Stiftung Sandbostel lädt ein Gedenken im "kleinen Belsen"

Die Stiftung Sandbostel lädt zu einer Gedenkveranstaltung ein - am 29. April, dem 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Soldaten. Die bezeichneten es als "kleines Belsen".
12.04.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Johannes Heeg

„Like a minor Belsen“, wie ein kleines Belsen, beschrieben die britischen Soldaten ihre Eindrücke des Lagers Sandbostel, als sie es am 29. April 1945 befreit hatten. Trotz aller Hilfsbemühungen starben auch nach der Befreiung noch über 500 KZ-Häftlinge an Erschöpfung, Auszehrung und Infektionskrankheiten. Die Stiftung Lager Sandbostel lädt anlässlich des 71. Jahrestags der Befreiung zu einer Gedenkveranstaltung ein.

Bis Ende April 1945 waren insgesamt über 313 000 Gefangene aus der ganzen Welt in dem Lagerkomplex in Sandbostel inhaftiert. Ihre Behandlung war in völkerrechtlichen Verträgen geregelt, doch waren systematische Verstöße an der Tagesordnung, so Andreas Ehresmann, Geschäftsführer Stiftung Lager Sandbostel und Leiter der Gedenkstätte. Den sowjetischen Soldaten habe die Wehrmacht jeglichen Schutz durch das Völkerrecht verweigert. Tausende von ihnen starben an Hunger und Krankheiten, die genaue Zahl sei bis heute nicht bekannt.

Die britische Armee befreite am 29. April 1945 rund 14.000 Kriegsgefangene und 7000 KZ-Häftlinge. Die Soldaten fanden insbesondere in dem Bereich, in dem noch kurz vor Kriegsende etwa 9500 Häftlinge aus dem kurz zuvor geräumten Konzentrationslager Neuengamme und einigen Außenlagern im Bremer Raum untergebracht waren, katastrophale Bedingungen vor. Hunderte Leichname lagen teilweise seit Tagen unbestattet in dem Areal.

Die lebenden Häftlinge irrten erschöpft über das Gelände oder lagen apathisch in den Baracken. Trotz der verzweifelten Bemühungen des internationalen Widerstandskomitees der Kriegsgefangenen, den KZ-Häftlingen in den Tagen vor der Befreiung zu helfen, starben Tausende an Krankheiten, Erschöpfung und unmittelbarer Gewalt durch die Wachmannschaften. Nach der Befreiung versuchte das britische Royal Army Medical Corps den befreiten KZ-Häftlingen zu helfen. Trotzdem starben aber noch über 500 KZ-Häftlinge.

Gebete und Kranzniederlegung

Auch in diesem Jahr habe der ehemalige AK-Angehörige Wiktor Listopadzki sein Kommen zur Gedenkfeier zugesagt, freut sich Ehresmann. AK steht für Armia Krajowa, die polnische Heimatarmee, von der gut 5000 Mann in Sandbostel interniert waren. „Dass er kommt, ist eine große Ehre für uns“, sagt Ehresmann. Zudem würden Gäste unter anderem aus Großbritannien, Montenegro, Polen, Russland und der Ukraine sowie aus der Landes- und Kommunalpolitik erwartet.

Die Gedenkveranstaltung am Freitag, 29. April, beginnt traditionell um 16 Uhr auf der Kriegsgräberstätte Sandbostel, dem ehemaligen Lagerfriedhof. Der Vorsitzende des Rotenburger Kreistags, Friedhelm Helberg, und Ruth Gröne, die Tochter des in Sandbostel verstorbenen und anonym auf dem Gräberfeld II in Sandbostel bestatteten KZ-Häftlings Erich Kleeberg aus Hannover, werden zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sprechen. Anschließend erfolgen Gebete und die offizielle Kranzniederlegung.

Um 17.30 Uhr wird die Gedenkveranstaltung in der ehemaligen Lagerküche fortgesetzt. Die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt und der evangelisch-lutherische Landesbischof Ralf Meister werden Grußworte sprechen. Anschließend wird mit Rint Massier, dem Sohn des kurz nach der Befreiung an einem bis heute nicht bekannten Ort verstorbenen niederländischen KZ-Häftlings Jan Massier, ein weiterer Vertreter der Nachkommen der Opfer eine Rede halten.

Jugendliche eines deutsch-polnisch-ukrainischen Jugendworkcamps, an dem Schüler der Gesamtschule Tarmstedt beteiligt sind, werden mit einem eigenen Beitrag der Verstorbenen gedenken. Im Anschluss findet ein gemeinsames individuelles Gedenken für die in Sandbostel gestorbenen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge statt. Für 19 Uhr ist ein Gedenkgottesdienst in der Lagerkirche geplant. Bereits um 13 Uhr beginnen Informationsrundgänge durch die Gedenkstätte Lager Sandbostel in deutscher, englischer und französischer Sprache.

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