Fridays for Future über Klimagerechtigkeit „Rückwärtsgewandte Baumschutzsatzung“

Fridays for Future Osterholz widmet sich immer intensiver auch der Kommunalpoltik. Paula Krüger kritisiert die neue städtische Baumschutzsatzung als rückwärtsgewandt.
22.04.2021, 05:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Schön
Frage: Annalena Baerbock soll die Grünen in den Wahlkampf führen. Eine gute Entscheidung?

Paula Krüger: Vorab: Wir sind nicht der außerparlamentarische Arm der Grünen-Partei. Personalentscheidungen der Parteien sind uns als überparteiliche Bewegung nicht wichtig. Es zählen die konkreten Inhalte.

Wir haben ein Superwahljahr. Wie nah steht Ihre Bewegung den Grünen, die ja Volkspartei sein wollen und programmatisch entsprechend aufgestellt sind?

Wir erwarten vom Superwahljahr 2021 das Einleiten einer sozial-ökologischen Wende. Ein radikaler Kurswechsel ist nötig, der in Koalition mit der CDU undenkbar ist. Aber auch das Parteiprogramm der Grünen wird dem notwendigen 1,5-Grad-Ziel nicht gerecht. Das Durchsetzen von rückschrittigen Verkehrsprojekten wie dem Bau der A 49 in Hessen zeigt, dass die Grünen im Bereich der Verkehrswende noch großen Nachholbedarf haben. Da am Wahlprogramm noch Änderungen möglich sind, erwarten wir an diesen Stellen noch essenzielle Besserungen.

Fridays for Future hat im September 2019 weit über eine Million Menschen auf die Straße gebracht. Die Massen-Demos sind durch die Pandemien ausgebremst worden. Auch die Schulschließungen und Sportverbote dürften besonders für eine so junge Bewegung ein Problem sein. In der Fläche haben sich viele Ortsgruppen bereits abgemeldet. Wie stellt sich die Situation in Osterholz-Scharmbeck dar?

Natürlich bedeuten die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen eine Einschränkung für uns als Bewegung. Trotzdem konnten wir unter Hygienebedingungen in Osterholz-Scharmbeck im vorigen Herbst mit 500 Teilnehmern überdurchschnittlich viele Menschen auf die Straße bewegen. Zwar ist der Fokus auf die Klimakrise im Allgemeinen weniger geworden, jedoch ist unser Orga-Team gewachsen, und wir konnten durch das Knüpfen vor Kontakten in Gewerkschaften, Landwirtschaft, NGOs und Kirche ein breites sozial-ökologisches Bündnis aufstellen.

Wie zufrieden waren Sie mit der Resonanz bei der Demo im März?

Bei unserer ersten Fahrrad-Klimademo konnten wir viele Menschen mobilisieren, gerade auch Erwachsene und Familien mit Kindern. Mit breiter Unterstützung der Gewerkschaften konnten wir vor einem teilweise neuen Publikum den Fokus auf eine dringend notwendige Verkehrswende und die zwingende Verzahnung der sozialen und ökologischen Themen setzen.

Was haben Sie sonst noch unternommen, um Ihre Themen auch im Krisen-Modus nach vorne zu bringen und die Aktivisten bei Laune zu halten?

Nachdem die Große Koalition uns mit ihrem sogenannten Klimapaket gezeigt hat, was sie von der Jugend und ihren Zukunftssorgen hält, ist es ohnehin nicht leicht, diese 'bei Laune zu halten'. Bei der Klimakrise geht es aber gar nicht um 'Laune', sondern um die Sicherung unserer Zukunft. Wir werden also weiterkämpfen, egal, was für Herausforderungen uns bevorstehen.

Fridays for Future gibt es in Deutschland erst seit gut zwei Jahren. Was hat sich in dieser Zeit geändert, was die politische Ausrichtung angeht?

Gerade im letzten Jahr hat Fridays for Future bundesweit, aber auch lokal im Landkreis Osterholz den Fokus immer mehr auf Klimagerechtigkeit gesetzt. Die Folgen der Klimakrise treffen die Menschen, die am wenigsten verantwortlich sind. Global wie lokal. In Deutschland werden die finanziell schlechter gestellten Menschen die Klimafolgen deutlich mehr zu spüren bekommen, und ohnehin schon ausgebeutete Länder des globalen Südens haben schon heute unter den Folgen massiv zu leiden. Deshalb fordern wir sozialen Klimaschutz in Konsequenz!

In diesem Jahr steht ja nicht nur die Bundestagswahl an. Welche Rolle spielen die lokalen Themen bei Ihnen?

Wir haben das vergangene halbe Jahr genutzt, um uns in die Stadtpolitik einzuarbeiten und haben in den Fragestunden für Bürger und Bürgerinnen kritische Fragen zum allgemein unzureichenden Klimaschutz der Stadt oder auch der rückwärtsgewandten Baumschutzsatzung gestellt. Zu den städtischen Kommunalwahlen werden wir mit jeder Fraktion gesprochen haben und ihre lokalen Klimaziele überprüfen. Zudem vernetzen wir uns immer weiter mit lokalen Gruppen aus zum Beispiel der Landwirtschaft. In einem größeren lokalen Bündnis erarbeiten wir so aktuell auch Forderungen an die Kommunalpolitik, denn lokale Themen spielen für uns eine große Rolle.

In Osterholz-Scharmbeck hat der Stadtrat eine neue Fassung seiner Baumschutzsatzung beschlossen. Sie haben sich mit dem Entwurf nicht einverstanden gezeigt. Welche Passagen sehen Sie besonders kritisch?

Wir stellen uns hier hinter die Expertise der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Bios und kritisieren demzufolge das Herausfallen von Erlen, Birken und Pappeln sowie von Bäumen auf Grundstücken unter 500 Quadratmetern. Dass Baumschutz und damit Klimaschutz von der SPD-Stadtratsfraktion als Entmündigung der Bürger und Bürgerinnen deklariert wird, ist für uns absolut unverständlich.

Das Interview führte Michael Schön.

Info

Zur Person

Paula Krüger (18)

arbeitet seit 2019 für Fridays for Future und gehört damit zu den Aktivistinnen der ersten Stunde innerhalb der Gruppe Osterholz-Scharmbeck. Sie besucht die Berufsbildenden Schulen (BBS) in der Kreisstadt, um dort im Fachbereich Gesundheit und Soziales das Abitur abzulegen.

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