Entsorgung auf die billige Art: 3,45 Milliarden Liter Giftbrühe ins Erdreich gepumpt

Rund 3,45 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der Erdgasförderung sind bis Dezember 2012 im Landkreis Rotenburg ins Erdreich gepumpt worden. Das sind 3,45 Milliarden Liter – eine unvorstellbare Menge, die jeden Tag größer wird. Zum Vergleich: In eine Badewanne passen 200 Liter.
01.06.2013, 05:00
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Von Johannes Heeg
Entsorgung auf die billige Art: 3,45 Milliarden Liter Giftbrühe ins Erdreich gepumpt

Rund 3,45 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der Erdgasförderung sind bis Dezember 2012 im Landkreis Rotenburg ins Erdreich gepumpt worden. Das sind 3,45 Milliarden Liter – eine unvorstellbare Menge, die jeden Tag größer wird. Zum Vergleich: In eine Badewanne passen 200 Liter.

Nur ein paar Liter Wasser braucht man für eine Autowäsche. Wer das auf dem eigenen Grundstück macht, kann sich allerdings gewaltigen Ärger mit den Behörden einfangen – schließlich könnte ja das Grundwasser gefährdet werden.

Ein Erdgaskonzern hingegen darf unvorstellbare Mengen Abwasser, und zwar der giftigsten Sorte, in den Untergrund leiten – mit behördlichem Segen. Der Kreistagsabgeordnete und Chemiker Manfred Damberg hat sich die offiziellen Zahlen angesehen, die das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie für eine Bohrstelle in Söhlingen ermittelt hat, und schlägt Alarm: Die Benzol-Konzentration liegt etwa 13000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert. Bei hochgiftigen "polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen" wie Naphthalin liegt die Konzentration sogar 16700 Mal über dem Grenzwert. Hinzu kommen noch Fluoren, Phenantren, Pyren, Benz(a)anthracen, Crysen und andere, die die Giftigkeit weiter erhöhen. Das noch problematischere Benz(a)pyren überschreitet den Trinkwassergrenzwert um das 500-fache.

Dass dieses toxische Zeug tagtäglich in den Boden gepumpt wird, hält Damberg für strafbar. Er befürchtet die Verseuchung des Trinkwassers und hat konsequenterweise zwei in der Region tätige Erdgasfirmen angezeigt.

Das zuständige Bergamt hat mit diesem Giftcocktail kein Problem. Das Lagerstättenwasser enthalte Salze, Kohlenwasserstoffe und weitere Stoffe, die neben dem Erdgas in einer Lagerstätte natürlich vorkämen, heißt es in einer Stellungnahme der Behörde. Das Lagerstättenwasser werde in "tiefen Horizonten versenkt". In diesen Tiefen befinde sich kein nutzbares Grundwasser. Bisher seien keine Schädigungen an Grundwasser oder Boden durch die Einleitung festgestellt worden.

Andere Behörden sehen das nicht so locker. Rotenburgs Erster Kreisrat Torsten Lühring sagt dazu: "Das Lagerstättenwasser stammt aus einer Tiefe von 5000 Metern. Wenn es genau dorthin zurückgepumpt würde, wo es herkommt, würde ich mir weniger Sorgen machen." Tatsächlich werde das Abwasser in Tiefen um die 1000 Meter "verpresst". Die "Rotenburger Rinne", ein Trinkwasserreservoir für Hunderttausende von Menschen, liege in 250 Meter Tiefe. Wie sich das Lagerstättenwasser ausbreite, wisse man nicht so genau. Es sei wissenschaftlich noch nicht erforscht.

Merkwürdig: Nach bisheriger Rechtslage durfte das Landesbergamt die Versenkung von Lagerstättenwasser genehmigen, ohne die örtlichen Wasserbehörden zu beteiligen. Eine geplante Gesetzesänderung soll nun dafür sorgen, dass die Landkreise ihre Expertisen mit einbringen.

Das wäre womöglich das Ende der billigen Abwasserverklappung unter die Erde. Denn: "Wir würden nur zustimmen, wenn die Unternehmen nachweisen, dass sie auf lange Sicht das Grundwasser nicht gefährden. Ein solcher Nachweis ist nach meiner Kenntnis nicht möglich", heißt es vom Kreisrat des Landkreises Rotenburg. Es bleibe immer ein Restrisiko.

Wenn der Landkreis etwas zu sagen hätte, müssten die gewiss nicht am Hungertuch nagenden Erdgasfirmen ihre giftigen Abwässer durch Kläranlagen jagen. Technisch wäre das kein Problem, es würde aber die Gewinne der Konzerne ein wenig schmälern.

Ach übrigens: Bei der Versenkung des Lagerstättenwassers liege keine Straftat vor, sagt das Bergamt auf Anfrage unserer Zeitung. Die Versenkung sei ja durch die Bergbehörde genehmigt und stelle schon allein deshalb kein unbefugtes Handeln dar. Noch Fragen?

johannes.heeg@wuemme-zeitung.de

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