Bürger-Info zum Wilstedter Pfarrhauses Erst Flüchtlinge, dann Senioren

239 Jahre lang diente es seinem ursprünglichen Zweck, seit einiger Zeit steht es leer. Das soll sich bald ändern: Die Gemeinde Wilstedt beabsichtigt, im alten Pfarrhaus Flüchtlinge unterzubringen.
28.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Kessels

239 Jahre lang diente es seinem ursprünglichen Zweck, seit einiger Zeit steht es leer. Das soll sich bald ändern: Die Gemeinde Wilstedt beabsichtigt, im alten Pfarrhaus Flüchtlinge unterzubringen. Darüber informierte Bürgermeister Traugott Riedesel jetzt in einer Bürgerversammlung, zu der knapp 70 Wilstedter in den Saal über der Sparkasse gekommen waren. Die meisten waren einverstanden.

Es ist ein idyllisches Fleckchen in Wilstedt, aber als Wohnort für eine Familie heute nicht mehr recht geeignet. Das 1771 gebaute Pfarrhaus auf einem 15 000 Quadratmeter großen Grundstück, auf dem sich auch der ehemalige Kindergarten befindet, steht seit einiger Zeit leer.

Nachdem Pastor Norbert Hintz im Jahr 2010 in den Ruhestand gegangen war, wohnte noch eine Zeit lang eine andere Familie in dem Haus, aber inzwischen ist auch sie ausgezogen. Die Kommune und die Kirchengemeinde haben sich Gedanken gemacht, was mit dem Haus geschehen soll. Das Ergebnis stellte Bürgermeister Traugott Riedesel jetzt im Saal über der Sparkasse knapp 70 Bürgern vor.

Als er vor drei Jahren Bürgermeister geworden sei, habe man noch gedacht, der alte Kindergarten könnte nach Fertigstellung des Neubaus bei der Schule für kirchliche Gruppen genutzt und das Pfarrhaus, das nicht unter Denkmalschutz stehe, renoviert werden, sagte Traugott Riedesel. Dann habe sich aber herausgestellt, dass die Kirche dafür kein Geld habe. Deshalb habe die Kirche einen Tausch angeregt: Die Kommune übernimmt Pfarrhaus und alten Kindergarten samt Grundstück, die Kirche bekommt das Gemeindehaus am Brink. Der Verkehrswert beider Objekte sei gleich. „Ich will nicht verhehlen, dass dabei der Wert des Pfarrhauses mit einem Euro angesetzt wurde“, sagte Riedesel.

Einige Hindernisse

Es gab aber Hindernisse: Bei einer neuen Nutzung müsste entweder der alte Kindergarten oder das Pfarrhaus ein neues Dach aus Ziegeln bekommen, da zwei reetgedeckte Häuser direkt nebeneinander nicht mehr zulässig seien. Für eine neue dauerhafte Nutzung müsse eine neue Baugenehmigung erteilt werden. Daher habe man von einem Tausch abgesehen. Die Kirche konzentriere ihre Nutzung auf den alten Kindergarten und den Gemeindesaal, in dem auch außerkirchliche Aktivitäten stattfinden könnten.

„Aber was passiert dann mit dem Pfarrhaus?“ Die Kommune könne ebenso wenig wie die Kirche Geld für eine Umnutzung mit allen erforderlichen Umbauten aufbringen, sondern müsste einen Partner finden. Sicher sei, dass es nicht mehr als Pfarrhaus dienen werde. „Junge Pastoren wollen sich nicht mehr dumm und dämlich zahlen für Energiekosten“, meinte Traugott Riedesel.

Dann erschien ein neuer Interessent. Die Samtgemeinde fragte bei der Kirche an, ob sie im Pfarrhaus Flüchtlinge unterbringen könne. Sie muss noch 24 Flüchtlinge aufnehmen, davon soll die Hälfte nach Tarmstedt. Die anderen könnten ins Pfarrhaus einziehen, dann werde vermieden, dass das Haus leerstehe und verfalle. Diesem Plan hat die Kirche zugestimmt.

Ein Bürger verstand nicht recht, weshalb keine Familie in dem Pfarrhaus wohnen könne, aber Flüchtlinge. Das liege an der ungünstigen Raumaufteilung, erklärte Traugott Riedesel; die Bäder beispielsweise befänden sich alle im Obergeschoss. Deshalb könne man nicht einfach mehrere Wohnungen einrichten. Aber Zimmer für Flüchtlinge könne das Haus bieten, und bei einer nur vorübergehenden neuen Nutzung müsse auch das Dach nicht neu gedeckt werden.

Zeit zum Überlegen

Gudrun Lemmermann vom Kirchenvorstand sagte, auch bei Vermietung an eine Familie könne die Kirche nicht die Unterhaltskosten aufbringen. Eine Unterbringung von Flüchtlingen bringe Zeit zum Überlegen. Überlegt hat Traugott Riedesel bereits: Vorerst könnte die Samtgemeinde mit der Kirche einen Mietvertrag auf zwei Jahre abschließen.

Danach könnte die Gemeinde Wilstedt das Haus übernehmen, aber nicht kaufen, sondern über einen Erbpachtvertrag auf 50 Jahre. Der Mietvertrag mit der Samtgemeinde laufe weiter. „Es kann sein, dass sich herausstellt, dass es sinnvoller ist, da noch länger Flüchtlinge unterzubringen.“ Allerdings dürften die Flüchtlinge, wenn sie das Bleiberecht erhielten, selbst eine Wohnung mieten. Sie dürfen auch nach drei Monaten eine Arbeitsstelle annehmen, erklärte Jochen Franke vom samtgemeindeweit tätigen Verein Freundeskreis Asyl, aber auch nur, wenn diesen Arbeitsplatz kein deutscher Staatsbürger beanspruche.

Senioren-Appartements?

Wenn das Haus nicht mehr für Flüchtlinge benötigt wird, kann Traugott Riedesel sich dort Wohnen im Alter vorstellen – man könne es gut in acht Appartements zu je 25 Quadratmeter umbauen. Dafür könnte es sogar Fördergelder der EU aus dem Ilek-Programm (Integriertes Regionales Entwicklungskonzept) geben. Bei der jüngsten Ilek-Sitzung in Elsdorf sei dieses Thema aufgenommen worden, ergänzte Jochen Franke.

Franke legt auch Wert darauf, dass man besser von Neubürgern als von Flüchtlingen sprechen solle. Es werde nicht funktionieren, eine so große Zahl Menschen wieder abzuschieben, und ihre Herkunftsländer würden noch auf Jahre hinaus keine sichere Bleibe bieten. „Die werden bleiben, also müssen wir so früh wie möglich anfangen, sie in unsere Gesellschaft hineingleiten zu lassen.“

Der Wilstedter Heimathistoriker Hans-Werner Behrens findet es schade, dass das Haus nicht mehr als Pfarrhaus benutzt werden soll und von der Kirche aufgegeben wird. Schade findet es auch der Bürgermeister – das Dorf verliere an Charakter, wenn gewohnte Dinge verschwänden, meinte er. „Aber dann muss man sich verdammt doll anstrengen, um das zu kompensieren.“

Das Dorf könne aber auch keine Denkmäler brauchen, die leer herumstünden. Jetzt sollen weitere Ideen gesammelt werden, was mit dem Haus in einigen Jahren geschehen soll – die Anwesenden waren sich einig, dass man dies nicht allein dem Gemeinderat überlassen solle.

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