Der international erfolgreiche Jazztrompeter Ulrich Beckerhoff gewährt Einblick in sein Worpsweder Programm „Eine Melange verschiedener Kulturen“

Die Bötjersche Scheune in der Bauernreihe wird am morgigen Freitag zum Jazzkonzertsaal: Dem Förderverein „Podium Worpswede“ ist es gelungen, Ulrich Beckerhoff, einen Jazztrompeter von internationalem Format, für einen Auftritt im Künstlerdorf zu verpflichten. Begleitet wird der 66-jährige Bremer von Mustafa Boztuey (Oriental Percussion) aus der Türkei und Joao Luis Nogueira (Gitarre, Gesang) aus Brasilien.
12.06.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Bötjersche Scheune in der Bauernreihe wird am morgigen Freitag zum Jazzkonzertsaal: Dem Förderverein „Podium Worpswede“ ist es gelungen, Ulrich Beckerhoff, einen Jazztrompeter von internationalem Format, für einen Auftritt im Künstlerdorf zu verpflichten. Begleitet wird der 66-jährige Bremer von Mustafa Boztuey (Oriental Percussion) aus der Türkei und Joao Luis Nogueira (Gitarre, Gesang) aus Brasilien. Beckerhoff kündigt eine „Melange verschiedener musikalischer Kulturen“ an. Er sei selber sehr gespannt auf dieses Konzert, verriet er unserem Redakteur Michael Schön. Beginn der in der Reihe „Orient/Okzident – Konzertlesung und Jazzkonzerte mit arabischem Schwerpunkt“ stehenden Veranstaltung ist um 20 Uhr.

Herr Beckerhoff, für das Konzert, das Sie am morgigen Freitag in Worpswede geben werden, hat der veranstaltende Förderverein „Podium“ eine Mischung aus Jazz und türkischer Musik angekündigt. Also wird europäische Melodik und Harmonik auf die von der arabischen Tonleiter bekannten Zwischentöne treffen. Der Jazz schöpfte ja schon immer Inspiration aus solchen Crossovern. Worin besteht für Sie der besondere Reiz einer solchen Grenzüberschreitung? Sind es die Trennlinien, die Kontraste oder eher die Gemeinsamkeiten, aus denen Sie einen musikalischen Gewinn ziehen?

Ulrich Beckerhoff: Sie haben die entscheidenden Punkte bei dieser Begegnung in Ihrer Fragestellung schon erwähnt: Es sind die Kontraste und die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen kulturellen Backgrounds der beteiligten Musiker, die mich bei diesem erstmaligen Zusammentreffen in diesem Kontext mit ihnen interessieren. Wie wird es klingen, wenn ein türkischer Percussionist mit arabischen Instrumenten auf einen deutschen Jazztrompeter und einen brasilianischen Gitarristen und Sänger trifft? Die Jazzmusik war durch ihre Entstehungsgeschichte – afrikanische Rhythmen treffen auf europäische Harmonik – die erste Art von Weltmusik, bevor dieser Begriff überhaupt erst Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat.

Zu den europäischen und orientalischen Elementen werden sich auch noch brasilianische Einflüsse gesellen. Das klingt nach Folklore.

Ich denke, dass der Begriff Folklore es in diesem Fall nicht ganz trifft. Ich würde es eher eine sich gegenseitig beeinflussende musikalische Begegnung und Melange verschiedener Kulturen nennen.

Neben dem Percussionisten Mustafa Boztuey bringen Sie den Brasilianer Joao Nogueira für den Gitarrenpart mit nach Worpswede. Die Liste der Musiker, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, kommt einem Who‘s Who der internationalen Jazzszene gleich. Was sind die wichtigsten gemeinsamen Projekte, auf die Sie mit diesen beiden preisgekrönten Solisten zurückblicken können, und welches Programm können die Zuhörer in der Bötjerschen Scheune von diesem Trio erwarten?

Mustafa Boztuey traf ich zum ersten Mal bei der Jazzahead 2011 als Mitglied der Gruppe von Sezen Aksu, einem der größten Stars der türkischen Musikszene. Danach haben wir etliche Male zusammengearbeitet. Joao Nogueira habe ich hier während seines Studiums in Deutschland kennen gelernt, spiele aber zum ersten Mal mit ihm zusammen. Das Programm wird aus eigenen Kompositionen der Musiker bestehen, aber ebenso auch Stücke von A. C. Jobim, Joao Bosco und Baden Powell beinhalten.

