"Ich dachte: Am Ende siegt die Vernunft“ Erschütterte Briten

Eigentlich hätte Carol Koch in diesem Jahr einen guten Grund zum Feiern gehabt. Seit 1966 lebt die Britin bereits in Deutschland.
24.06.2016, 17:30
Lesedauer: 4 Min
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Von Timo Sczuplinski und Lars Fischer

Eigentlich hätte Carol Koch in diesem Jahr einen guten Grund zum Feiern gehabt. Seit 1966 lebt die Britin bereits in Deutschland.

„50 Jahre – das ist ein richtiges Jubiläum“, sagt sie. Aber zum Feiern sei ihr seit Freitag nun überhaupt nicht mehr zumute. Nicht mehr, seitdem sie weiß, dass sich die Mehrheit der britischen Bevölkerung für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union entschieden hat. Koch hat für ihre aktuelle Gefühlslage gleich mehrere Schlagworte parat. „Ich bin erschüttert, hoffnungslos, enttäuscht und sehr traurig. Und eigentlich stehe ich noch unter Schock“, sagt sie.

Carol Koch ist in Manchester geboren. Lange Zeit lebte sie in Norfolk im County Norwich im Osten Englands. Die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens aber hat sie in Deutschland verbracht. Sie arbeitet für die Volkshochschulen in Lilienthal, Worpswede und Zeven. Als Dozentin gibt sie dort Englischkurse.

Vor einigen Monaten hat sie einmal wieder ihren Pass bekommen, den sie alle zehn Jahre erneuern lassen muss. „Member oft the European Union“ stehe dort drauf. Mitglied der EU. Sie habe lediglich die britische Staatsbürgerschaft, die deutsche habe sie nie beantragt, das sei für sie kein Thema gewesen. „Ich fühle mich hier in Deutschland rundum wohl. Vor allem fühle ich mich aber als Europäerin“, sagt Carol Koch.

Dass das mit der EU nun bald vorbei sein soll, könne sie noch gar nicht verstehen. „Ich habe nie und nimmer gedacht, dass es so ausgehen könnte. Ich dachte: Am Ende siegt die Vernunft“, sagt Koch. Sie glaube, dass die etwas weniger gut gebildeten Menschen sich in Hoffnung auf bessere Zeiten leichter von der Ausstiegs-Kampagne haben begeistern lassen. Doch diese Menschen – da ist sich Koch sicher – würden aufgrund der negativen wirtschaftlichen Folgen, die sie nun auf ihr Land zukommen sieht, „als erste leiden“.

Aber was wird diese Entscheidung für Menschen wie Carol Koch persönlich bedeuten? Menschen, die den europäischen Gedanken leben wie vielleicht kaum jemand anderes? „Das ist eine interessante Frage. Vielleicht brauche ich ja jetzt bald ein Visum“, mutmaßt die Britin. Mit einem ihrer beiden Söhne, die in Deutschland geboren sind, habe sie bereits telefoniert. Von ihm gab es Trost auf britische Weise - mit einer ordentlichen Portion schwarzem Humor: Irgendwann klopfe sicherlich bald die Polizei nachts an der Tür, bringe sie mit dem nötigsten bepackt zum Flughafen und weise sie kurzerhand aus der Bundesrepublik und der Europäischen Union aus.

Viel mehr als Sarkasmus bleibe ihr nun erst einmal nicht, um die Brexit-Entscheidung zu verarbeiten. Aber Koch weiß auch: Bis der Austritt endgültig vollzogen sein wird, kann es noch ein paar Jahre dauern. Sie wird bei diesem Prozess ganz genau hinschauen, um sich möglichst früh auf persönliche Konsequenzen einstellen zu können.

