Info-Veranstaltung in Tarmstedt

Dörpsmobil ist auch ein Sozialprojekt

Werner Schweizer von der Elektro-Carsharing-Initiative aus Klixbüll stellt das Projekt am 8. Februar bei einer Info-Veranstaltung im Tarmstedter Rathaus vor.
23.01.2018, 12:26
Lesedauer: 5 Min
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Von Johannes Heeg
Dörpsmobil ist auch ein Sozialprojekt

Klixbülls Bürgermeister Werner Schweizer mit den beiden Dörpsmobilen seines Dorfes. Am 8. Februar stellt er in Tarmstedt das Konzept vor. Das Motto der Initiative: Teilen, das neue Haben.

Dörpscampus Klixbüll

Tarmstedt. Die Elektro-Carsharing-Initiative möchte über den Tellerrand der Samtgemeinde Tarmstedt blicken. Der seit 2015 bestehende lose Verbund von fünf Privatleuten, die auf eigenes Risiko mit sechs modernen Stromautos die Mobilität in ihren Dörfern billiger und umweltfreundlicher machen wollen, lädt zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung am Donnerstag, 8. Februar, 19.30 Uhr, im Tarmstedter Rathaus ein. Dort wird Werner Schweizer, Bürgermeister der Gemeinde Klixbüll in Schleswig-Holstein, das dort erfolgreich laufende Dörpsmobil-Projekt vorstellen.

„Unsere Initiative ist auf einem guten Weg“, sagt der Autohändler Wolf Warncke aus Tarmstedt, der von Anfang an dabei ist. Das Auto teilen könnte aber besser laufen, da sei man sich einig. Ein Hemmnis sei sicher, dass es noch nicht möglich ist, die Fahrzeuge über ein Internet-Portal oder über eine Smartphone-App zu buchen. Auch die Mobilitäts-Studie der Samtgemeinde Tarmstedt habe ergeben, dass sich viele potenzielle Nutzer wünschen, die Autos online buchen zu können. Es gehe darum, unkompliziert an das Auto und den Schlüssel kommen und loszufahren. „Junge Menschen möchten zum Beispiel am Sonnabend um 19 Uhr sehen, ob sie um 21 Uhr mit dem Auto spontan ins Kino nach Bremen fahren können“, nennt Warncke ein Beispiel. Es gehe darum, die Vermietung professioneller zu organisieren.

Und was können die Tarmstedter nun von Klixbüll lernen? In der 1000-Seelen-Gemeinde Klixbüll gibt es seit April 2016 ein E-Carsharing-Projekt namens Dörpsmobil. Betreiber der beiden Renault-Stromautos vom Typ Zoe ist eine Sparte des Vereins Dörpscampus Klixbüll. „Wir arbeiten systematisch nach dem KISS-Prinzip“, so Bürgermeister und Spartenleiter Schweizer auf Anfrage. Das Kürzel stehe für „Keep it simple and stupid“, so Schweizer, eine einfache Formel für das Gelingen eines solchen Projektes. „Alles muss einfach sein: die Buchung, die Autoübernahme, die Rückgabe, die Tarife und die Abrechnung, ansonsten ist es auf ehrenamtlicher Basis nicht darstellbar.“

Nach einem halben Jahr sei das Dörpsmobil so weit gewesen, dass es seine laufenden Kosten wieder einspiele. „Und das ohne Förderung für das Fahrzeug“, betont der 66-Jährige, der bis zu seiner Pensionierung 2017 Flugkapitän bei Airbus war. Mit 20 zahlenden Mitgliedern und 90 Vermietungsstunden pro Monat seien alle Kosten gedeckt. Die Nutzer zahlen fünf Euro pro Monat und 3,50 Euro pro gebuchter Stunde inklusive Strom. Der Bürgermeister, der Flüchtlingsbeauftragte und der Bauhofmitarbeiter seien mit 40 Prozent die größte Nutzergruppe und garantierten die wichtige Grundauslastung.

Zuschüsse gab es lediglich für die Stromtankstellen. „Wir haben neun E-Ladesäulen installiert, nachdem wir uns genau überlegt hatten, welche Ladeleistung an welchem Ort benötigt wird“, erklärt Schweizer. So seien an der Schule und am Kindergarten sechs preisgünstige E-Parkplätze mit relativ wenig Ladeleistung eingerichtet worden. Damit könnten die Lehrer während der sechs bis sieben Schulstunden problemlos 100 Kilometer Reichweite nachfassen, der Strom sei für sie wie für alle anderen Nutzer kostenfrei. Vier Ladepunkte in Klixbüll haben elf Kilowatt Leistung, ein weiterer 22 Kilowatt. 75 Prozent der Anschaffungskosten habe die dortige Aktiv-Region übernommen.