Sie haben schon vor 48 Jahren ihren ersten Preis gewonnen, haben Film-, Theater und Hörspielmusiken komponiert sowie in ganz Europa und vielen Staaten Afrikas konzertiert. Wann haben Sie zum ersten Mal eine Trompete in die Hand bekommen, und wodurch wurde Ihre Begeisterung für den Jazz geweckt?

Ich habe mit 15 Jahren angefangen, Trompete zu spielen, und meine Begeisterung für den Jazz wurde durch die Plattensammlung meines älteren Bruders geweckt, die mir die Musik von Louis Armstrong, Benny Goodman, Duke Ellington und Count Basie nahe gebracht hat.

Um noch einmal an Ihre Auftritte auf großen Bühnen zu erinnern – die Scheune in Worpswede ist eine relativ kleine. Haben Sie eine besondere Beziehung zum Künstlerort?

Nun ja, da ich seit 1975 in Bremen lebe, ist natürlich klar, dass man eine besondere Beziehung zu Worpswede entwickelt. Zum einen hatte ich schon als Kind eine besondere Beziehung zur Malerei, da ich regelmäßig mit meinem Vater, einem sehr guten Hobbymaler, mit Staffelei und Aquarellfarben in die Landschaft – daheim, aber auch während der Sommerferien in Italien – gezogen bin, um zu malen. Dies habe ich erst aufgegeben, als ich mit 21 Jahren ernsthaft angefangen habe, als Musiker zu arbeiten. Meine Liebe zur Bildenden Kunst hat auch bis heute meine eigene Musik in hohem Maße beeinflusst. Daher waren mir schon als Kind die Worpsweder Maler bekannt. Allerdings, und dies ist ein besonderer Punkt, ist dies mein erstes Konzert überhaupt in Worpswede.

Jazz wird ja häufig als amerikanisches Gegenstück zur europäischen Klassik definiert. Doch im Gegensatz zu den großen Sinfonieorchestern, die Mozart und Beethoven interpretieren und beispielsweise im Fernsehen auf relativ hohe Einschaltquoten kommen, hat Jazz selten eine große Öffentlichkeit konstant für sich gewinnen können. Worauf führen Sie das zurück?

Dies ist ein Punkt, den wir leider vor allem in Deutschland feststellen müssen. In vielen anderen europäischen Ländern ist dies überhaupt nicht der Fall. Es hat hierzulande sicherlich mit einer fast überhaupt nicht mehr stattfindenden Fernseh-Präsenz zu tun. Auf der anderen Seite ist das gesamte kulturelle Angebot in den großen Städten Deutschlands extrem gewachsen, und es ist ein eindeutiger Trend auch bei der Kultur zu sogenannten Events festzustellen. Es gibt, und dies führe ich als einen Beweis meiner These an, in Deutschland mittlerweile etwa 360 Jazzfestivals, die durchgehend gut bis sehr gut besucht sind. Die Jazzahead in Bremen hatte im April dieses Jahres mehr als 16 000 Besucher, und die Besucherzahlen sind seit 2006 jedes Jahr zwischen 20 und 30 Prozent gestiegen.

Uli Beckerhoff gehört seit mehr als 30 Jahren zu den namhaftesten europäischen Jazztrompetern. Als Trompeter und Komponist ist er auf mehr als 40 LPs und CDs vertreten, viele davon unter eigenem Namen. Er spielte auf nahezu allen großen Festivals in Europa und gab für das Goethe-Institut Konzerte in elf afrikanischen Ländern und ganz Europa. Er komponiert Film-, Theater- und Hörspielmusiken für Jazzensembles, Big Bands und Symphonieorchester. Beckerhoff war Professor für Jazztrompete an der renommierten Folkwang Universität der Künste in Essen sowie Dozent bei internationalen Jazzkursen in Europa. Beckerhoff hat zunächst Jura, dann Musik in Münster und Köln studiert. Beim internationalen Jazz Jamboree in Osnabrück erhielt er 1966 und 1967 den 1. Preis als bester Trompeter. Erstes internationales Aufsehen erregte er auf dem Jazzfestival in Loosdrecht (Niederlande), wo er ebenfalls den 1. Preis als Trompeter belegte. Heute

gehört er zum Leitungsteam der weltweit größten Jazzmesse Jazzahead in Bremen.

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