Kreislandwirt Jörn Ehlers spricht über die Suedlink-Trasse, die Rückkehr des Wolfes und niedrige Milchpreise „Es gehört dazu, mit Kritik umzugehen“

Herr Ehlers, im Dezember sind Sie zum Vizepräsidenten des Landvolks Niedersachsen gewählt worden. Welche Aufgaben kommen auf Sie zu?Jörn Ehlers: Manchmal ist es ganz gut, wenn man gar nicht genau weiß, was da auf einen zukommt, sodass man relativ unbefangen an solche Aufgaben rangehen kann. Ich bin schon seit einigen Jahren auf Kreisebene Vorsitzender des Landvolks, daher habe ich natürlich auch beobachtet, was auf Landesebene passiert.
03.01.2017, 00:00
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„Es gehört dazu, mit Kritik umzugehen“
Von Onno Kutscher

Herr Ehlers, im Dezember sind Sie zum Vizepräsidenten des Landvolks Niedersachsen gewählt worden. Welche Aufgaben kommen auf Sie zu?

Jörn Ehlers : Manchmal ist es ganz gut, wenn man gar nicht genau weiß, was da auf einen zukommt, sodass man relativ unbefangen an solche Aufgaben rangehen kann. Ich bin schon seit einigen Jahren auf Kreisebene Vorsitzender des Landvolks, daher habe ich natürlich auch beobachtet, was auf Landesebene passiert. Von den Themen unterscheidet sich die Arbeit im Vergleich zur Kreisebene nicht so sehr.

Da Sie jetzt eine so hohe Position bekleiden: Welche Vorteile ergeben sich dadurch für den Landkreis Verden?

Ich werde die eigene Region natürlich nicht bevorteilen. Das ist ein Stil, der mir fernliegt. Was allerdings ein Vorteil sein kann, ist der Umstand, dass ich mehr Informationen aus den anderen Regionen bekomme und dadurch auch einen Wissensvorsprung habe. Meine Erfahrung ist, dass es sich lohnen kann, über den Tellerrand zu schauen, um zu gucken, was bei anderen gut funktioniert. Das wird in meiner neuen Funktion als Vizepräsident sicherlich gut möglich sein.

Kommen wir zum Thema Suedlink-Trasse. Nun soll die Erdverkabelung kommen. Nach neuesten Plänen könnte auch ihr Land davon betroffen sein.

Ja, das stimmt. Grundsätzlich ist es aber so, dass der Landkreis Verden stark betroffen ist und hier insbesondere die Gemeinde Kirchlinteln.

Für die betroffenen Landwirte soll es eine Entschädigung geben. Reicht das aus?

Was uns stört, ist die Art und Weise der Entschädigung. Wir als Vertreter der Landwirtschaft und der Grundeigentümer wünschen uns wiederkehrende Zahlungen. Es darf nicht mit einer Zahlung abgegolten werden. Die Kabel werden über Jahrzehnte in der Erde liegen. Mehrere Generationen sind betroffen. Deswegen müssen wir über einen längeren Zeitraum entschädigt werden.

Welche Auswirkungen können die unterirdischen Kabel für die Landwirtschaft haben?

Wir vermuten, dass die Bodenstruktur durcheinandergewirbelt wird. Das sehen wir schon bei anderen Projekten in der Region, wie zum Beispiel den Gasleitungen. Dort ist es zu beobachten, dass es Veränderungen in der Bodenstruktur gibt. Die Wasserführung hat sich geändert und es gibt auch einen leichten Temperaturanstieg im Bereich der Gasleitungen. Das kann man immer gut sehen, wenn es friert und Schnee liegt. Man erkennt dann ganz genau, wo Gasleitungen verlaufen. Wir vermuten, dass die Auswirkungen bei einer Stromtrasse noch weitaus größer sein werden. Die Temperaturen werden deutlich höher sein als bei einer Gasleitung. Außerdem ist die Trassenbreite weitaus größer.

Ohne Kompromisse wird es bei diesem Projekt wohl nicht gehen. Welche Lösung schlagen Sie vor?

Zu allererst muss es eine faire Entschädigung geben. Unterirdische Stromtrassen sind noch kaum erforscht. Unsere Ängste und Befürchtungen müssen ernst genommen werden. Obwohl Landwirte natürlich nur einen kleinen Bevölkerungsteil stellen, darf man nicht über unseren Kopf hinweg entscheiden.

2015 sind über 500 Schweine in einem Stall in Kirchlinteln erstickt, weil die Lüftungsanlage defekt war. Es ist nicht der erste Fall im Kreisgebiet. Müssen die Kontrollen verstärkt werden?

Das sind Unglücksfälle, die leider passieren können. Wir haben uns das zusammen mit dem Veterinäramt angeschaut und die Ursachen hinterfragt. Die sind in der Tat vielfältig. Klar ist, dass in vielen Fällen die vorgeschriebenen Alarmanlagen vorhanden sind, aber hin und wieder nicht funktioniert haben. Der größte Knackpunkt ist, dass man als Tierhalter ein Auge darauf haben muss, dass die Technik funktioniert. Auf jeder Regionalversammlung sprechen wir das Thema an, alle Landwirte sind sensibilisiert worden. Wir haben außerdem Kontakt mit Firmen aufgenommen, die Alarmanlagen entwickeln, denn wir wollen solche Unglücke natürlich vermeiden.

