Die in Worpswede aufgewachsene Barbara Siebeck berichtet über die „Essreisen“ mit ihrem Mann

Ein halbes Leben vor dem Teller

Worpswede. „Den Siebeck“ kennt man. Feinschmecker, Gastronomiekritiker, Kolumnist, Journalist, Buchautor und Meister am Herd, kurz: Gourmetpapst.
25.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Schumacher

„Den Siebeck“ kennt man. Feinschmecker, Gastronomiekritiker, Kolumnist, Journalist, Buchautor und Meister am Herd, kurz: Gourmetpapst. „Die Siebeck“ kann darüber viel erzählen. Ein halbes Leben haben Barbara und Wolfram Siebeck dem Speisen gewidmet. Sie sind durch die Welt gereist, um an fein gedeckten Tischen vor kulinarischen Köstlichkeiten zu sitzen. Barbara Siebeck könnte schwelgen, von edlem Wein schwärmen und küchenmeisterliche Raffinessen preisen. Stattdessen sagt sie: „Rosig ist das nicht, wenn man immer so viel essen muss.“

Sie war gerade wieder in Worpswede. Einmal im Jahr zieht es die Tochter der Kunsthändlerin und Galeristin Lotte Pinkus und des Kunstmalers Paul Ernst Wilke an den Ort ihrer Kindheit, den sie mit 17 Jahren verließ. Ein paar Tage haben sie und ihr Mann bei Schwester und Schwager in der Lindenallee verbracht. Es gab eine Lesung in der Kunsthalle Netzel. Barbara Siebeck ist Autorin. Ihr neuestes Buch nimmt die Leser mit auf die zahlreichen „Essreisen“, zu denen sie und ihr Mann immer wieder aufbrachen, auf dass am Ende gesalzene Kritiken herauskamen. Zum Beispiel für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

45 Jahre lang begleitete Barbara Siebeck diese Reisen nicht nur als „Mitesserin“, wie sie sich selbst beschreibt, sondern auch mit wachem Blick. Die Polaroid-Kamera stets einsatzbereit, wuchs mit jeder Metropole, die die Siebecks bereisten und jedem Sterne-Restaurant, in das sie einkehrten, die Sammlung eigenwilliger Aufnahmen. Die Fotos zierten die Kolumnen in der „Zeit“ und waren Anfang dieses Jahres im Museum Blankenhorn Palais zu sehen. Dicht an dicht hätten sie dort an den Wänden gehangen, erzählt Barbara Siebeck. „Wir konnten aus der vollen Schatztruhe fischen.“

Obamas Imbiss getestet

Dabei entstand die Idee zum Buch, in dem die Autorin ihre Reisegeschichten lakonisch, humorvoll und erfrischend unverblümt zwischen die Polaroids streut. „Als hätten alle schon darauf gewartet, zu hören, was der Siebeck für ein Fiesling ist.“ Andere würden sagen: mein Mann. Barbara Siebeck sagt „der Siebeck“. Und dass er natürlich kein Fiesling sei, sondern „der geduldigste und gütigste Mensch“. Wenn man von den Speisekritiken mal absehe. „Dann muss er kritisch sein.“ Das Buch, das unter dem Titel „Die Siebeck – Unterwegs mit ihm“ in der Edition Rombach erschienen ist, führt die Leser kreuz und quer über den Globus. Das Inhaltsverzeichnis listet von Berlin bis Washington D. C., wo Wolfram Siebeck Obamas Lieblings-Schnellimbiss testete, 16 Stationen auf und gleicht – mit dem kurzen Rom in der Mitte – der Form einer schlanken Pfeffermühle.

Jeder Ort hat seine Episode. Zum Beispiel Moskau. Barbara Siebeck lacht kräftig und erzählt die Geschichte von der Gräte, die ihr im Hals stecken blieb und von der sie ein Herr vom Nachbartisch befreite, der mit einem beherzten Griff von hinten um ihren Oberkörper die Gräte wieder zutage förderte. „Und mein lieber Gatte hat in der Zeit die Weinkarte studiert und nicht gemerkt, dass ich röchle.“ Sie erzählt von Sechs-Gänge-Menüs bei gebrochenem Zeh, von Ohnmachtsanfällen und kann sich heute noch darüber amüsieren, dass „der Siebeck“ in den Anfängen seiner Kritikerzeit immer ein Aufnahmegerät unter der Serviette versteckt hielt, um seine Urteile unmittelbar festzuhalten. Damit es nicht auffällt, habe sie ihn unentwegt interessiert ansehen müssen, wenn er in die Serviette sprach. Sie kann aber auch ärgerlich sein. Darüber, dass Frauen in manchen Restaurants noch immer nicht die Weinkarte in die Hand bekommen.

„Wir waren überall. Zum Essen. Nicht zum Spaß“, schreibt die Autorin gleich zu Anfang. „Ich habe viel erlebt – aber auch viel verpasst. Schauspielhaus? Große Oper? Staatsballett? Ach was, nicht mal ein Gedanke daran. Hundemüde. Erschöpft. Stundenlang essen und trinken kann unglaublich anstrengend sein...“

Aber auch faszinierend. Barbara Siebeck fand es nebenbei dennoch „großartig, ein mir noch unbekanntes Restaurant zu betreten und die Eindrücke auf mich wirken zu lassen“. Es sei ein wenig wie ein Theaterbesuch: „Feierlich. Erwartungsvoll. Hoch gespannt.“ Sie habe sie genossen, all diese Reisen und Ausflüge in die großen Häuser. Es habe einfach gepasst mit ihnen, blickt Barbara Siebeck zurück.

Als sie und Wolfram Siebeck 1969 heirateten, war sie Galeristin in Starnberg und schon Mutter von drei Söhnen aus der Verbindung mit dem Fotografen Will McBride. Es gibt ein Foto von ihr, das sie im Jahr 1960 – bekleidet – mit Babybauch zeigt und das ihr Mann in der Zeitschrift Twen veröffentlichte, was einen bundesweiten Skandal auslöste. Schon zu zeigen, dass man schwanger war, galt damals als jugendgefährdend. Später habe Wolfram Siebeck dann immer für die Familie gekocht, „bis ich es heimlich geübt habe“, erzählt seine Frau. „Ich habe vom Viktualienmarkt die frischen Dinge herangeschleppt, und wir haben mit den Kindern gemeinsam gegessen. Das war immer schön.“ Ums Essen drehen sich auch die Worpsweder Tage. Ob es schwer ist, einen Gourmetpapst am Tisch zufrieden zu stellen, gar zu begeistern? Barbara Siebeck macht eine Handbewegung, die nach „Kein Problem“ aussieht. Um diese Jahreszeit gebe es Matjes, den liebe ihr Mann. Und manchmal reiche auch „eine gute Stulle, Käse und dazu ein schönes Glas Wein“.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+