Seehauser Denkmal Baustellenbesichtigung

Imke David öffnet anlässlich des Tags des offenen Denkmals ihr Fachwerkhaus in Grasberg in der Seehauser Straße 43 und zeigt Wissenswertes über die Bauweise aus der Zeit der Moorkolonisation.
05.09.2019, 16:58
Lesedauer: 2 Min
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Von Christian Kosak (Fotos) und Undine Mader (Text)

Nahezu schwerelos schweben Staubteilchen im Lichtstreifen. Durch eine kleine Luke im Reetdach und ein Loch in der Dielendecke bahnt sich die Sonne ihren Weg herab ins Erdgeschoss. Dort liegt der Blick frei auf gewölbte Wände, zerfressene Ziegelsteine und ein über 200 Jahre altes Himmelblau auf Lehmputz. Von draußen raunt der Wind durch leere Fenster herein. Es braucht Fantasie, sich diesen Ort als gemütliche Wohnstatt vorzustellen.

Imke David verfügt darüber. Sie saniert das denkmalgeschützte Fachwerkhaus aus den Zeiten des Moorkolonisators Jürgen Christian Findorff (1720-1792). 2020 will sie den Wohnbereich fertig haben. Anschließend ist der ehemalige Stall des Hauses dran. Dahin will die international konzertierende Gambistin später einmal zu Kammerkonzerten einladen. Auch jetzt schon können Interessierte das Haus kennenlernen. Anlässlich des Tages des offenen Denkmals hält sie am Sonntag, 8. September, von 13 bis 18 Uhr „die Grotdör“ in der Seehauser Straße 43 in Grasberg geöffnet für Fachgespräche, Kunst, Kaffee, Gebäck und Malblätter für Kinder.

„Ich habe einen Sinn für alte Sachen“, erzählt Imke David. Fachwerk mochte sie schon immer. 1852 steht über dem Hauseingang. „Es kann sein, dass Teile noch älter sind“, so David. Das Seehauser Fachwerkhaus ist nicht ihr erstes Sanierungsobjekt, obwohl es eigentlich zwei sind. Wenn die Kölnerin zu ihrem Haus kommt, wohnt sie nebenan in der ehemaligen Scheune. Sie nennt das Häuschen mit den großen Glasfenstern liebevoll „Übescheune“. Voller Gerümpel bis unters Dach sei es gewesen, Berge von Torf und alte Räder lagen darin. Und noch hängen auch hier an den Holzwänden Kabel aus Löchern, die einmal Lichtschalter und Steckdosen werden sollen.

Am Tisch lehnt Davids Gambe. Das Instrument ist 300 Jahre alt, die Stücke auf dem Notenständer entstanden ungefähr zu Findorffs Jugendzeit. David mag altes Holz, nicht nur in Häusern. Sie schnitzt Bögen und Löwen- oder Engelsköpfe für Instrumente. Zwischen dem Bauen müsse sie die Finger lockern, erklärt sie. Mit dem Rücken zum Fachwerkhaus spielt sie dann Renaissancemusik und bereitet ihre nächste Meisterklasse in Russland vor.

Alles hat seine Zeit im Leben der Musikerin, die weltweit konzertiert, als Professorin für Viola da gamba, Lirone und Violone am Institut für Alte Musik der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar lehrt und dessen Dekanin ist. Zwischen alledem arbeitet sie an ihrem Haus. „Ich fühle mich hier wie in den Ferien“, erzählt sie. Wenn sie in der Stille spiele und nur die Vögel zwitschern, sei sie sehr inspiriert. Bald aber tauscht sie wieder das warm tönende Instrument gegen Lehm und Glasschaumschotter.

David erinnert sich an ihre erste Begegnung mit dem Haus: „Es wirkte so ein bisschen verwunschen, wie in einer alten Zeit.“ An das Wie und Was des Sanierens habe sie keinen Gedanken verschwendet. „Ich habe gesehen, die Substanz ist etwas Besonderes.“ Dabei wollte sie es anfangs gar nicht kaufen. Sie besuchte den damaligen Besitzer, der alleine darin lebte und ließ sich die Geschichte des Hauses erzählen. Jetzt besucht sie den Mann im Altenheim und jetzt lebt sie an dem in grüne Wiesen eingebetteten Ort. Weil sie aber Leben um sich herum mag, die Nachbarn oder die Bauleute, freut sie sich auch auf den Tag des offenen Denkmals.

Den Besuchern wird David bei Führungen und selbst gebackenen Waffeln erzählen, wie sie mit einem erfahrenen Zimmermann zusammenarbeitet, wie die Wände mit Lehmziegeln wieder gerade werden sollen und die Diele mit Glasfachwerk vom Stall abgetrennt. Oder wie sie um ein altes Pflastermosaik einen Wintergarten herumbauen will. Die Holzdecke darüber hängt tief. Der Denkmalschutz würde erlauben, sie zu erhöhen. David lacht: „Das ist alt, das muss bleiben.“

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