Knapp eine Million Euro an Investitionen im Brandschutzplan vorgesehen / Schutzziele teilweise verfehlt

Einblick in die Feuerwehr-Fibel

Lilienthal. Gemeindebrandmeister Andreas Hensel und Ordnungsamtleiter Florian Peters konnten sich vor Lob kaum retten. Sie wurden von den Mitgliedern im Sozialausschuss geradezu beglückwünscht zu dem über Jahre gemeinsam erarbeiteten Feuerwehrbedarfsplan.
04.05.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Einblick in die Feuerwehr-Fibel
Von Timo Sczuplinski
Einblick in die Feuerwehr-Fibel

Die Ausrüstung hängt bereit: Die Feuerwehr hofft vor allem auf neue Mitglieder, die in der Nähe der Wache leben, um über kürzere Wege schneller an die Einsatzorte zu kommen.

Patrick Pleul und DPA, picture alliance / dpa

Gemeindebrandmeister Andreas Hensel und Ordnungsamtleiter Florian Peters konnten sich vor Lob kaum retten. Sie wurden von den Mitgliedern im Sozialausschuss geradezu beglückwünscht zu dem über Jahre gemeinsam erarbeiteten Feuerwehrbedarfsplan. Eine echte Feuerwehr-Fibel sei da entstanden. Kritische Fragen blieben erst einmal aus. Das konnte man den Politikern auch kaum verdenken. Erst wenige Tage vor der Sitzung hatten sie die überarbeitete und nun beschlussfähige Fassung erhalten. Und die war auch gleich noch einmal um Dutzende Seiten auf nun 117 Seiten angewachsen. Der Bedarfsplan, der Aufschluss über die Leistungsfähigkeit der Brandschützer und die Herausforderungen für die Feuerwehr geben soll, ist voll von Details, Fachbegriffen und Statistiken. Man braucht schon einige Stunden Zeit, um sich durch dieses dicke Stück Feuerwehrwelt durchzuwühlen.

Eine inhaltliche Nachfrage kam dann aber doch noch: von SPD-Mann Werner Pfingsten. Was er denn seinen Nachbarn in Feldhausen antworten solle, wenn die ihn künftig fragen, warum es die Feuerwehr im Zweifelsfall nicht in der vorgesehenen Zeit zu ihnen an die Gemeindegrenze schaffen wird?

Gerade für den vorderen Bereich Lilienthals, das zeigt der Bedarfsplan, ist nicht gewährleistet, dass es die Feuerwehr in den angestrebten acht beziehungsweise 13 Minuten zum Einsatzort schafft, um Menschen zu retten und Brände zu bekämpfen. Als „rechnerisch nicht optimale Versorgung“ wird das im Plan bezeichnet. Gleiches gilt auch für Butendiek, Trupe, die Landesgrenze zu Bremen sowie einige Bereiche in Falkenberg, Trupermoor, Klostermoor und Kleinmoor. Die Bereiche mit den höchsten Risikoeinstufungen dagegen werden innerhalb der geforderten Zeit erreicht. Laut Plan müsse man prüfen, ob es eine Anpassung der Standortstruktur geben müsse. Neue Standorte seien aber nicht nötig. Den Bedarf gebe es erst, wenn weniger als 80 Prozent der Einsatzbereiche nicht innerhalb der zeitlichen Parameter erreicht würden. Die Zahlen seien eher ein Beleg dafür, dass wirklich jede Wache in Lilienthal gebraucht werde und keine Standorte geschlossen werden dürften.

Gemeindebrandmeister Hensel hatte eine Antwort auf Pfingstens Frage parat. Und mit ihr konnte er gleichzeitig auch deutlich machen, was einer der Schwachpunkte der ingesamt gut aufgestellten Lilienthaler Brandschützer ist. „Die einzige Stellschraube, um schneller zu sein“, sagte Hensel, „ist der Weg zur Feuerwache.“ Die Feuerwehr sei künftig also vor allem auf Mitglieder angewiesen, die möglichst nah an der Feuerwehr leben oder arbeiten. Genau nach solchen Menschen suchen die Brandschützer. Und die Suche ist nicht immer einfach. Oft wohnen ehrenamtliche Mitglieder der Wachen zwar vor Ort, doch sind sie tagsüber nicht unbedingt in der Nähe, weil sie zum Beispiel in Bremen oder noch weiter weg arbeiten. Es wird eine der vorrangigsten Aufgaben der Feuerwehr sein, dieses Problem zu lösen. Nur wie?

Fuhrpark soll erweitert werden

Da gebe es zwei Ideen, sagt Hensel. Erstens: Menschen für die Feuerwehr gewinnen, die bereits in Lilienthaler Unternehmen arbeiten. Dafür müssten weiterhin auch die Betriebe sensibilisiert werden. Auch Doppelmitgliedschaften werden angestrebt. Wenn Mitarbeiter aus Bremen kommen und dort bereits in einer Feuerwehr Mitglied sind, sollen sie das auch gleichzeitig in Lilienthal sein können. Die zweite Möglichkeit: Vor allem Menschen, die bei der Gemeinde oder kommunalen Betrieben neu anfangen, für das Ehrenamt Feuerwehrmann begeistern – eine vertragliche Festlegung für eine Mitgliedschaft erscheint da jedoch eher unwahrscheinlich.

