Bericht von der Front Ein Koffer voller Feldpost

Hubert Weber war Soldat im Zweiten Weltkrieg und wurde dort schwer verwundet. Seine 248 Briefe, die er zwischen 1938 und 1944 schrieb, erzählen von einer tiefen Sehnsucht nach seiner Familie.
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Von Undine Mader

Grasberg. Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, der millionenfach Leben kostete und in Europa eine Spur des Leids und der Verwüstung hinterließ. Danach wurde es keineswegs friedlicher in dieser Welt. Den Opfern von Kriegen und Gewaltherrschaft aller Nationen wird alljährlich am Volkstrauertag gedacht. Bäcker Hubert Weber aus Wörpedorf wurde im Zweiten Weltkrieg von einem Granatsplitter am Kopf getroffen und schwer verwundet. Seine 248 Briefe, die er zwischen 1938 und 1944 nach Wörpedorf schrieb, erzählen von einer tiefen Sehnsucht nach seiner jungen Frau und den Kindern.

Vor zehn Jahren hat Hilde Bibelhausen die Feldpostbriefe ihres Vaters in einem Lederkoffer gefunden, als sie den Hausstand ihrer Mutter auflöste. Seinerzeit zollte sie den eng, meist mit Bleistift beschriebenen Blättern wenig Aufmerksamkeit. Erst jetzt, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, hat sie den Koffer wieder hervorgeholt, hat die Briefe nach Datum und Jahren sortiert. Es ist ein Stück Familiengeschichte in Klarsichthüllen.

Hubert Weber kam 1915 als zweites von sechs Kindern zur Welt, sein Vater war Lokomotivführer in Köln. Nach acht Jahren Schule schleppte Hubert Weber Mehlsäcke bei einem jähzornigen Bäcker. Sofort nach der Gesellenprüfung schnürte er darum sein Bündel und ging mit der Mandoline im Gepäck auf Wanderschaft, berichtet Hilde Bibelhausen. Über Oberbayern führte ihn sein Weg in den Norden und zur Arbeit in die Bleihütte von Nordenham. Dann wurde er als Rekrut nach Bremen eingezogen. 1937 oder 1938 muss das gewesen sein, schätzt die Tochter. Ein erstes festes Datum liefert der erste Feldpostbrief vom 11. Juni 1938, überschrieben mit „Meine liebste Hanna“. Da war Hubert Weber 23 Jahre alt.

Kurz zuvor hatte er die Wörpedorferin im Bremer Bürgerpark kennengelernt. Das Treffen hätte eine gute Vorlage für Liebesromane abgegeben. Zwei junge Männer ruderten am Pfingstfeiertag über den See, auf einer Brücke standen zwei junge Frauen. Die Männer luden sie ein, ins Boot zu steigen. Für Hubert Weber und Hanna Thoden begann damit die Fahrt durch ein gemeinsames Leben, dessen erste Jahre vom Krieg überschattet waren, und in denen die Hoffnung auf ein Wiedersehen für Hubert Weber der „einzige Trost“ war.

Hilde Bibelhausen nennt den Briefwechsel zwischen ihren Eltern einen „intensiven Dialog“, obwohl die Briefe ihrer Mutter nicht erhalten sind. Der Feldkoch Hubert Weber schrieb oft, seine Liebste dagegen hatte weniger Zeit dafür. In Wörpedorf musste sie auf dem elterlichen Hof mit anpacken, die jungen Männer des Hofes waren an der Front.

