Wo die Hamme am schönsten ist: Unterwegs mit den Torfkahnschiffern Osterholz-Scharmbeck

Durchs Urstromtal nach Neu-Helgoland

Touristen statt Torf: Wo einst Moorbauern mühevoll Brennstoff in Kähnen abtransportierten, fahren Ehrenamtler schon lange Ausflügler auf der Hamme spazieren. Die Torfkahnschiffer Osterholz-Scharmbeck tun das neuerdings in Eigenregie und gründeten dafür einen Verein. Wir sind mitgefahren.
25.08.2013, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Matthias Sander

Touristen statt Torf: Wo einst Moorbauern mühevoll Brennstoff in Kähnen abtransportierten, fahren Ehrenamtler schon lange Ausflügler auf der Hamme spazieren. Die Torfkahnschiffer Osterholz-Scharmbeck tun das neuerdings in Eigenregie und gründeten dafür einen Verein. Wir sind mitgefahren.

Osterholz-Scharmbeck. Eines möchte Manfred gleich zu Beginn klarstellen: "Wir sind Schiffer, keine Skipper." Ein Torfkahn werde schließlich geschifft, nicht geskippt, auch wenn der Begriff Torfkahnskipper im Teufelsmoor sehr verbreitet sei. "Aber wir sprechen hier ja nicht Englisch", erklärt Manfred.

Doch ganz so genau nehmen es Manfred Loth, Hermann Bavendamm und Hans-Lüder Polz vom Verein Torfkahnschiffer Osterholz-Scharmbeck dann selbst nicht: Es ist ein herrlicher Sommerabend, wir gondeln drei Stunden im Torfkahn über die Hamme, und den drei Schiffern, die sich mit ihrem Vor- oder Spitznamen vorstellen, rutscht mehrfach das verbotene Wort über die Lippen.

Wir starten im Heimathafen des Vereins. Der "Moorgeist", einer von vier Kähnen, liegt vertäut neben der Holzhütte, wo der Verein Segel und Schwimmwesten lagert. Hans-Lüder, genannt Halü, legt rote Sitzkissen auf die Bänke entlang der Reling. Manfred, der Vereinsvorsitzende, bringt die Seitenschwerter in Position, die das kiellose Boot stabilisieren. Hermann holt die Leinen ein und schmeißt den 15 PS starken Motor an. Es geht los.

Gemächlich tuckert der Kahn auf dem schmalen Kanal vom Osterholzer Hafen Richtung Tietjens Hütte, hier sind nur fünf Kilometer pro Stunde erlaubt. Schon nach wenigen Metern, als wir die bronzene Statue am Ortsausgang von Osterholz-Scharmbeck passieren, gilt es wieder etwas klarzustellen: "Die Statue ist kein Torfkahnschiffer, wie viele denken, sondern ein Fährmann", doziert Manfred. Genauer: "Onkel Hermann, der letzte Fährmann von Osterholz." "Ich musste Modell stehen", witzelt Kapitän Hermann. "Mit eingezogenem Bauch!", ergänzt Halü.

Rechter Hand zieht der Segelflugplatz vorbei, backbords rauschen die Autos über den Damm. Ein Traktor kommt uns dort entgegen, der Bauer winkt. Zwei Radfahrer rufen "Moin". An der Slipanlage, wo man kleine Boote ins Wasser schieben kann, steht ein Landschaftsmaler mit beigem Hut. Er schaut kurz von seiner Staffelei auf, dann grüßt auch er. "Wir werden generell gegrüßt, egal ob man sich kennt oder nicht. Wir Torfkahnschiffer sind ein Aushängeschild der Region", sagt Manfred.

Nach 20 Minuten Fahrt im Hafenkanal breitet sich vor uns die Hamme aus. Kleine Wellen plätschern gegen den Bug, Hermann drosselt den Motor und schlägt das Ruder ein. "Mach mal langsam, ich mach eben ein Foto für unsere Homepage", ruft Manfred. Die Schiffer haben ihren Verein erst im Dezember gegründet und bieten nun Charterfahrten in Eigenregie an; zuvor waren sie für das Osterholz-Scharmbecker Stadtmarketing gefahren.

Gleich wollen die drei Ehrenamtler das Segel hissen. Doch jetzt müssen sie erst mal den Mast umlegen, denn vor uns erhebt sich die Brücke der Kreisstraße 9. Halü entfernt einen Bolzen und lässt den rund fünf Meter langen Stamm behutsam gen Kahnboden gleiten. Nach der Brücke das gleiche Spiel umgekehrt. Dann reicht Manfred einen Querbalken vom Boden weiter, Halü hakt einen Karabiner ein, und die beiden hissen den Balken samt Segel. Unten hängen nun zwölf Quadratmeter Tuch, mit einer Ecke am Mast; die andere Ecke hält Hermann mit dem sogenannten Luggerseil. Behutsam bläst der Wind das Segel auf und schiebt das Boot vor sich her. Das Wasser gluckert, sonst ist nichts mehr zu hören. "Da kommen selbst Hartgesottene zur Ruhe", sagt Manfred in die Stille hinein.