Die Personalstruktur insgesamt ist auf einem ordentlichen Niveau bei der Feuerwehr, findet Hensel. Es gibt einige wenige Probleme. Neben der mitunter fehlenden räumlichen Nähe der Mitglieder zur Wache, gibt es in einigen Ortsfeuerwehren der Gemeinde auch noch Bedarf an Führungspersonal. So wie in Seebergen und Worphausen. Auch Feuerwehrleute, die Atemschutzgeräte tragen könnten, müsse es laut der Brandschützer in Zukunft mehr geben. Menschen also, die sich mit ihrer besonderen Qualifikation bei der Brandbekämpfung auch einem höheren Risiko aussetzten, wie Hensel erklärt.

Das eine Thema ist das Personal. Es dürfte die etwas schwierigere Aufgabe werden, dort künftig an genügend geeignete und willige Leute zu kommen. Man kann sie sich ja schließlich nicht kaufen. Anders ist es da bei einem anderen großen Thema, das der Feuerwehrbedarfsplan bereit hält: der Fuhrpark und die Feuerwehrhäuser. In den kommenden Jahren sind mehrere Neuanschaffungen geplant.

In Heidberg gibt es aktuell etwa ein Tragkraftspritzenfahrzeug ohne Löschwasser an Bord; und nur sechs Leute – also eine Staffel – finden Platz. Nach Vorgabe müsste in dem Fall aber eine Gruppe – also neun Leute – an Bord sein, weil von einigen Kräften Löschwasser extra bereit gestellt werden muss. „Das kriegen wir unter den aktuellen Umständen gar nicht hin“, sagt Hensel. Also soll 2019 ein Löschgruppenfahrzeug her mit integrierter Wasserversorgung, Kostenpunkt 280 000 Euro. In dem Fall reichten laut Hensel auch sechs Leute aus für das Schutzziel 1 Menschenrettung. Ein zweites Fahrzeug könne dann zusätzlich mit neun Mann aus Seebergen anrücken.

In Seebergen gibt es noch ein Tragkraftspritzenfahrzeug mit Wasser. Das ist allerdings schon 20 Jahre in Betrieb und muss ersetzt werden. Dafür soll ein Mittleres Löschfahrzeug her, noch in diesem Jahr für etwa 200 000 Euro. 2017 soll zudem in der Wache Lilienthal/Falkenberg das alte Löschfahrzeug 10 ausrangiert werden, dafür ist ein 280 000 Euro teurer Gerätewagen L2 vorgesehen. Im Jahr 2020 soll noch ein Transportfahrzeug für 30 000 Euro ersetzt werden. Ebenso wie in der Wache in Worphausen – da bereits im Jahr 2018.

Und dann wäre da ja noch das geplante Feuerwehrboot. Im alten Plan war ein Mehrzweckboot notiert, das mit Sicherheit einen dreistelligen Betrag verschlungen hätte. Allerdings wäre es bei den stark variierenden Wasserständen gerade auf der Wümme schwierig gewesen, dieses große und schwere Exemplar mit wenigen Leuten zu Wasser zu lassen.

Nun hat man sich auf einen Kompromiss für den Bedarfsplan geeinigt. 2018 soll ein Rettungsboot (RTB 2) kommen, die kleinere Variante, die mit 45 000 Euro veranschlagt ist. Stehen soll es bei der Ortsfeuerwehr St. Jürgen, „da die Ortsfeuerwehr neben der Wümme auch Teile der Hamme auf der Gemeindegrenze abdeckt, sollte hier ein Rettungsboot stationiert werden“, heißt es im Plan. Investitionskosten von 915 000 Euro kämen für alle Neubeschaffungen der Feuerwehr in den nächsten fünf Jahre auf die Gemeinde zu.

Stichwort St. Jürgen: Dort gibt es aktuell noch ein Platzproblem. Die Fahrzeughallen sind zu klein. Die Autos passen zwar durch, aber nur mit Einschränkungen. Die Feuerwehrmänner könnten zum Beispiel erst draußen einsteigen. Deshalb wird in diesem Jahr die Halle erneuert. Für die Einsatzkräfte, die sich aktuell noch in der Halle für ihren Einsatz umziehen müssen, kommen Umkleidekabinen hinzu. Auch die benachbarte Landjugend wird in dem Gebäude einen Raum bekommen.

„Technisch sind wir auf dem besten Weg“, sagt Hensel. Er weist darauf hin, dass Brandschutz eine kommunale Pflichtaufgabe sei. Gleichwohl habe man über jede einzelne Neuanschaffung natürlich genau nachgedacht. Mit dem nun fertigen Bedarfsplan, der regelmäßig fortgeschrieben werde, wolle man auch ein hohes Maß an Transparenz schaffen.

Beim nächsten Sozialausschuss Ende Mai sollen einmal mehr die Politiker das Wort haben. Dann wird es noch die ein oder andere Nachfrage geben. Mit allzu viel Gegenwind rechnet Hensel aber nicht mehr. Der Fachausschuss könnte dann dem Rat den Beschluss des Plans empfehlen. Und im Juni auf der nächsten Ratssitzung wäre der Feuerwehrbedarfsplan dann endgültig beschlossene Sache.

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