Lilienthaler bei "Allgäu-Orient"-Rallye dabei "Eines der letzten automobilen Abenteuer"

Christoph Ranzes Auto ist mit Metallplatten verstärkt. Am Unterboden, an der Ölwanne. Mit fünf Freunden nimmt er ab dem 9. Mai an der Rallye „Allgäu-Orient“ teil: 7777 Kilometer in 21 Tagen.
04.04.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Max Polonyi

Christoph Ranzes Auto ist mit Metallplatten verstärkt. Am Unterboden, an der Ölwanne. „Damit die Wüstensteine die nicht aufreißen“, sagt er. Das Auto hat sechs Frontscheinwerfer, vier kreisrunde auf dem Dach, zwei unter dem Kuhfänger, der in Deutschland an Fahrzeugen eigentlich gar nicht erlaubt ist. Auf dem Dach ist eine Ladefläche, eine rechteckige Wanne aus Stahl, selbst zusammengeschweißt, „für Koffer, Zelte und einen großen Hammer“.

Ranzes Mercedes C200 Kombi, dunkelblau, 1997 in Sebaldsbrück vom Band gelaufen, ist jetzt kein Mittelklassewagen für Stadt und Autobahn mehr, sondern ein Expeditionsfahrzeug, bereit für Stock und Stein, für Wasser wie Wüste. Das muss er auch sein, denn Ranze will damit ein Abenteuer erleben. „Eines der letzten automobilen Abenteuer, die man heute noch erleben kann.“

111 Teams starten

Der Lilienthaler, 47 Jahre alt und Chef einer Bremer Softwarefirma, will in die Wüste fahren. Nach Jordanien, in die Hauptstadt Amman. Mit fünf Freunden nimmt er ab dem 9. Mai an der Rallye „Allgäu-Orient“ teil: 7777 Kilometer in 21 Tagen. 111 Teams aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz fahren um die Wette – wer zuerst ankommt, gewinnt ein lebendiges Kamel. Das klingt nach einem Scherz, ist aber so.“ Was will er mit einem Kamel? „Der Sieger nimmt es nicht mit nach Hause sondern schenkt es vor Ort jemandem, der es gebrauchen kann“, erklärt Ranze.

Nicht nur beim Preis unterscheidet sich die „Allgäu-Orient-Rallye“ von anderen Wettbewerben. Ein Abenteuer soll es werden, deshalb müssen die Teilnehmer auf jeglichen Luxus verzichten. Das Regelwerk gibt strenge Vorgaben: Während der Fahrt dürfen die Teilnehmer nicht in Pensionen übernachten, die pro Person und Nacht mehr als 11,11 Euro verlangen. Autobahnen und Navigationsgeräte sind absolut tabu – „wir fahren ausschließlich mit Landkarte auf kleinen Straßen“, sagt Ranze. Wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen, „aber das ist Ehrensache“. Und wenn was kaputt geht? „Selber reparieren. Wir haben aber zum Glück drei Kfz-Meister in unserem Team.“

Ranzes Team heißt „Südheide“ und besteht aus sechs Schulhofkumpels, die „mal wieder was Außergewöhnliches machen wollen“. Bei einem Grillabend im vergangenen Jahr hatte der Gastgeber die spontane Idee, sich für die Rallye anzumelden. „Er hat gesagt, dass wir müssen. Also mussten wir“, sagt Ranze. Spontaner Freundschaftsdienst, „da muss man mitziehen“. Bei der Rallye, die dieses Jahr schon zum zehnten Mal ausgerichtet wird, dürfen eigentlich nur Autos mitfahren, die älter sind als 20 Jahre. „Aber die Regeln erlauben eine Ausnahme: Jüngere Fahrzeuge sind erlaubt, wenn sie maximal 1111 Euro gekostet haben.“ So erstanden die sechs Freunde im Internet drei baugleiche, ein bisschen heruntergekommene Mercedes-Wagen der C-Klasse mit zusammen mehr als 700 000 Kilometern Laufleistung und ließen sie für ihre Zwecke umbauen. Für steinige Feldwege und für Wüstensand.

Camping neben der Blauen Moschee

Wie sie nach Jordanien fahren, das ist den Teilnehmern der Rallye selbst überlassen. Es gibt aber sogenannte Checkpoints, die müssen alle Fahrer erreichen. In Istanbul ist einer, da dürfen sie ihre Zelte neben der berühmten Blauen Moschee aufstellen, mitten in der Stadt, das haben die Organisatoren mit den türkischen Politikern vereinbart. „Da ist zwei Tage Pause, Sightseeing, türkische Kultur, gutes Essen.“ Danach wird es schwer: Denn der schnellste Weg nach Jordanien führt durch Syrien. Weil die Lage dort aber mehr als heikel ist, nehmen die Rallye-Fahrer eine Fähre von der Türkei bis nach Ägypten. „Von dort aus geht es weiter über Israel durch das Westjordanland und dann nach Jordanien“, sagt Ranze. Am 31. Mai ist der Rückflug gebucht. Und die Autos? „Die lassen wir da. Werden dort dringender gebraucht.“

Die Auto- und Kamelspende ist kein reiner Selbstzweck: Das Team Südheide will während der Rallye nicht nur Spaß haben, sondern auch Gutes tun. „Man kann da nicht hinfahren, ohne zu helfen“, sagt er. Deshalb wollen sie einen Umweg über Rumänien fahren und dort Sachspenden an zwei Kinderheime verteilen. Außerdem haben sie ein Spendenkonto für die Hilfsorganisation humedica eingerichtet. „Damit finanzieren wir Ärzte, die Flüchtlingskindern im Libanon helfen.“ 9000 Euro seien schon zusammengekommen, „gespendet werden kann aber weiterhin“, sagt der Lilienthaler. Und dann steigt er in seinen Kombi, der Motor heult auf, letzte Frage durchs offene Fenster: Ist er aufgeregt? „Wie noch nie zuvor.“ Dann fährt er davon, in Richtung Abenteuer.

Weitere Informationen zum Team, zum Spenden und einen Live-Blog gibt es auf www.suedhei.de.

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