Das Projekt nahm noch mehr Fahrt auf, nachdem Mitte Juli 2017 der zweite Zoe in den Dörpsmobil-Fuhrpark kam. Das neue Auto hat nicht nur eine doppelt so hohe Reichweite (300 Kilometer) wie das erste Dörpsmobil, sondern auch eine Anhängerkupplung. Diese sei bei dem Auto vom Hersteller eigentlich gar nicht vorgesehen, erhöhe aber den Nutzwert des Fahrzeugs enorm, so Schweizer. „Wir haben zusammen mit unserem Händler erkämpft, dass wir das Auto damit betreiben dürfen“, erzählt der ehrenamtliche Bürgermeister. Zusammen hätten beide Autos bis Ende 2017 mehr als 33 000 Kilometer ohne eine Schramme zurückgelegt und dadurch circa 2000 Liter Benzin und sechs Tonnen Kohlendioxid eingespart sowie zwei Zweitwagen im Dorf ersetzt. Zur Motivation der Dörpsmobil-Initiatoren sagt Schweizer: „Es geht um die Befriedigung der Mobilitätsbedürfnisse aller Bewohner unseres Dorfes. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, die Nachhaltigkeitsziele für 2030 zu erreichen, zu denen Deutschland sich verpflichtet hat. Zur Erfüllung dieser Ziele wollen wir mit unseren elektrischen Dörpsmobilen einen kleinen Beitrag leisten.“

Die Voraussetzungen dazu seien gar nicht schlecht: „Wir haben Energie im Überfluss in unserer Gemeinde“, sagt Schweizer mit Blick auf die 40 Megawatt Nennleistung der beiden Bürgerwindparks und der beiden Solarfelder, die etwa 20-mal mehr Strom produzierten als im Dorf verbraucht werde. „Ein toller Rohstoff, den wir hier vor Ort haben“, sagt Schweizer. Statt den Ökostrom nach Baden-Württemberg und Bayern abzuleiten oder ihn, was noch häufiger vorkomme, wegen Abschaltung gar nicht erst zu erzeugen, sollte dieser lieber in der Region genutzt werden. Schweizer sagt: „Die Wertschöpfungskette aus diesem Rohstoff Strom muss hier vor Ort verlängert werden. Er muss unter anderem dringend in den Sektor Mobilität gebracht werden, wo immer es geht, aus ökonomischen wie auch aus ökologischen Gründen, um Abschaltungen der Windräder zu reduzieren und um den klimaschädlichen Einsatz fossiler Kraftstoffe zu reduzieren.“

Der Windstrom habe nicht nur wirtschaftliche Vorteile, weil Ölimporte vermieden würden. Auch der ökologische Nutzen sei durch die hohe Energieeffizienz groß. So verbrauche ein Dörpsmobil etwa 15 Kilowattstunden auf 100 Kilometer, was etwa 1,5 Liter Benzin entspreche. Zudem macht Schweizer dann auf den sozialen Aspekt des Projekts aufmerksam: Das Grundprinzip „Teilen, das neue Haben“ werde erfüllt durch Mitfahrangebot, ehrenamtliche Fahrer, Fahren ohne Führerschein, Bringeservice und durch die sozialverträglichen Preise. „Der vielleicht nachhaltigste Aspekt ist aber die dadurch stattfindende Begegnung der Menschen und der Austausch, der durch dieses Projekt stattfindet“, so Schweizer. Gerade die menschliche Begegnung sei in der Regel die Voraussetzung für Beteiligung im Sinne von Engagement. „Das ist es, was wir ganz dringend in unserer Gesellschaft brauchen, um weitere Funktionsverluste zu verhindern.“

Klixbüll habe den Namen Dörpsmobil mittlerweile dem Land Schleswig-Holstein als Dachmarke zur Verfügung gestellt, so dass sich darunter alle künftigen Dörpsmobile der 1120 Gemeinden wiederfinden könnten. Derzeit werde an einer landesweiten Plattform gearbeitet, um eine Vernetzung aller bestehenden und zukünftigen Dörpsmobile zu erreichen. Dörpsmobilisten und interessierte Akteure in den Gemeinden sollen ab Sommer 2018 Beratung und Unterstützung für die Etablierung und den Betrieb von Dörpsmobilen erhalten. Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, die touristische Nutzungsperspektive der Dörpsmobile und eine gemeinsame Software für Buchung und vollautomatische Abrechnung sollen im Rahmen dieses Projektes nach Möglichkeit umgesetzt werden. Schweizer: „So wüsste in Zukunft zum Beispiel auch jeder Tourist, dass es in Schleswig-Holstein Dörpsmobile gibt und er getrost mit der Bahn anreisen kann.“ So könnte E-Carsharing auf dem Land in größerem Rahmen gelingen.

Genau darum geht es auch in der Tarmstedter Info-Veranstaltung. „Wir wollen eine Gelegenheit bieten, über die Verbesserung der Mobilität in Verbindung mit einem E-Carsharing-Angebot nachzudenken“, so Wolf Warncke. „Wir möchten die Frage in den Raum stellen, ob E-Carsharing ein Zukunftsmodell für die Dörfer der Samtgemeinde sein kann, das über das hinaus geht, was wir jetzt als Angebot schon haben.“ Denkbar sei etwa, dass auch in Dörfern wie Breddorf und Steinfeld ein Auto zum Teilen angeboten wird.

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