Gottesdienst an und auf der Hamme

Eine Zeitreise mit dem Torfkahn

Osterholz-Scharmbeck. Es könnte eine Szene aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder aus dem 19. Jahrhundert sein: Unter dem hohen blauen Himmel liegen dunkle Torfkähne auf den Wellen der Hamme. Die Insassen tragen Tracht. Wäre da nicht Landrat Jörg Mielke im modernen Anzug.
27.07.2010, 03:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandra Binkenstein

Osterholz-Scharmbeck. Es könnte eine Szene aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder aus dem 19. Jahrhundert sein: Unter dem hohen blauen Himmel liegen dunkle Torfkähne auf den Wellen der Hamme. Die Insassen tragen Tracht oder Pastorenrobe. Wäre da nicht Landrat Jörg Mielke, der einen modernen Anzug trägt und die Blicke der zahlreichen Zuschauer wieder in die Gegenwart lenkt.

Mielke eröffnet den ersten Torfkahngottesdienst an der Hamme in Neu Helgoland. Einen Gottesdienst im Torfkahn hat es bereits im Rahmen des Evangelischen Kirchentages in Bremen gegeben. Im Findorff-Hafen sorgten die Torfschiffer am letzten Tag des Großereignisses für Aufsehen und Begeisterung. Er freue sich, diesen besonderen Gottesdienst auf heimatlichem Boden oder vielmehr auf dem Wasser eröffnen zu dürfen, sagt der Landrat.

Am Hammeufer ist kein Stuhl mehr frei, auf der Brücke stehen noch mehr Gäste, stützen sich aufs Geländer und lauschen den Begrüßungsworten. Für die vielen Gäste, die zum Sonntagsgottesdienst an und auf der Hamme erwartet wurden, steht ein zusätzlich gemieteter Parkplatz zur Verfügung. Den Verkehr regelt die Verkehrswacht.

Um den Vertretern des Kirchenkreises und des Landkreises eine angemessene Kulisse zu bieten, haben die Adolphsdorfer Torfschiffer wieder alle Register gezogen. Zusammen mit ihren Frauen haben sie sich in Schale geworfen. Zu feierlichen Anlässen wie diesem tragen sie blau-weiße Hemden, darüber schwarze Westen und um den Hals ein rotes Tuch. Auch die Frauen können sich sehen lassen. In ihren blauen Kleidern wirken sie, als wären sie gerade aus der Vergangenheit nach Neu Helgoland geschippert.

Die Kähne haben die Torfschiffer mit Spätsommerblüten und Getreide geschmückt, Flechtkörbe mit Torfsoden runden das Bild ab. Superintendentin Jutta Rühlemann und Landrat Mielke haben im Kahn 'Us Heins' Platz genommen. Das Schiff ist benannt nach Heinz Wrieden. Der Gründer der Torfkahnschiffer ist kürzlich im Alter von 81 Jahren gestorben. Vorne liegt der Torfkahn 'Us Heins', dahinter reihen sich weitere Kähne, auf denen Gäste aus einer anderen Zeit sitzen.

Gäste aus einer anderen Zeit

Auf einem hinteren Schiff erhebt sich der Moorkommissar Jürgen Christian Findorff. Aus Ödland habe er Kulturland gemacht, er habe den Moorteufel nicht gescheut und den Menschen neuen Lebensraum gegeben, sagt er. Seine Vision: Der Mensch lebt im und vom Moor. Vor seiner Zeit war das undenkbar. Doch er werde dem Moor Land abringen .

Das wisse er wohl zu schätzen, kontert ein Naturschützer, der sich in seinem Kahn erhoben hat. Doch heute habe man auch einen Blick für die Vielfalt der Natur im Moor. Bedrohte Pflanzen- und Tierarten gelte es zu schützen. 'Gebt das Moor der Natur zurück', laute daher die Vision des 21. Jahrhunderts. Auch Jan Torf hat etwas dazu zu sagen. Er sei dankbar, dass der König ihm Land gegeben habe, bekräftigt er, das schwarze Moor und das kalte Wasser bestimmten seitdem sein Leben. Den Moorteufel wolle er besiegen. Auch wenn Tod und Not früher ständige Begleiter gewesen seien, gebe es auch heute noch Probleme, stellt Jan Monsees, der Landwirt von heute, klar. Man sorge sich nicht um die Gegenwart, nicht um das tägliche Brot, aber doch um die Zukunft.

Bedeutung des MooresDie Bedeutung des Moores für die Menschen heute und gestern, das ist das Thema des ersten Torfkahngottesdienstes an und auf der Hamme.

Eine Zeitreise in die Vergangenheit ist auch die Predigt von Superintendentin Jutta Rühlemann. Sie erinnert daran, welche Bedeutung Brot für die Menschen seit jeher hat. Von den Worten 'Der Mensch lebt nicht vom Brot allein' schlägt sie einen Bogen zu den Menschen, die heute am 'sozialen Hungertod sterben' oder 'an der eigenen Gier ersticken'. Außerdem predigen Pastor Heino Hüncken aus der Kirchengemeinde Hambergen und Pastorin Regine Sievers aus der Gemeinde Grasberg. Die musikalische Begleitung hatte der Posaunenchor des Kirchenkreises übernommen. In den Fürbitten gedenken die Anwesenden der Leidtragenden der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Die Todesopfer der Loveparade bleiben unerwähnt.

Nach dem Gottesdienst vom Wasser aus geht es feuchtfröhlich weiter. Im Festzelt stimmen die Musiker der Hauskapelle Hüttenbusch ihre Blasinstrumente. Im Anschluss an die Feierstunde genießen die Besucher beim Frühschoppen das gute Wetter und den kräftigen Wind, der nach Wasser riecht, weil er die Wellen der Hamme vor sich hertreibt.

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