Schüler der KGS Tarmstedt arbeiten in der Gedenkstätte Sandbostel mit Gleichaltrigen aus Polen und der Ukraine

Friedensarbeit zwischen Ruinen

Tarmstedt·Sandbostel. Kalt und zugig ist es zwischen den Ruinen. Doch von den Schülern, die auf dem Gelände der Gedenkstätte Lager Sandbostel herumwuseln, scheint keiner zu frieren.
28.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Kalt und zugig ist es zwischen den Ruinen. Doch von den Schülern, die auf dem Gelände der Gedenkstätte Lager Sandbostel herumwuseln, scheint keiner zu frieren. Schließlich sind sie alle in Bewegung, die 48 Jugendlichen von der KGS Tarmstedt und den Partnerschulen in Polen und der Ukraine. Sie arbeiten gemeinsam zum Thema Erinnerung und helfen dabei auch tatkräftig mit beim Aufräumen der jüngst erworbenen Gebäude aus dem Zweiten Weltkrieg.

Seit Montag sind die Schüler im Rahmen eines trinationalen Projekts auf dem Gelände des ehemaligen Lagers unterwegs. Eine Gruppe hat sich der Kunst verschrieben: Die Schüler stellen aus dem Holz von Bäumen, die kürzlich auf dem Grundstück gefällt wurden, Objekte her. Die 15-jährige Aylin aus Tarmstedt beispielsweise lässt eine Schlange um einen Stamm kriechen. „Ich mag Schlangen“, sagt sie, „das hat für mich was mit Freiheit zu tun.“ Und Freiheit sei etwas gewesen, das die hier eingesperrten Menschen gerade nicht gehabt hätten. Die bedrückende Atmosphäre dieser dunklen Zeit sei noch heute spürbar. „Tear“, das englische Wort für Träne, hat Annalena (16) aus Grasberg als Namen für ihr Objekt gewählt. „Das passt zu diesem Ort“, findet sie.

Geleitet wird das Kunst-Projekt von zwei Profi-Bildhauern, Thomas Konwiarz aus Gnarrenburg und Edwin Musall aus Rotenburg. „Die Bäume sind hier gewachsen und werden hier verarbeitet, das passt gut“, findet Konwiarz. Die Schüler könnten bei der Arbeit ihre Eindrücke von der Gedenkstätte einfließen lassen. Die Arbeiten werden am Freitag um eine zweieinhalb Meter hohe Stele gruppiert, die an der Spitze die Farben der beteiligten Länder trägt.

12 000 Besucher im Jahr

Geradezu Schweiß treibend ist die Arbeit einer anderen Gruppe, die die Grundmauern einer der ältesten Baracken freilegt. In dem nicht mehr existierenden Holzhaus waren französische Kriegsgefangene untergebracht, die eine Gebetsecke mit einem Altar einrichten durften. Wie ein Foto aus jener Zeit zeigt, gab es auch Wandgemälde mit einer Mariendarstellung. Genau genommen gibt es diese Gemälde immer noch, allerdings wurden sie vor Jahren übermalt. „Sobald es unser Etat zulässt, wollen wir sie freilegen“, sagt Diakon Michael Freitag-Parey, der bei der Gedenkstätte Lager Sandbostel als Friedenspädagoge arbeitet. Jahr für Jahr kämen gut 12 000 Besucher hier her, um sich ein Bild von dem einstigen Kriegsgefangenenlager zu machen. „Familien kommen, um nach Angehörigen zu forschen“, sagt Freitag-Parey, „auch ganz viele Schulklassen.“ Das Projekt der KGS findet er gut: „Junge Leute aus unterschiedlichen Kulturen kommen zusammen und haben Zeit, um gemeinsam zu arbeiten und sich auszutauschen. Das ist wunderbar.“

Eine andere Gruppe stellt Namensziegel für die in Massengräbern verscharrten sowjetischen Soldaten her. Eine weitere fertigt Schilder aus Holz, für die sich Schüler „Stolperworte“ überlegt haben, wie die polnische Deutsch-Lehrerin Hanna Szczesniak erklärt. „Buried alive“, also lebendig begraben, steht da drauf, oder „Hunger“ in mehreren Sprachen oder auch „erinnern, lieben, trauern“. Und sie berichtet von einer Zufallsbegegnung: Am Sonntag nach dem Gottesdienst sei eine Frau auf die Gruppe zugekommen, die ebenso wie die polnischen Schüler in der Nähe von Danzig groß geworden ist. „Abends hat sie uns mit ihrem Mann besucht, das war sehr schön“, sagt Hanna Szczesniak. Für Freitag steht eine weitere Begegnung an: Die Schüler freuen sich schon auf ein Zeitzeugengespräch mit Wiktor Listopadzki, der ab 1944 im Lager Sandbostel interniert war. Am Nachmittag nehmen Listopadzki und sein Sohn Tomek an der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des Lagers Sandbostel teil.

Organisiert hat das deutsch-polnisch-ukrainische Projekt Marcus Wollny, Geschichtslehrer an der KGS. „An diesem Ort werden junge Menschen aus drei Nationen durch gemeinsames Arbeiten miteinander verbunden. Dadurch bleibt mehr haften als das im normalen Unterricht der Fall wäre“, erläutert er das Konzept. „Die Jugendlichen machen das hier zu ihrer Gedenkstätte“, ist er überzeugt. Das Projekt werde gefördert durch das Deutsch-Polnische-Jugendwerk, das Auswärtige Amt, den Landkreis Rotenburg und den Fond „Frieden stiften“. Sein Schulleiter Michael Berthold sagt: „Das ist hier keine triefend traurige Sache. Die Schüler bringen diesen Ort des Grauens zum Leben, und abends tanzen und singen sie. So muss das sein.“

Die Gedenkveranstaltung am Freitag, 29. April, beginnt um 16 Uhr auf dem ehemaligen Lagerfriedhof und wird um 17.30 Uhr in der ehemaligen Lagerküche fortgesetzt.

Für 19 Uhr ist ein Gedenkgottesdienst in der Lagerkirche geplant.

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