Gemeinde Lilienthal beschäftigt seit Mitte Februar Yvonne Ahmed als Flüchtlingsbetreuerin

„Es ist ein tolles Arbeiten hier“

„Ich bin für alle Flüchtlinge da.“ Yvonne Ahmed Lilienthal.
09.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Siegfried Deismann
„Es ist ein tolles Arbeiten hier“

An ihrem Schreibtisch wird man die neue Flüchtlingsbetreuerin Yvonne Ahmed wohl nicht so häufig antreffen. Sie soll vor allem den Kontakt zu den Asylsuchenden halten, Hilfestellungen geben und mit ihren Sprachkenntnissen zur besseren Verständigung beitragen.

Hans-Henning Hasselberg

Die Gemeinde Lilienthal hat seit dem 15. Februar eine eigene Flüchtlingsbetreuerin. Yvonne Ahmed setzte sich unter ingesamt 17 Bewerberinnen und Bewerbern durch, nachdem der Gemeinderat Ende des vergangenen Jahres beschlossen hatte, die Stelle neu auszuschreiben. 19,5 Stunden stehen Ahmed pro Woche zur Verfügung, um die Kommunikation zwischen der Verwaltung und den Flüchtlingen einerseits und unter den Flüchtlingen andererseits zu verbessern und zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Yvonne Ahmed spricht außer Deutsch, Englisch und Französisch auch Arabisch und etwas Farsi, Amtssprache im Iran, aber Zweitsprache zum Beispiel auch in Afghanistan.

Schon ihr Name weist auf ihre Verwurzelung in zwei Kulturen hin: der deutschen und der arabischen. Yvonne Ahmed ist in Bremen geboren, hatte eine deutsche Mutter und einen Vater aus Bahrain. Mit 22, nach ihrem Sonderpädagogik- und Englischstudium, zog es sie selber in das Königreich am Persischen Golf, wo sie mehr als 20 Jahre verbringen sollte. „Vielleicht war es ein Stück Neugier, weil mein Vater es verpasst hatte, uns seine Kultur nahe zu bringen“, sagt sie rückblickend. In dem kleinen Golfstaat heiratete sie jedenfalls einen Bahraini und bekam vier Kinder. Mit denen, aber ohne Mann, von dem sie sich zwischenzeitlich hatte scheiden lassen, kam sie 2011 zurück nach Bremen. Hier war sie unter anderem als sozialpädagogische Familienhelferin tätig und betrieb zuletzt das Café am Focke-Museum. Die Arbeit dort hat jetzt ihre Tochter Eman übernommen. Sonntags greifen sie selbst, ihre anderen drei Kinder sowie ihr Lebensgefährte der Tochter noch unter die Arme.

Offenheit und Internationalität scheinen von Anfang an in ihrem Elternhaus keine Fremdwörter gewesen zu sein. Ihren Vater – beide Eltern sind mittlerweile verstorben – hat sie als „lustigen Vogel“ in Erinnerung behalten. Selbst in Persien geboren, aber in Bahrain aufgewachsen, sei er in Bremen bei ihrer Mutter hängengeblieben, scherzt Yvonne Ahmed, als wir sie im Rathaus treffen. Da die Kinder getauft waren und in einer evangelischen Kirchengemeinde groß wurden, sei es für ihren muslimischen Vater kein Problem gewesen, im Flötenkreis der Kirche mitzuspielen. Auch war er Mitglied in einem Bremer Kegelverein und sein Lieblingsessen war, man ahnt es schon, genau: Kohl und Pinkel.