Drei Viertel des Feldpostinhalts drehten sich um die Befindlichkeiten in der Familie, schätzt Hilde Bibelhausen. Der Beschreibung „äußerer Begebenheiten“ habe ihr Vater etwa ein Viertel der Korrespondenz gewidmet. Beispielsweise erzählt er im November 1941, wie sie in einem Bunker nahe Moskau hockten: Ein tiefes Loch in der Erde für sechs bis sieben Männer, mit Bäumen abgedeckt und mit einem Ofen drin. Der Schnee draußen knirschte vor Kälte. Es sei so ganz anders als zu Hause, schrieb er an seine junge Frau. „Man könnte bald sagen, romantisch schön, wenn der Krieg nicht wäre.“ Tagsüber sei es weitgehend ruhig gewesen. „Aber nachts funkte es ganz schön“, schrieb Hubert Weber über Bombenangriffe. „Gott sei dank geht es mir gut.“ Bei dem folgenden „Weihnachten weit im Osten“ sei ihm zum Weinen gewesen. Er schrieb: „Aber als Mann und Soldat zeigt man das nicht.“ Er hatte Heimweh und wusste zugleich, dass es „noch lange dauern wird, bis dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird“.

Tochter und Sohn waren da längst geboren. Zwei Kriegskinder, gezeugt an abgezählten Urlaubstagen. Dazwischen die Hochzeit, ohne Feier und ohne Fotograf. Beider Kinder Geburt erlebte Hubert Weber nicht, ebenso wenig sah er sie ihre ersten Schritte laufen. Er hörte sie auch nicht ihre ersten Worte sprechen.

Nach einem von Hunger gezeichneten Zwischenaufenthalt in Celle saß Hubert Weber Anfang September 1943 wieder im Zug an die Front. Am 13. September schrieb er aus der Ukraine: „Die Lage ist sehr ernst. Das gefällt mir nicht.“ Zwei Wochen später die Nachricht aus dem Lazarett: „Ich bin verwundet.“ Ein Granatsplitter hatte sich durch seinen Kopf gebohrt. Die Narbe über dem dadurch erblindeten rechten Auge erinnerte für den Rest seines 57 Jahre währenden Lebens daran.

Das seien die einzigen zwei Wochen, die ihr Vater Dienst an der Waffe geleistet habe, sagt Hilde Bibelhausen. Davor sei er als Koch und Bäcker eingesetzt worden. Nach dem Lazarett wurde er in Österreich weiterbehandelt und anschließend wieder in Celle stationiert, wo er im Sommer 1944 vor einer Erschießung gesagt habe: „Ich kann das nicht.“ Auf diese Verweigerung folgte umgehend der neuerliche Marschbefehl an die Front. Seinen letzten Brief nach Wörpedorf schrieb Hubert Weber am 16. August 1944 aus Celle.

Was danach geschah, weiß Hilde Bibelhausen aus den Erzählungen des Vaters. Wenn im Herbst die Dämmerung langsam in die Küche der Familie kroch, saßen sie oft beieinander. „Dann wurde erzählt“, erinnert sie sich. Im April 1945 war Hubert Weber im Erzgebirge. Die kleine Gruppe habe sich aufgelöst und er sei losgelaufen in Richtung Heimat. Nacht für Nacht, drei Wochen lang, und nach einigen Tagen in amerikanischer Gefangenschaft mit politischer Überprüfung kehrte er dann endlich zur Familie zurück.

Info

Zur Sache

Feldpost im Museum

Der Brief als Kommunikationsmittel gehört zu den ältesten Sammlungsobjekten der Museumsstiftung Post und Telekommunikation, so das Berliner Museum für Kommunikation. Bereits mit Gründung des Reichspostmuseums 1872 wurden Feldpostbelege aus dem Krieg von 1870/71 gesammelt. Während des Zweiten Weltkriegs habe die deutsche Feldpost demnach schätzungsweise 30 bis 40 Milliarden Sendungen transportiert. „Für einen Großteil der Deutschen waren sie eines der wichtigsten Kommunikationsmittel, das als Ersatz für den nicht erlebbaren Familienalltag diente.“ Ein Blick auf Feldpostbriefe könne Zugang zum Kriegsalltag schaffen und zu deutschen Sichtweisen auf den Krieg, so das Berliner Museum. Informationen unter www.briefsammlung.de.

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