Altbürgermeister Schölzel gestorben Ein Ritterhuder mit Leib und Seele

Arnold Schölzel ist in seinem 90. Lebensjahr gestorben. Der in Oberschlesien geborene Sozialdemokrat war von 1970 bis 1995 ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Ritterhude.
14.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald
Arnold Schölzel ist in seinem 90. Lebensjahr gestorben. Der in Oberschlesien geborene Sozialdemokrat war von 1970 bis 1995 ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Ritterhude.

Von seinem Sessel im Wohnzimmer aus hatte Arnold Schölzel das Bild einer Worpsweder Malerin im Blick. „Ja“, bekräftigte er in einem Gespräch am 5. Januar, „die Familie Vogeler und ihre Freunde waren gute Leute, feine Menschen.“ Und nach kurzem Innehalten: „Alle Kommunisten.“

Sieben Jahre wohnte Schölzel am Sandweg „Im Schluh“. Die Künstlerfamilie Vogeler zählte zu seinen Nachbarn. Oma Vogeler war ihm besonders gut im Gedächtnis geblieben. 1947 heiratete der spätere Ritterhuder Bürgermeister am Weyerberg seine zwischenzeitlich ebenfalls verstorbene Frau Klara. Bei einem Enkel von Heinrich Vogeler absolvierte Schölzel eine Tischlerlehre, eigentlich aber wollte er Lehrer werden. Und so nahm er ein Studium an der Hochschule in Oldenburg auf, wohnte dort zwei Jahre lang in einer kargen Studentenbude. Nach der Todesangst im Krieg und dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur gab sie ihm gleichwohl Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Arnold Schölzel wird 1926 in Toszeck (damals Tost) geboren. Eine oberschlesische Kleinstadt im heutigen polnischen Landkreis Gliwicki mit rund 3500 Einwohnern. Gerade mal 17, muss er die Wehrmachtsuniform anziehen, landet in Prag und wird als vorgeschobener Beobachter der Artillerie in die Kriegsrealität beordert. Er hat Glück, erleidet nur einige Blessuren, gerät in russische Gefangenschaft, flieht im Mai 1945, schlägt sich in Richtung Westen durch und landet auf einem Bauernhof bei Selsingen (Kreis Rotenburg/Wümme). „Dort haben wir Schnaps für die englischen Besatzungssoldaten gebraut und im Gegenzug Telefondraht erhalten, mit dem die Weiden eingezäunt wurden“, erzählte Schölzel. Auf dem Hof an der Wümme lernt er seine Frau Klara kennen.

Mit dem Lehrerdiplom in der Tasche klopfte Arnold Schölzel 1953 bei der Riesschule an. „Schon wieder ein Lehrer unterzubringen, stöhnte der Hausmeister damals“, erinnerte sich der spätere Bürgermeister. Die Schule sei mit 1400 Pennälern völlig überfüllt gewesen. Und die Lehrkräfte hätten mit ihrer Familie auf dem Boden unter dem Dach wohnen müssen.

Der Ritterhuder Bürgermeister hieß zu jener Zeit Friedrich Verholen und gehörte der SPD an. 1955 stellte sich Arnold Schölzel bei ihm als potenzielles Parteimitglied vor, bot seinen Beitritt an und wurde Sozialdemokrat. Die erste große Bewährungsprobe war die Kommunalwahl 1957, die SPD gewann zehn der 17 Sitze und kürte Schölzel zum Fraktionsvorsitzenden. Das blieb er bis zu seiner Wahl zum Bürgermeister und Nachfolger von „Fidi“ Verholen im Jahre 1970.

Fortan setzte Schölzel ein Vierteljahrhundert lang fort, was er als Ratsmitglied getan hatte: Politik für die Menschen in der Hammegemeinde machen. Und das bedeutete in erster Linie Wohnungen und Arbeitsplätze zu schaffen. Die Gemeinde wuchs schnell, musste schon damals Flüchtlinge integrieren. „Das war im zerbombten Deutschland wesentlich schwieriger als jetzt“, kritisierte Schölzel im Gespräch „heutige Bedenkenträger“.

Ritterhuder mit Leib und Seele

Arnold Schölzel wurde Ritterhuder mit Leib und Seele, zog in die Goethestraße und später in die Mozartstraße um, wo er zusammen mit seiner Tochter wohnte. Der Flüchtling aus Oberschlesien integrierte sich schnell, tanzte auf vielen kulturellen Hochzeiten – vom Gesangverein bis zum Schützenverein –, besuchte regelmäßig die Künstlerkolonie in Worpswede und pflegte intensive Kontakte zu zahlreichen prominenten Parteimitgliedern. Die Begegnungen mit den SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer und Willy Brandt, später Bundeskanzler, und dessen Nachfolger Helmut Schmidt blieben ihm in bester Erinnerung. Ebenso die Freundschaften mit dem einstigen Bundesbauminister Karl Ravens oder dem Komponisten, Musikpädagogen, Schriftsteller und Hochschullehrer Heinz Lemmermann aus Lilienthal.

Bis zu seinem plötzlichen Tod verfolgte Ritterhudes Ehrenbürger das aktuelle politische Geschehen mit großem Interesse. Die Entwicklung in seiner Partei sah er nicht „sonderlich positiv“. „Mit einigen Sachen bin ich gar nicht einverstanden“, sagte der 90-Jährige noch vor wenigen Tagen und nannte als Beispiel die Sanktionspolitik gegenüber Russland, die er für völlig verfehlt hielt.

Über die täglichen Ereignisse in der Welt und in seiner Gemeinde informierte sich Arnold Schölzel durch eifriges Zeitungslesen. Zu seiner Stammlektüre gehörte auch die Berliner „junge Welt“, die sich selbst als links und marxistisch orientiert einstuft. Ihr Chefredakteur heißt Arnold Angelus Schölzel, 1947 geborener Sohn des verstorbenen Ritterhuder Altbürgermeisters. Der Diplom-Philosoph desertierte 1967 aus der Bundeswehr in die damalige DDR, promovierte an der Humboldt-Universität in Berlin zum Thema „Karl Korschs undogmatischer Marxismus“ und verfasste zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für Rundfunk und Tageszeitungen. Sein Vater lobt in unserem Gespräch am 5. Januar: „Ich lese gerne, was er schreibt.“

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