Doch natürlich haben die Schiffer auch einiges zu erzählen, zum Teufelsmoor, dessen Entstehung und Nutzung. Allein der Name ist eine hübsche Geschichte, Halü erzählt sie: Auf Plattdeutsch habe man ursprünglich "duwes Moor" gesagt, für taubes, also unfruchtbares Moor. "Das wurde falsch ins Hochdeutsche übersetzt, denn ‚Teufel‘ ist auf Plattdeutsch ‚Düwel‘." Aus heutiger Sicht muss man für den Fehler wohl dankbar sein: besser Moorteufel als Moortaube. Oder wie würden sich zum Beispiel die Taucher des Osterholzer Sportvereins VSK stattdessen nennen?

Wir gleiten weiter durchs Urstromtal, das sich auf gut 30 Kilometern Länge ausbreitet. Es entstand vor geschätzt 100000 Jahren, als auf der Höhe des heutigen Gnarrenburgs ein Gletscher schmolz. Nur ein Hügel aus Ton widerstand dem Wasserstrom, um ihn herum lagerte sich Sand ab. So bildete sich eine 54 Meter hohe Übertreibung namens Weyerberg, den Halü ironisch-lautmalerisch zum Nationalheiligtum des Teufelsmoors erklärt: "Die Australier haben Ayers Rock, wir haben Weyers Rock."

Ruderer ziehen vorbei, ein Paar paddelt in einem Schlauchboot. Dolce Vita im Moor. Kaum vorstellbar, wie schwer das Leben der Torfbauern hier mal war. Wie Zweit- und Drittgeborene, die beim Erben leer ausgegangen waren, dem nassen Boden ihren Lebensunterhalt abrangen. Wie sie zunächst in primitivsten Hütten hausten. Wie später ihre Höfe wieder und wieder überflutet wurden. Wie sie für die Kahnfahrt zum Torfverkauf in Bremen hin und zurück vier Tage brauchten und in der Kahnkombüse Buchweizen-Brei kochten. Daher hat der "Moorgeist", ein originalgetreuer Nachbau, auch einen Schornstein.

Hermann hingegen kann kurz den Motor einschalten, wenn kaum Wind weht. So sind wir nach gut eineinhalb Stunden schon dort, wo die Hamme am schönsten ist, zumindest nach Meinung der drei Schiffer: zwischen dem Zufluss der Beek und der Ausflugshütte Neu-Helgoland. Hier wird die Hamme links und rechts zugewuchert, von Büschen und Bäumen, Sträuchern und Schilf. "Das Ufer wächst zu, seit die Strommeisterei geschlossen wurde", sagt Halü. "Die Hamme hat dadurch sehr gewonnen." Zumal die Fauna teils den Blick verdeckt auf eher eintönige Felder, an denen sich die drei Schiffer stören.

Unser Kahn passiert nun Neu-Helgoland, eine der vier ehemaligen Rast- und Handelsstätten, die heute noch erhalten sind; ursprünglich waren es mal sieben. Auf der Terrasse genießen Sonnenbrillenträger ihr Feierabendbier, fast alle Tische sind besetzt. Vor uns legt sich eine Zugbrücke sehr flach über die Hamme. Der Segelmast ist schon umgelegt, doch da ist noch der Schornstein. "Passt das?", fragt Hermann besorgt. "Auf der Rückfahrt auf jeden Fall", sagt Halü lachend. Es passt, gerade so.

Wir erreichen den Heimathafen der Adolphsdorfer Torfschiffer. "Die haben da oben eine Halle, da wird man neidisch", sagt Manfred. Ein gutes Winterquartier für die Boote sei wichtig. Schließlich kämen auf eine Stunde Fahrt zwei Stunden Wartung. Hermann schlägt das Ruder ein und wendet den Kahn. Heimfahrt.

Obwohl wir zurück den gleichen Weg nehmen, gibt es noch immer Neues zu entdecken: einen entwurzelten Baum am Ufer, den der vermeintlich laue Moorwind umgeblasen hat. Weiße Seerosen und gelbe Teichrosen. Herumschwirrende Libellen, die laut Manfred ein Zeichen für die gute Wasserqualität sind. All das und die wechselnden Passagiere machen die Fahrten für das Trio immer aufs Neue attraktiv. "Keine Fahrt ist wie die andere, das ist das Schöne", sagt Halü. Das wollen wir gerne glauben.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+