In der Bevölkerung gibt es ein Umdenken, wenn es ums Essen geht. Viele fragen sich, wo das Fleisch herkommt. Ob das Tier gut behandelt wurde. Verspüren Sie Druck aus der Bevölkerung?

Es ist absolut legitim und in Ordnung, wenn der Verbraucher wissen will, wie sein Produkt erzeugt wurde. Er soll Interesse zeigen und auch kritisch nachfragen. Wir als Landwirte sind Dienstleister und müssen ein Ohr für den Verbraucher haben. Was mir zu weit geht, sind Gruppierungen, die dieses Thema instrumentalisieren wollen. Das sind zum Teil Gruppen, die sich dieses Themas zu reißerisch annehmen und teilweise sogar als radikal zu bezeichnen sind. Wenn zum Beispiel in Stallungen eingebrochen wird, um die Tiere zu befreien oder Filmaufnahmen zu machen, dann geht das zu weit.

Stehen Landwirte Ihrer Meinung nach zu oft in der Kritik?

In meinem Job als Vorsitzender gehört es dazu, mit Kritik umzugehen und ein dickes Fell zu haben. Das darf man dann auch nicht persönlich nehmen. Teilweise werden aber Grenzen überschritten, wenn zum Beispiel Familien von Berufskollegen angegriffen werden. Es gibt Fälle, da werden Kinder von Landwirten an Schulen gemobbt. Das darf nicht passieren.

Niedrige Milchpreise machen den Landwirten zu schaffen. Haben die kleinen Milchbetriebe in der Region eigentlich noch eine Chance, weiter zu bestehen?

Aktuell ist eine leichte Verbesserung der Preise zu verzeichnen. Es ist aber eine schwierige Zeit, die auch noch nicht vorbei ist. Die Tendenz ist aber positiv, was auch für eine bessere Stimmung auf den Höfen sorgt. Der Hoffnungsschimmer, dass es 2017 besser läuft, ist da. Die Betriebe in der Region haben den Gürtel aber schon deutlich enger geschnallt. Allein die Investitionen der Betriebe sind 2016 um 40 Prozent zurückgegangen. Das Geld sitzt nicht mehr so locker.

Durch Düngung der Landwirte wird das Wasser mit Nitrat belastet. Braucht Ihre Berufsgruppe strengere Vorgaben?

Es gibt eine Düngeverordnung und ein Düngegesetz. Wir warten derzeit darauf, dass diese Gesetze überarbeitet werden. Es war eigentlich vorgesehen, zum Jahresende das neue Düngegesetz auf den Weg zu bringen. Jetzt ist die Rede davon, dass es im Februar passiert. Auch die Düngeverordnung soll überarbeitet werden. Das wird in einigen Fällen sicherlich zu einer Verschärfung für uns Landwirte führen. Wobei ich sagen muss, dass wir im Landkreis Verden keinen massiven Nährstoffüberschuss haben. Es ist sogar so, dass wir noch Nährstoffe aus anderen Regionen aufnehmen können. Es gibt Messstellen in Niedersachsen, auch im Kreis Verden, die regelmäßig von staatlichen Stellen überwacht werden. Gemessen werden dort Grenzwerte. 50 Milligramm Nitrat im Trinkwasser sind zugelassen. 15 Prozent der landesweiten Messstellen überschreiten diesen Grenzwert, eine davon steht im Kreis Verden.

Der Landkreis nimmt also auch Gülle aus anderen Regionen auf?

Ja. Unter anderem aus dem Raum Cloppenburg/Vechta aber auch aus Diepholz. Es gehen allerdings auch Nährstoffe aus dem Landkreis raus.

Auch im Landkreis Verden sind schon Wölfe gesichtet worden. Wie soll man künftig mit dem Thema umgehen?

Ich würde mir bei diesem Thema wünschen, dass man nicht mehr so emotional damit umgeht. Mein Eindruck ist, dass die Wolfsbefürworter nicht immer ganz ehrlich argumentiert haben. Es ist leider so, dass sich der Wolf nicht immer so verhält, wie man es sich wünscht. Er ist oft nicht scheu und hält sich auch nicht von Menschen fern. Ich glaube, dass wir mit dem Wolf leben müssen. Aber es wäre gut, wenn man etwas pragmatischer mit Problemen umgeht. Wenn ein Wolf Probleme macht, dann muss es auch möglich sein, ihn zu beseitigen. Außerdem muss das Entschädigungsverfahren für Landwirte, deren Tiere von Wölfen gerissen wurden, unproblematischer werden.

Was sind die landwirtschaftlichen Stärken des Landkreises?

Die absolute Stärke ist, dass wir so vielfältig aufgestellt sind. Wir haben eine vernünftige Tierhaltung in einer vernünftigen Größenordnung. Wir haben einige Biogasanlagen, wir haben Direktvermarktung und wir haben Unternehmen, die sich mit Tierzucht beschäftigen und weltweit aktiv sind. Eine andere Stärke ist die große Anzahl von Ausbildungsbetrieben. Der Trend bei den Ausbildungszahlen ist absolut positiv. Ein Nachwuchs-Problem haben wir bei den Landwirten nicht.

Das Gespräch führte Onno Kutscher.

Zur Person

Jörn Ehlers Der 44-jährige Jörn Ehlers ist Kreislandwirt, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbandes Rotenburg-Verden und seit Dezember 2016 auch Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen. Ehlers bewirtschaftet in Holtum (Geest) einen Betrieb mit Schweinemast, Spargelan- und Ackerbau.
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