In Worpswede lebende Engländer haben kein Verständnis für Premierminister Camerons Europa-Politik „EU-Austritt wäre eine Katastrophe“

Englands Premierminister David Cameron droht mit dem Ausstieg seines Landes aus der Europäischen Union. Ist das nur ein wahltaktischer Schachzug oder eine ernst zu nehmende politische Perspektive für das Vereinigte Königreich? Die drei Briten Ian Bild, Steve Westaway und Brian Parrish, die in Worpswede leben, haben dazu eindeutige Meinungen.
26.01.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Englands Premierminister David Cameron droht mit dem Ausstieg seines Landes aus der Europäischen Union. Ist das nur ein wahltaktischer Schachzug oder eine ernst zu nehmende politische Perspektive für das Vereinigte Königreich? Die drei Briten Ian Bild, Steve Westaway und Brian Parrish, die in Worpswede leben, haben dazu eindeutige Meinungen.

Worpswede. England und Europa, das ist eine Partnerschaft, in der es immer mal wieder kriselt und mitunter kräftig kracht. Die Debatte darüber, ob das Inselreich nun dazu gehört oder nicht, hat der britische Regierungschef David Cameron mit einer Rede vor Wirtschaftsvertretern in dieser Woche angeheizt. Bis zum Jahr 2017 will der konservative Premierminister in Großbritannien ein Referendum abhalten lassen: eine Volksabstimmung über den Verbleib oder Austritt Englands. Eines dürfte in Camerons Kalkül eine wichtige Rolle spielen: 2015 stehen Wahlen an.

Mit anti-europäischer Stimmungsmache lassen sich Wählerschichten gewinnen, das ist für Steve Westaway das Motiv des Premierministers. Zur Zeit regieren Camerons Tories mit der liberalen Partei, aber die europaskeptische Unabhängigkeitspartei UKIP gewinnt in den Umfragen immer mehr an Bedeutung. Westaway sieht Camerons Äußerungen vor allem vor dem Hintergrund, Wählerstimmen am rechten Rand gewinnen zu wollen.

Westaway: Spiel mit dem Feuer

"Innerhalb der konservativen Partei gibt es viele Flügel, und die Europa-Gegner haben schon John Major des Regieren schwer gemacht. Er sprach von ihnen als ,Die Bastarde’", erinnert sich der Musiker aus Bristol, der seit 1979 in Deutschland lebt. Kurz vor dem Amtsantritt Margaret Thatchers hat er seine Heimat verlassen und mittlerweile sein halbes Leben in Deutschland gelebt. "Ich sehe die Dinge inzwischen von außen, fühle mich vor allem als Europäer", sagt der 65-Jährige. Ein Europäer allerdings, der nirgendwo wählen darf – in England nicht, weil er dort nicht gemeldet ist, und in Deutschland nicht, weil er kein deutscher Staatsbürger ist. Nur bei kommunalen und europäischen Wahlen ist seine Stimme gefragt.

Richtig findet Westaway die Forderung, Europa müsse flexibler werden. Dennoch ist er ohne Wenn und Aber für den Verbleib Englands in der EU, aus politischen und persönlichen Gründen. Wie sich seine Situation wohl im Falle eines Austritts verändern würde, überlegt er: "Muss ich dann wieder eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen?" Doch er hält die ganze Debatte sowieso für einen "großen Bluff, ein gefährliches Spiel mit dem Feuer", das zwar Ruhe in Camerons Partei bringe, sonst aber alle in Unruhe versetze.

Ähnlich sieht das sein Landsmann und Musiker-Kollege Brian Parrish. Eine europäische Gemeinschaft ohne England sei eine Katastrophe, sagt Parrish. Er verstehe nicht, warum Briten immer wieder meinten, sie gehörten nicht wirklich zu Europa dazu. Eine solche Mentalität sei längst überholt, man könne sich in der heutigen Welt gar nicht mehr so isolieren. Parrish fände es fatal, wenn Großbritannien aus der EU austreten sollte.

"Diese ganze Idee ist viel zu kurz gedacht, auch wirtschaftlich", findet der britische Musiker. "Wir sitzen nun mal alle in einem Boot, und wenn es kaputte Stellen hat, dann kann man nicht aussteigen, sondern man muss zusammen gucken, wie man sie repariert bekommt." Als "billigen Trick" empfindet er Camerons Aussagen und hofft, dass diese nicht zu einer anti-englischen Stimmung in Deutschland führen: "Ich fühle mich hier so wohl, das würde mich sehr traurig machen".

Ian Bild, Buchhändler in Worpswede und gebürtiger Londoner, denkt ähnlich und findet es nicht in Ordnung, dass mit Ängsten vor Überfremdung und Fremdbestimmung gespielt wird. "Großbritannien ist eine multikulturelle Gesellschaft, und das muss man doch als Stärke begreifen", sagt er. Auch er sieht Camerons Vorstoß vor allem innenpolitisch und wahltaktisch motiviert. Aber es sei ein gefährliches Spiel, denn möglicherweise könnte es bei einem Referendum durchaus eine Mehrheit für den Austritt geben, auch wenn dies nicht sehr wahrscheinlich sei.

Europa habe seine negative Seiten, aber es bringe doch vor allem Positives, meint der Antiquar. Vor allem aber müsse man die Entwicklungen aktiv von innen mitgestalten statt auszusteigen. Das Vereinigte Königreich ist selber ein Gebilde aus mehreren Nationen. Welches Argument könnte Cameron nach einem EU-Austritt beispielsweise den schottischen Separatisten entgegenhalten? Eine Frage, die die ganze Problematik noch komplexer mache, findet Bild, der sich vor allem als Europäer begreift: "Es ist doch immer richtig, wenn sich Länder, die sich über Jahrhunderte bekriegt haben, zusammentun." Ein Weg, den er unbedingt weiter geführt sehen will – zusammen mit England.

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