Workcamp der Kriegsgräberfürsorge

Ferieneinsatz in Russland

Landkreis Verden. Sie baute in den Ferien schwarze Pappsärge und richtete in ganztägiger Arbeit unter sengender Sonne Gräber her. Eva-Maria von Hofe (17) aus Fischerhude beteiligte sich an einem Workcamp der Kriegsgräberfürsorge in Russland und stieß dabei auf ein Grab eines Verwandten.
22.07.2010, 06:00
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Ferieneinsatz in Russland
Von Uwe Dammann

Landkreis Verden. Sie baute in den Ferien schwarze Pappsärge und richtete in ganztägiger Arbeit unter sengender Sonne Gräber her. Eva-Maria von Hofe (17) aus Fischerhude beteiligte sich an einem Workcamp der Kriegsgräberfürsorge in Russland und stieß dabei auf ein Grab eines Verwandten.

'Richard von Hofe, geboren am 6. Mai 1922 in Riepe, verstorben am 7. September 1945 bei Saratow', zeigt Eva-Marie einen Auszug aus einem dicken Namensbuch, den sie auf einem deutschen Soldatenfriedhof bei Sologubowka gefunden hatte. Diesen Beleg mit dem Hinweis auf den Tod ihres Großonkels hat sie abfotografiert. Richard von Hofe starb in Gefangenschaft. Er hat im Krieg bei Wolgograd (dem früheren Stalingrad) gekämpft, mutmaßt Eva-Marias Vater Erich von Hofe. Rund 500 Kilometer entfernt, in Saratow, starb er möglicherweise auf einem Gefangenentransport. Aber die Begegnung mit der eigenen Familiengeschichte war nur eine der interessanten Erfahrungen des Ferienaufenthalts der Schülerin in dem Workcamp.

Sprachkenntnisse anwenden

Durch einen Artikel im Weser-Kurier, in dem über die Arbeit zweier Schülerinnen auf einer französischen Gedenkstätte berichtet wurde, war das Interesse der Bremer Waldorfschülerin an den Workcamps der Kriegsgräberfürsorge geweckt worden. Da sie in der Schule obendrein russisch lernt, wollte sie ihre Sprachkenntnisse in einem russischen Workcamp des Volksbundes anwenden, in dem russische und deutsche Jugendliche gemeinsam die Kriegsgräberstätten pflegen.

Über 45000 Gefallene sind beispielsweise derzeit auf der deutschen Kriegsgräberstätte in der russischen Gemeinde Sologubowka bei St. Petersburg begraben, die auch Eva-Maria von Hofe besuchte. Zum zehnjährigen Bestehen der Anlage lädt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge jetzt zu einer Gedenkveranstaltung am 1. August ein, bei der Altbundeskanzler Gerhard Schröder die Ansprache hält. Der etwa fünf Hektar große Soldatenfriedhof in Sologubowka ist für rund 68000 Gefallene geplant. Immer noch werden hier Gefallene aus dem Zweiten Weltkrieg beerdigt, sagt Eva-Maria von Hofe. So gut wie jeden Tag bergen Helfer Kriegstote, deren menschliche Überreste anschließend hier im feierlichen Rahmen bestattet werden.

Nach Abschluss der 'Zubettungen' wird damit die Anlage die weltweit größte deutsche Kriegsgräberstätte sein. Bisher hat der Volksbund die Namen und Lebensdaten von über 32000 Gefallenen auf Granitstelen dokumentiert. Weitere Namen sollen folgen. Natürlich waren die Jugendlichen aus Deutschland und Russland, nicht bei der Bergung der Leichenreste im Einsatz, sondern bauten stattdessen schwarze Särge aus Pappmaché, in denen die Gebeine der Gefallenen beerdigt werden. Außerdem waren die Jugendlichen in der Grabpflege eingesetzt oder wurden über die Arbeit des Volksbundes informiert und konnten mit russischen Angehörigen der Opfer reden.

Mit der Jugendarbeit verbindet der Volksbund das Ziel, junge Menschen an die Gräber der Opfer von Krieg und Gewalt zu führen und sie für die Folgen von Krieg und Gewalt zu sensibilisieren, heißt es in einer Infobroschüre. Jährlich an die 10000 Jugendliche pflegen die Kriegsgräberstätten, um sie als Mahnung zum Frieden zu erhalten.

Einblick ins russische Alltagsleben

Auch für Eva-Maria von Hofe war der Einsatz in Russland nicht nur sinnvoll, sondern auch persönlich gewinnbringend und beeindruckend. Sie gewann neue Freunde in Russland und unter den deutschen Campteilnehmern, übernachtete mit der Russin Ksenia Volgina (20 Jahre) im Zimmer und will diese Freundschaften weiterhin pflegen. Außerdem sei das Camp gut organisiert, erzählt die Schülerin. Neben dem Arbeitseinsatz auf den Gedenkstätten hatten die jungen Leute die Gelegenheit St. Petersburg zu besichtigen, waren Gast in russischen Familien und bekamen so einen Einblick in das Alltagsleben.

'Ich habe einen guten Eindruck von Land und Leuten bekommen', sagt Eva-Maria von Hofe. Allerdings konnte sie ihre Russischkenntnisse aus dem Schulunterricht nur am Rande einsetzen. 'Meine Russischkenntnisse waren so gut wie nicht notwendig, da viele der jungen Russen Deutsch können', sagt Eva-Maria schmunzelnd.

Besuch bei der Schwester des Toten

Die Geschichte ihres gefallenen Großonkels Richard von Hofe will sie nun weiter aufarbeiten. In dieser Woche will die Familie von Hofe der Schwester des Verstorbenen einen Besuch abstatten, um mehr über Richard von Hofe zu erfahren. Die Schwester war damals 15 Jahre alt, als Richard von Hofe in den Krieg ziehen musste. Sie hatte sich damals nur flüchtig von ihm verabschiedet, weil sie angenommen hatte, dass er bald aus dem Krieg zurückkommt. 70 Jahre später machte die Großnichte Eva-Maria das Grab im fernen Russland ausfindig.

Wer sich für die Arbeit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge interessiert, kann sich auch unter www.volksbund.de weiter informieren.

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