Radiomacher aus Leidenschaft Fasziniert von alten Schellackplatten

Der Schwaneweder Hobby-DJ Jens Messtorff ist seit Jahren als Hobby-Radiomacher im Internet präsent. Jetzt hat er eine Internet-Sendung mit historischen Tonträgern produziert.
27.10.2019, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

Landkreis Osterholz. Sie gilt als Vorläufer des Vinyls, hat einen Durchmesser von zehn Zoll und wird in der Regel mit 78 Drehungen pro Minute auf einem Grammophon mit dicker Stahlnadel abgespielt. Die Schellackplatte ist vor allem älteren Semestern noch ein Begriff. Doch in Zeiten, in denen selbst einstige Besitzer eines herkömmlichen Plattenspielers diesen mitsamt der vorhandenen Schallplatten oftmals einmotten, dürften Fans von Schellackplatten und ihrem charakteristisch knisternden Klang rar gesät sein. Der Hobby-DJ Jens Messtorff bringt seine Sammlung nun einer interessierten Öffentlichkeit zu Gehör. Mit seinem Kanal Artist Radio hat sich der 65-Jährige auf dem Internetportal Laut FM bereits seit einigen Jahren etabliert. Jetzt war seine Sondersendung zum Thema Schellack erstmals zu hören.

Aus seinem heimischen Studio sendete Messtorff bis 2017 jeden Sonntagabend die Sendung „Nightsongs“ – inklusive Interviews mit Musikern, die er meist im Umfeld von Auftritten im norddeutschen Raum geführt hatte. Auf seinem Kanal Artist Radio präsentiert er mit unterschiedlichen musikalischen Schwerpunkten auch andere Sendungen mit Songs abseits des Mainstreams. „Soul der 80er-Jahre“, „Goodbye Mainstream“ oder auch „Indie und Singer-Songwriter“ heißen die von ihm betitelten Programmschienen. Bereits ausgestrahlte Sendungen kann er auf seinem eigenen Kanal nach eigenem Gutdünken wiederholen. 1400 Hobbymoderatoren mit eigenen Playlists hat das Portal Laut FM laut Messtorff derzeit. „Man verdient nichts daran, das ist reiner Spaß an der Freude“, verrät Messtorff, der früher in der Nahrungsmittelindustrie arbeitete.

Während die „Nightsongs“ derzeit eine kreative Pause machen, hatte Messtorff die Idee, seinen Fundus an Schellackplatten auszuwerten und eine eigene Sendung zum Thema zu produzieren. „Ich dachte mir, mit den Platten musst du mal was machen, da kann man sich vielleicht die Gunst der Hörer erwerben“, sagt der passionierte Musikliebhaber. In den beiden Studios in seiner Wohnung befinden sich eine beeindruckende Sammlung von Jinglemaschinen, Mischpulten, CD-Racks, Computern mit modernster Sendesoftware, Monitoren, eine nostalgische Revox-Bandmaschine und analoge Präzisionsplattenspieler.

„Die ersten Schellackplatten hab‘ ich schon von der Witwe meines Musiklehrers bekommen“, erzählt Messtorff. Auf der Innenhülle prangt noch dessen Name. „Einige Platten haben richtig geknackst und gerauscht, andere weniger“, erinnert sich Messtorff. Mit Blick auf die musikalischen Genres der meist drei bis maximal vier Minuten langen Titel stieß Messtorff auf alte deutsche Schlager der 20er- bis 50er-Jahre, auf Swing und Jazz, aber auch Marschmusik und Klassik.

Die Texte der alten Schlager und Couplets erwiesen sich dabei oft als unfreiwillig komisch, nach heutigen Maßstäben zuweilen als politisch unkorrekt oder auch einfach als herzerfrischend direkt. So heißt es im Hit des griechischstämmigen Schlagersängers Johnny Makulis von 1956: „Auf Cuba sind die Mädchen braun und braun ist der Kakao. Auf Cuba sind die Mädchen süß, so süß wie Cubawein. Sie lassen hier auf Erden schon im Paradies dich sein.“ Peter Alexanders verträumter Schlager „Der Mond hält seine Wacht“ und der Walzer „Verschmähte Liebe“ von Paul Lincke sind ebenfalls unter den Perlen, die Messtorff den Hörern näherbringen will. Aus seinem riesigen Fundus hat er eine abwechslungsreiche Auswahl getroffen, die er von kompatiblen Rundfunkplattenspielern aus via MP3-Dateien in seinen Senderechner eingespielt hat.

In humorigen Moderationen gibt es dazu auch Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Titeln. Zu „La Campana“ vom Orchester Béla Sanders hat Messtorff beispielsweise recherchiert: „Eigentlich hieß er Hans Schubert, aber nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er bei der Gründung seines Orchesters diesen Künstlernamen an.“ Da „La Campana“ einen Sprung gehabt habe, musste der Hobby-DJ die Platte mechanisch ausbessern.

Auch das heute als Karnevalslied bekannte „Wer soll das bezahlen?“ von Jupp Schmitz mit seinen ursprünglich sozialkritischen Untertönen gehört zu den akustischen Preziosen: „In dem Lied ging es eigentlich um die Preissteigerungen nach der Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg“, hat Messtorff in Erfahrung gebracht. In seiner vorproduzierten Moderation kann er sich auch einen Seitenhieb auf den ‚Teuro“ nicht verkneifen. Zu „Blau ist das Meer“ aus dem Tonfilm „Volldampf voraus“ zieht der Hobbymusiker einen Vergleich zur Verschmutzung der Weltmeere: „Heute ist das Meer wohl nicht mehr so blau“. Auch „Oh mein Papa“ von Lys Assia, „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ von Stargeiger Helmut Zacharias und George Shearings Jazzklassiker „To be or not to bop“ gehören zu den Titeln der Sendung.

Bei klassischen Stücken, fand Messtorff wiederum heraus, habe man sich bei den Plattenfirmen aufgrund der zeitlichen Begrenztheit meist für kurze Stücke entscheiden müssen: „Da ist dann der erste Satz der 5. Sinfonie von Beethoven auf der einen Seite und der zweite Satz auf der B-Seite.“ Ein Sprecher, auf den der Schwaneweder im Internet stieß, hat für die Sendung mehrere Jingles aufgenommen, „Schellack und mehr – die 20er-Jahre“, oder „Swing aus den 20er-Jahren“ erklingt die sonore Stimme. „Die Hörer sollen solche Titel mal original auf Schellack hören und ein bisschen Spaß bekommen an Musikrichtungen, für die sie sich sonst vielleicht nicht so interessieren“, wünscht sich Messtorff.

Am Ankauf weiterer Platten, darauf weist Jens Messtorff hin, ist er übrigens nicht interessiert. Seine Sendungen sind unter www.laut.fm/artistradio zu hören.

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