und Herde leisten können. Der Staat sollte Steuergelder lieber für solche Subventionen ausgeben als für Polizeieinsätze gegen Anti-Castor-Demonstranten oder für die Rüstung.

Zur Person: Anne Christoph (51) und Felix Pfeiffer (49) sind ein Ehepaar. Auf ihrem Hof Fylgja (isländisches Wort für begleiten) in Bülstedt bieten sie unter anderem heilpädagogisches Reiten an.

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