Noch einmal ans Meer Der letzte Wunsch

Bärbel Harjes vom Haus Eichengrund weiß, dass sie alles richtig gemacht hat. Sie organisierte für einen kranken Bewohner kurz vor dessen Tod eine Fahrt nach Cuxhaven mit dem Wünschewagen des ASB.
22.02.2020, 13:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader

Grasberg. Bärbel Harjes wischt sich eine Träne unter der Brille weg. Dann holt sie tief Luft und sagt: „Alles richtig gemacht.“ Am vergangenen Freitag noch hat sie gemeinsam mit Werner G. aufs Wattenmeer geblickt. Beide wussten, dass seine Tage gezählt sind. Aber noch einmal das Meer zu sehen, das war der letzte Wunsch des 58-Jährigen. Mit dem Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds Deutschland (ASB) ging dieser in Erfüllung. In einem umgebauten Krankentransporter reiste der von Krankheit stark geschwächte Bewohner des Grasberger Pflegeheims Haus Eichengrund an die Nordsee. Zwei Sanitäter und Bärbel Harjes vom Pflegeheim umsorgten ihn.

Für das Haus im Eichengrund war es der erste Kontakt mit dem Wünschewagen des ASB. „Man hat mal davon gehört“, sagt Harjes, die Leiterin der Pflegekräfte ist. Aber so richtig nachgedacht habe bisher noch keiner darüber. Seit Dezember lebte Werner G. in der Grasberger Einrichtung, und ab und zu erzählte er vom Meer. Weil es ihr Job sei, mit den Bewohnern Ausflüge zu organisieren, recherchierte Harjes im Internet und nahm Kontakt mit dem Team des Wünschewagens in Hannover auf.

Seit November 2017 ist das Fahrzeug in Niedersachsen unterwegs. Seine Aufgabe ist es: „Menschen mit einem speziell umgebauten Krankentransporter in ihrer letzten Lebensphase an einen Sehnsuchtsort zu bringen“, so Julia-Marie Meisenburg vom Koordinationsteam in Hannover. Vor fünf Jahren hatte der ASB diese Idee aus Holland übernommen, inzwischen sind in Deutschland 24 Fahrzeuge an 22 Standorten stationiert.

„Das Meer ist Sehnsuchtsziel Nummer eins“, sagt Meisenburg. Andere Sehnsuchtsorte seien der Harz oder der eigene Garten oder die Teilnahme an einer Familienfeier. 148 Wünsche für sterbenskranke Menschen zwischen vier und 99 Jahren haben Meisenburg und das niedersächsische Wünschewagenteam bisher erfüllt. Rund 240 Anfragen habe es gegeben – nicht alle konnten erfüllt werden, etwa weil der Gesundheitszustand der Betroffenen es nicht erlaubt habe oder sie vor der Wunscherfüllung gestorben seien.

Oftmals werde der letzte Sehnsuchtswunsch von Angehörigen, Pflegekräften oder Hospizmitarbeitern beim ASB angefragt. Wünschewagen lässt sich aber auch in Wünsche wagen übersetzten. Und als solches wollen Meisenburg und ihre Kolleginnen und Kollegen sterbenskranken Menschen eine Stimme verschaffen, sodass diese auch selber ihren letzten Wunsch äußern. Solch eine Fahrt mobilisiere Kräfte und es habe sich gezeigt: „Das Abschiednehmen ist dadurch für die Fahrgäste und Angehörigen erleichtert worden.“

Die Fahrt mit dem Wünschewagen ist für den Fahrgast mit Begleitperson kostenlos und werde aus Spenden finanziert, so Julia-Marie Meisenburg. Als Betreuer fährt medizinisch und pflegerisch geschultes Personal mit wie Ärzte, Krankenpfleger, Sanitäter oder Hospizmitarbeiter. Alle ehrenamtlich. Meisenburg und ihre Kollegen können auf 113 Frauen und Männer zurückgreifen. Die Organisation eines Einsatzes dauert zwischen 18 Stunden und einer Woche und Meisenburg sagt: „Unsere Gäste haben nicht mehr viel Zeit.“ Voraussetzung für das Angebot ist ein Wohnort in Niedersachsen. Und, so Meisenburg: „Wir brauchen die Bescheinigung eines Arztes, dass ein Spezialfahrzeug benötigt wird.“

Bärbel Harjes hatte für den Grasberger Heimbewohner neun Seiten ausgefüllt und die Bestätigung des Hausarztes beigefügt. Dieser habe noch gezweifelt, ob der Mann das schaffe. „Ein paar Stunden, das ist okay“, sagte Harjes und dienstags kam der Anruf aus Hannover: „Freitag fahren wir.“ Kurz vor 11 Uhr stand der umgebaute Krankentransporter vor der Tür. Mit Stoßdämpfern, extra sanft und sicher eingestellt, mit großem Panoramafenster für eine gute Sicht von der Liege, mit Sternenhimmel, Blumentöpfen und Musikanlage. „Ein Krankenwagen in gemütlich“, nennt Meisenburg das.

Mit an Bord zwei junge Sanitäter. Bärbel Harjes schwärmt von dem Tag, auch wenn der nicht gleichbedeutend gewesen sei mit „wir fahren mal an die Nordsee und machen uns ein paar schöne Stunden“. Patientenverfügung, Notfallmedizin, Trinkbecher mussten beispielsweise bedacht werden. Auf der Hinfahrt habe sich der Heimbewohner fürs Liegen entschieden und sei schläfrig gewesen. „Unterwegs denkt man dann: War das richtig?“, erinnert sich Bärbel Harjes. Am Meer war dieser Gedanke dann verflogen. „Er war hellwach“, erzählt sie. Selbst das Wetter habe es gut mit ihnen gemeint und sie habe glücklich gesagt: „Wenn Engel reisen“ - inzwischen im Haus Eichengrund ein viel zitierter Spruch.

Der Wünschewagen fuhr dicht an den Strand und mit der Liege schoben sie Werner G. bis ans Watt. „Wir standen am Wattenmeer und er hat einfach nur geguckt“, erzählt Harjes. Anschließend schoben sie ihn im Tragerollstuhl auf dem Deich entlang. Sie steuerten auch noch die Alte Liebe an, eine Aussichtsplattform im Hafen von Cuxhaven. Wieder nur stehen, aufs Wasser schauen und einfach nichts machen. Später schrieben sie noch Ansichtskarten und nach Sonnenuntergang traten sie die Rückfahrt an. Am nächsten Tag erzählte Werner G. im Pflegeheim von der Fahrt. Montag dann kam seine Ansichtskarte im Haus Eichengrund an, am Dienstagmorgen ist er „ganz friedlich eingeschlafen“, sagt Bärbel Harjes und weiß: „Es war genau richtig, dass wir diese Fahrt noch gemacht haben.“

Weitere Informationen gibt es online unter wuenschewagen.de/niedersachsen.

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