Unterrichtsversorgung FDP kritisiert Lehrermangel

Die Unterrichtsversorgung an den Schulen im Kreis Osterholz liegt bei rund 95 Prozent. Das zeigt ein aktueller Soll-Ist-Abgleich bei den Lehrerstunden, der von der FDP beim Kultusministerium angefordert wurde.
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FDP kritisiert Lehrermangel
Von Bernhard Komesker

Landkreis Osterholz. Die Landesregierung in Hannover hat vergangene Woche aktuelle Zahlen zur Unterrichtsversorgung an den Schulen in Niedersachsen vorgelegt. Zum Start ins neue Schuljahr waren die Schulen im Landkreis Osterholz demnach zu rund 95 Prozent mit den benötigten Lehrerstunden ausgestattet. Das hat der FDP-Kreisvorsitzende Tobias Kwapinski dem Datenmaterial entnommen, mit der das Kultusministerium eine im August gestellte Anfrage der FDP-Landtagsfraktion beantwortet hat. Es handelt sich laut Ministerium um Prognosewerte auf Basis der bisher bekannten Daten und nicht um einen stichtagsbezogenen Unterrichtsversorgungswert, der gerade erst für den 10. September ermittelt werde. Während man sich an der Klosterplatz-Förderschule wegen der dünnen Personaldecke sorgt, meint ein Grundschulleiter aus der Kreisstadt, das Zahlenmaterial sei mit Vorsicht zu genießen.

Aus Sicht der Liberalen besitzt die Landesstatistik in jedem Fall eine gewisse Aussagekraft; sie dokumentiere nämlich einen Entwicklungstrend und der sei niedersachsenweit negativ. Der Abgleich der Soll-Ist-Stunden ist im Internet abrufbar unter der Adresse www.fdp-fraktion-nds.de/unterrichtsversorgung-schulen-niedersachsen.

Um Krankheitsfälle oder auch Abwesenheit wegen Fortbildungen ausgleichen zu können, sei eine Unterrichtsversorgung von deutlich mehr als 100 Prozent notwendig, betont Tobias Kwapinski in seiner Stellungnahme. „Es fallen regelmäßig viel zu viele Unterrichtsstunden aus. Das ist weder für die Schülerinnen und Schüler noch für die Lehrkräfte und die Eltern eine hinnehmbare Situation, sondern stellt eine große Belastung dar", so der FDP-Kreisvorsitzende.

Sämtliche Zahlen der Drucksache 18/7722 füllen gut 440 Din-A-4-Seiten und ergeben nach Darstellung der Freidemokraten, dass die landesweite Versorgung binnen Jahresfrist von 98,9 auf 98,2 Prozent abgesunken ist. Kwapinski ist entsprechend sauer: Trotz anders lautender Ankündigungen sei es der Landesregierung auch in diesem Schuljahr nicht gelungen, für eine spürbare Verbesserung der Situation zu sorgen.

Ein erster und wichtiger Schritt, um mehr Lehrkräfte für die niedersächsischen Schulen zu gewinnen, wäre die Anhebung der Vergütung auf mindestens A 13 für alle Schulformen. „Niedersachsen hinkt bei der Besoldung der Lehrkräfte im Ländervergleich hinterher. Die Besoldung ist jedoch ein wesentlicher Grund für viele junge Lehrkräfte, wenn sie sich für die Arbeit in einem Bundesland entscheiden“, mahnt der Sprecher der Kreis-FDP.

Ein Blick auf die einzelnen Schulen im Osterholzer Kreisgebiet zeigt, dass etwa die Grundschule Ritterhude mit fast 104,7 Prozent über ein vergleichsweise gutes Polster verfügt. Schlusslichter am anderen Ende der Skala sind die Klosterplatz-Förderschule für geistige Entwicklung (86,2 Prozent) sowie die Findorffschule Osterholz-Scharmbeck (92,9 Prozent). Im südlichen Cuxland schneiden die Hermann-Allmers-Haupt- und Realschule in Hagen (91,2) sowie die Oberschule Beverstedt (93,8 Prozent) bei der personellen Ausstattung auch nicht besser ab.

Oliver Heckmann, Leiter der Findorffschule, ist von den Zahlen zum angeblichen Lehrermangel überrascht. Er sehe zumindest seine Schule bei 100 Prozent, seit zum neuen Schuljahr eine Vertretungslehrkraft das Kollegium der Osterholzer Grundschule verstärkt habe. Das dürfte sich in der noch unveröffentlichten Erhebung mit Stichtag 10. September auch zeigen. „Insofern gibt es bei uns auch kein Minus“, betont Heckmann auf Anfrage unserer Zeitung.

Nicht die Personaldecke sei aus seiner Sicht momentan das Hauptproblem, sondern die Aufrechterhaltung des vorgesehenen Unterrichtspensums in Corona-Zeiten. Pandemiebedingte Vorgaben wie das regelmäßige Lüften und das Kohortenprinzip seien in der alltäglichen Praxis „nicht immer so einfach umzusetzen“, so der Schulleiter. Es gebe an der Findorffschule aber „einen hohen Einsatz und eine große Bereitschaft“ der Lehrkräfte, die Kinder auch unter erschwerten Bedingungen bestmöglich und sicher zu unterrichten.

Christiane Aping, Leiterin der Klosterplatz-Schule, mag in ihrer Stellungnahme die Prozentpunkte nicht weiter kommentieren. Für sie steht fest: „Es fehlen Förderschullehrkräfte oder Vertretungslehrkräfte im Bereich Sonderpädagogik.“ Dadurch sei es sehr schwer, qualitativ hochwertigen Unterricht zu gewährleisten. Ute Licht, Leiterin des angegliederten Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums für die Inklusive Schule (RZI), bestätigt, dass beide Systeme betroffen seien: die Inklusion an den sogenannten Regelschulen und auch der Förderbereich, vor allem in der Sekundarstufe.

Zum Lehrermangel kommen Corona-Vorgaben wie Abstandsgebot und Maskenpflicht für Lehrkräfte, sagt Aping: „Individuelle Fördermaßnahmen setzen eine Beziehung voraus, die Nähe erfordert und nicht mit Distanz herzustellen ist.“ Homeschooling sei dabei für die Kinder und Jugendlichen meist keine Option, zumal oft die Technik fehle oder kompliziert zu bedienen sei. Gerade ihre Schülerinnen und Schüler bräuchten Präsenzgruppen.

Die Schulleiterin vom Klosterplatz sagt, sie sehe sich immer mehr in der Rolle eines Headhunters, aber der Markt sei nun mal leergefegt. „Wir könnten Lehrkräfte sofort einstellen, wenn es sie gäbe.“ Und Versetzungsanträge, die nach Osterholz zielen, würden nicht genehmigt, weil das andernorts Löcher reißen würde. Aus Apings Sicht ist bei der Hochschulausbildung anzusetzen, die den Einsatz an einer Förderschule bisher leider wenig attraktiv erscheinen lasse.

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