Persönliche Konsequenzen spüren Musiker wie Blue Weaver, der einen Großteil seiner Tantiemen aus England bekommt, ganz konkret. Der ehemalige Keyboarder der Bee Gees hat durch Absturz des Pfund-Kurses nach Bekanntgabe der Brexit-Entscheidung erhebliche Einbußen. Das aber ärgert den Waliser, der mit einer Deutschen verheiratet ist und in Worpswede lebt, nicht so sehr wie die Entscheidung, überhaupt dieses Referendum ins Rollen gebracht zu haben. „Das war ein riesengroßer Fehler, denn eine Vielzahl der Menschen haben nur aus Protest gegen David Cameron für den Brexit gestimmt“, ist er überzeugt. Was als Denkzettel für die Regierung gedacht war, habe nun katastrophale Folgen, befürchtet Weaver. „Seit 70 Jahren haben wir Frieden – das ist doch etwas, das wir Europa zu verdanken haben.“ Er fürchte sich vor dem, was vielleicht an Kettenreaktion folgen könnte.

Das sieht auch Ian Bild so. Der Londoner, der das Worpsweder Antiquariat führt, war von der Entscheidung sehr überrascht. „Die Wettbüros in England gaben Quoten von bis zu 1:9 für den Ausstieg – es war also nicht zu erwarten.“ Verantwortlich macht er für die Entscheidung eine Stimmung der Angst, die in den vergangenen Wochen bewusst geschürt worden sei. „Die Tragödie der Ermordung von Jo Cox hat nicht gereicht, um gegen diese hasserfüllten Emotionen anzukommen."

Vor allem in ländlichen Regionen, dort, wo die Menschen durchschnittlich ärmer sind, haben die Brexit-Befürworter Mehrheiten, in den Ballungsräumen, aber auch in Schottland oder Nordirland war die Bevölkerung mehrheitlich gegen die „Leave“-Kampagne. Das werde Folgen haben, ist sich Bild sicher: Bald werde es das nächste Referendum geben, in dem die europafreundlichen Schotten erneut die Trennung von England anstreben werden. Nicht alles in Europa sei perfekt, findet Bild, aber man könne Dinge doch nur von innen und nicht von außen beeinflussen. Überhaupt gebe es viel zu wenig konkrete Pläne, für das, was nun passieren soll. Was bleibt, sei eine große Unsicherheit.

Steve Westaway, als Liedermacher eher für ruhigere Töne bekannt, ist stinksauer. Als „nicht druckreif“ beschreibt er seine Meinung zum Brexit und nennt es dann doch noch „bitter“. „Die anderen 27 Länder haben zu recht die Nase voll von den britischen Extrawürsten, und man kann nur hoffen, dass sie England das in aller Konsequenz deutlich machen.“ Seit 37 Jahren lebt der Sänger aus Bristol in Deutschland, bekommt aber einen Teil seiner Einnahmen weiterhin von der Insel – demnächst aufgrund des Wertverlusts des britischen Pfunds ebenfalls deutlich reduziert. Er selbst durfte übrigens nicht abstimmen, das sei nur jenen Exil-Briten vorbehalten gewesen, die 15 Jahre oder kürzer im Ausland leben. Für Westaway ist klar, dass es kein Zurück geben kann und wird. „Die Europäische Union wird hart mit England ins Gericht gehen, allein schon, um andere Wackelkandidaten abzuschrecken“, meint er.

Schon jetzt sei in seiner Heimat die politische Atmosphäre unheilvoll. Wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte? „Wenn man jeden Morgen aufwacht und immer wieder dasselbe Gift in den Medien verspritzt wird, dann kippt irgendwann die Stimmung. Das war ein Propaganda-Krieg“, findet Westaway. Der Musiker hat zuvor in der Raumfahrt gearbeitet, seine Unterschrift ist im Columbus-Modul der internationalen Raumstation ISS mit denen vieler anderer Kollegen verewigt. Von dort kehrte vor einer Woche der englische Astronaut Tim Peake auf die Erde zurück, in einer russischen Kapsel. Er wurde daheim als Held gefeiert. Peaks Perspektive auf die Welt hätte sich Westaway auch von seinen Landsleuten bei der Abstimmung gewünscht.

„Vielleicht brauche ich ja jetzt bald ein Visum.“ Carol Koch, Dozentin
„Die Europäische Union wird hart mit England ins Gericht gehen.“ Steve Westaway, Liedermacher
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