VHS sucht dringend geeignete Pädagogen

Für Deutschkurse fehlen die Lehrkräfte

Am Montag sollte in Worpswede der erste Deutschkursus für Flüchtlinge starten. Passiert ist das nicht. „Uns fehlen die Lehrkräfte“, klagt Ihno Schild, pädagogischer Mitarbeiter der Volkshochschule (VHS).
05.05.2015, 00:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke
Für Deutschkurse fehlen die Lehrkräfte

Sprachunterricht in Bremen-Grohn: Der Umgang mit Flüchtlingen erfordert pädagogisches Geschick und Fingerspitzengefühl.

Christian Kosak

Am Montag sollte in Worpswede der erste Deutschkursus für Flüchtlinge starten. Passiert ist das nicht. „Uns fehlen die Lehrkräfte“, klagt Ihno Schild, pädagogischer Mitarbeiter der Volkshochschule (VHS). Dozenten zu finden, die Ausländern aus aller Welt mit pädagogischem Geschick und Fingerspitzengefühl Sprachkenntnisse vermitteln – das ist im Moment das große Problem der VHS. Sprachunterricht nach dem Lehrbuch, Lektion eins, zwei, drei, das funktioniert nicht. In der Kursen sitzen Analphabeten, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben, neben Ärzten, Ingenieuren und anderen hoch Qualifizierten.

Das Flüchtlingsthema beschäftigt Ihno Schild seit Monaten. Wenn sein Telefon morgens um zehn klingelt, muss er nicht lange rätseln. Oft meldet sich ein ehrenamtlicher Helfer, der sich um einen Asylsuchenden oder um eine Familie kümmert. „Ich hab’ da zwei Flüchtlinge, die müssen unbedingt Deutsch lernen.“ So oder ähnlich beginnen die Gespräche. „Es muss immer ganz schnell eine Lösung her – aber es gibt keine Ad-hoc-Lösung“, sagt Ihno Schild. Oft sind die Erwartungen hoch: In drei, vier Monaten könne der Flüchtling eine Ausbildung beginnen – bis dahin müsse er aber die Sprache beherrschen. Manchmal stünden Asylbewerber vor seiner Tür in Murkens Hof, sagt Schild. Sie hätten von ehrenamtlichen Helfern den Tipp bekommen, dass man bei der Volkshochschule Deutsch lernen könne. Das kann man auch, aber nicht sofort.

141 Flüchtlinge allein in Lilienthal

Der Druck ist groß. Allein in Lilienthal sind seit dem Beginn des vergangenen Jahres 141 Flüchtlinge gelandet. Viele kommen vom Balkan, aus Ländern wie Mazedonien und Montenegro, Serbien und dem Kosovo, andere aus Palästina, Syrien oder Afghanistan, Iran, Irak oder Algerien. Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zum Leben in einem fremden Land, der Schlüssel zur Integration. Deshalb bietet die Volkshochschule seit Ende Oktober Deutschkurse für Flüchtlinge an, die sie aus ihrem eigenen Budget bezahlt, ohne Mehrkosten für die Gemeinde. Seit dem Frühjahr springt der Landkreis ein: Er übernimmt die Finanzierung von Intensivkursen, die dreieinhalb Monate dauern.

In allen Gemeinden des Landkreises und in der Kreisstadt sollen die Volkshochschule und das Bildungswerk so schnell wie möglich Deutsch für Ausländer anbieten. Es sind Intensivkurse mit 20 Stunden Unterricht pro Woche, jeder Kursus umfasst 264 Stunden. Am 27. April haben im evangelischen Jugendheim Falkenberg zwei Kurse begonnen, einer für Männer und einer für Frauen. „Erst sind die Männer gekommen, dann die Frauen“, erklärt Ihno Schild. Daher die Geschlechtertrennung, nicht aus Prinzip. „Die wollen auch Deutsch lernen“, sagt der 43-Jährige. „Sie sind sehr motiviert.“ Je zehn bis zwölf Teilnehmer sitzen in den Sprachkursen, mehr sollen es nicht sein. In Osterholz-Scharmbeck hat bereits Anfang April ein Kursus begonnen, weitere sollen in Worpswede, Ritterhude und Grasberg folgen.

Seit Wochen sucht Ihno Schild nach geeigneten Lehrkräften. Sechs hat er auf der Liste, mindestens zwölf müssen es sein. „Der Markt ist abgegrast“, klagt der VHS-Mitarbeiter. Überall werden Pädagogen für Deutschkurse gesucht. Eine Festanstellung können der Kreis und die Volkshochschule nicht bieten, nur eine Bezahlung pro Stunde auf Honorarbasis. „Es muss dauerhaft sein und verbindlich, montags bis freitags“, betont der 43-Jährige. Zwei Deutschkurse pro Gemeinde sind das Ziel. „Dafür brauche ich mindestens einen Pool von zwölf Lehrkräften“, weiß Ihno Schild.

Ideal wären Pädagogen mit Germanistikstudium und Psychologiekenntnissen, die Erfahrungen in der Erwachsenenbildung und mit anderen Kulturen und dazu noch eine Zusatzausbildung für Alphabetisierung haben. Das wäre ein Traum für Ihno Schild, die Realität sieht anders aus. „Wichtig ist, dass jemand eine pädagogische Ausbildung und ein Gespür für die Menschen hat“, erklärt der VHS-Mann. „Da sitzt jemand, der traumatisiert ist, dem das Haus weggebombt wurde, ein Familienoberhaupt, das sein Selbstwertgefühl verloren hat. Warum sagt der nichts? Warum macht der nicht mit? Das muss man verstehen.“

Heilfroh ist Ihno Schild über die vielen freiwilligen Helfer der Flüchtlingsinitiativen. „Die leisten eine wunderbare Arbeit“, sagt der Dozent. Viele Ehrenamtliche kümmerten sich als Paten um Ausländer, einige gäben ihnen Privatunterricht. In Osterholz-Scharmbeck sei das ganz anders.

Die VHS sucht pädagogisch qualifizierte Lehrkräfte, die Flüchtlingen in Deutschkursen die nötigen Sprachkenntnisse vermitteln. Telefonisch ist die VHS unter 0 42 98 / 92 92 40 erreichbar.

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