In den rund drei Wochen, die Yvonne Ahmed jetzt im Rathaus arbeitet, ist die 52-Jährige mit ihrem Arabisch kompetente Ansprechpartnerin vor allem für die derzeit größte Flüchtlingsgruppe, die Syrer und Iraker. Doch auch viele Kurden würden Arabisch sprechen. Ahmed betont aber: „Ich bin für alle Flüchtlinge da.“ Die Bandbreite reiche bei den Menschen vom Analphabeten bis zu Leuten mit abgeschlossenem Studium, weiß Ahmed. Ein großes Problem sei die Ungeduld vieler Flüchtlinge, die nicht verstünden, warum nicht jeder sofort einen Sprachkursus erhalte. „Da ist es schon gut, wenn ihnen jemand in ihrer eigenen Sprache erklären kann, dass sie auch noch nicht sofort arbeiten können.“ Derweil hat auch ihr Vorgesetzter Andreas Cordes die Vorteile ihrer Sprachkenntnisse schätzen gelernt. Denn auch den Rathausmitarbeiternwird Ahmed dolmetschend zur Seite stehen. „Wichtiger Anlaufpunkt ist das Internationale Café im Jugendheim Falkenberg, wo Frau Ahmed ab jetzt immer montags sein wird“, freut sich Cordes.

Dort sei sie gleich an ihrem ersten Arbeitstag gewesen, ergänzt Ahmed, die lobt, dass das Café von der Ökumene „super organisiert“ sei. Kontakt habe sie aber auch schon zum Freundeskreis Asyl aufgenommen. Nach ihrem Eindruck hat sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden Gruppen verbessert, was sich unter anderem auch in gemeinsamen Projekten ausdrücke. Und Ahmed betont, was alle, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, sicher schon oft gefühlt haben: „Hier findet eine Annäherung der Kulturen statt, bei der jeder von jedem lernen kann.“

Kontakt will Ahmed auch noch zu den Schulen aufnehmen, sich auf jeden Fall mit den Schulleitern zusammensetzen. „Und ich bin viel unterwegs, weil ich Familien besuche, gucke, wie es bei ihnen zu Hause aussieht, ob sie Probleme oder Sorgen haben.“ Eines dieser Probleme, für das sie im Moment noch keine Lösung weiß, ist die Traumatisierung vieler geflüchteter Frauen. Weil dies nicht als Akuterkrankung gelte, die von den Kassen anerkannt werde, blieben diese psychischen Verletzungen unbehandelt. „Hier müssten wir in naher Zukunft eine Lösung finden, wie diesen Frauen geholfen werden kann“. Reichen da bei einem solch großen Arbeitsspektrum 19,5 Stunden überhaupt aus? Mehr wären besser, keine Frage, aber Yvonne Ahmed ist Realistin. Jedoch hat sie „im Moment kein Problem damit, wenn es dann mal drei oder vier Stunden mehr werden – das ist dann so.“

Sie sei hier von allen sehr herzlich aufgenommen worden, freut sich die Bremerin über einen gelungenen Start in der Wümmegemeinde. Und sie ist regelrecht begeistert von dem, was in Lilienthal bisher schon an Flüchtlingsarbeit läuft. „Es ist ein tolles Zusammenarbeiten hier.“ Vom ersten Tag an habe sie sich total gut aufgenommen gefühlt, im Rathaus, wo ein gutes Arbeitsklima herrsche, wie auch sonst im Ort. Und so geht es wohl auch den Flüchtlingen. „Alle, die ich bisher getroffen habe, sind den Lilienthalern sehr dankbar, dass sie hier so gut aufgenommen wurden.“ Dass auch sie dieses Gefühl teilt, unterstreicht Yvonne Ahmed dann mit einem Satz, der von Herzen zu kommen scheint und nichts weniger als ein riesengroßes Kompliment ist: „Am liebsten würde ich selbst nach Lilienthal ziehen.“

Wenn sich an diesem Mittwochabend ab 20 Uhr der „Freundeskreis pro Asyl in Lilienthal“ (Murkens Hof, Raum Worphausen) zu einer für alle Lilienthaler öffentlichen Versammlung trifft, um über seine Arbeit zu berichten, dann stellt sich dort auch die neue Flüchtlingsbetreuerin der Gemeinde, Yvonne Ahmed, vor.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+