Grasberger Hebamme Geburtshelferin ohne Geburten

Ulrike Stommel ist eine von etwa 24 000 Hebammen in Deutschland, sie betreut freiberuflich Schwangere und Wöchnerinnen. Ihr Geburtshaus hat sie 2014 schon geschlossen, weil die Versicherungsprämie zu hoch war.
02.03.2020, 20:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader

Grasberg. Ulrike Stommel ist eine von rund 24 000 Hebammen in Deutschland. Sie empfindet ihren Beruf als Passion und will davon nicht lassen, auch wenn ihr Berufsweg über die Jahre betrachtet eher einer Berg- und Talbahnfahrt gleicht. Eine Erfahrung, die die Adolphsdorfer Hebamme Ulrike Stommel mit vielen Kolleginnen teilte. Vor Jahren protestierten landesweit Hebammen gegen hohe Haftpflichtversicherungsprämien. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden um den Berufsstand. Weniger Versicherung zahlen die Frauen trotzdem nicht, und aus der Hebamme mit Geburtshaus Ulrike Stommel ist eine Hebamme geworden, die keine Geburtshilfe mehr anbietet, sondern Vorsorge, Nachsorge und Stillberatung.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV), in dem auch Ulrike Stommel organisiert ist, hatte im Februar 2019 rund 20 269 Mitglieder, davon 16 818 aktiv. Lediglich 2749 der DHV-Hebammen arbeiten demnach freiberuflich in der Geburtshilfe.

Ulrike Stommel hatte zunächst wie ihre Eltern die Krankenpflegeausbildung absolviert, eine Anästhesie-Weiterbildung folgte. Irgendwann aber wollte sie sich nicht mehr nur um Krankheiten kümmern. Sie sagte sich: „Eine Geburt ist etwas Gesundes.“ Die Hebammenausbildung folgte und 2002 startete Stommel als freiberufliche Hebamme mit Geburtsbegleitung und Geburtshilfe. Das eigene Geburtshaus in Adolphsdorf eröffnete sie 2004. Es lief gut, sie hat viel gearbeitet. Ein Storch neben der Haustür erinnert noch daran. Seine Farben sind inzwischen verblasst. Die Versicherungskosten stiegen, dazu die Nebenkosten für das Geburtshaus – kurz vor dessen zehnjährigen Bestehen schloss sie es und gab ihren Beruf auf. „Weil das nicht mehr bezahlbar war. Zu viele Ausgaben, zu wenig Einnahmen“, sagt sie und daran habe sich in der Geburtshilfe bis heute nichts geändert.

Sie legt ein Schreiben des Hevianna Versicherungsdienstes auf den Tisch. Eine freiberufliche Hebamme zahlt derzeit zwischen rund 8700 bis 10 900 Euro pro Jahr für die Haftpflichtversicherung, ab ersten Juli steigt die Versicherungsprämie wieder, so wie es seit 2017 jährlich jeweils um fünf bis sieben Prozent geschehen ist. Verhandelt hat diesen Gruppenvertrag der DHV mit einem Versicherer-Konsortium. Zum Vergleich: 1981 betrug die Prämie gemäß DHV-Angabe 30,68 Euro, 1992 178,95 Euro und 2010 3689 Euro.

Stommel hat die Einnahmen auf einem Zettel notiert, die dieser Haftpflichtprämie gegenüber stehen. Für eine Geburtshaus-Geburt zahlen Krankenkassen demnach 526,38 Euro, für eine Hausgeburt 638,75 Euro und bei einer Fehlgeburt erhält die Hebamme 220,33 Euro. Finanziell sei das vielleicht noch als großes Geburtshaus, das mit acht bis zehn Hebammen arbeite, zu stemmen. Die Einzelhebamme Ulrike Stommel gab auf und vermutet: „Außerklinische Geburtshilfe ist nicht gewünscht.“ Laut DHV fanden von 784 901 Geburten im Jahr 2017 777 820 in Krankenhäusern statt. Lange verzichten mochte Stommel trotzdem nicht auf ihren Beruf, über den sie sagt: „Für mich sind die Frauen ein ganz großes Gut.“ 2015 verkündete sie nach einem Abstecher in die Krankenpflege: „Ich bin zurück.“ Mit einem neuen Konzept, das die Fragen „Was will ich“ und „Was ist klug“ vereinen sollte und mit abgespeckten Leistungen: ohne Geburtshilfe, ohne Kurse, ohne Praxis. „Ich gehe zu den Frauen hin und bin für sie da“, sagt Stommel. Dafür zahlt die freiberufliche Hebamme 457,20 Euro pro Jahr an die Haftpflichtversicherung sowie 300 Euro für die Mitgliedschaft im Hebammenverband. Was am Monatsende übrig bleibt, sei in etwa soviel wie bei einer Friseurin oder einer Verkäuferin, sagt Stommel.

„Es gibt immer weniger Hebammen“, klagt Stommel und das in Zeiten der „höchsten Geburtenrate seit 35 Jahren“. Überall herrsche Hebammenmangel. Sie spricht über geschlossene Kreißsäle, überforderte Hebammen und überwiegend eingeleitete Geburten in den Krankenhäusern. Und nicht nur die Zahl der Hebammen hat abgenommen, die Zahl der geburtshilflichen Abteilungen sank in Deutschland von 2011 mit 781 Krankenhäusern mit Geburtshilfe auf 672 im Jahr 2017. Auch sie sei schon gefragt worden, ob sie als Beleghebamme im Kreißsaal arbeiten wolle. Aber: „Das ist nicht, was ich gerne möchte.“ Stommel hofft, dass die Akademisierung der Hebammenausbildung in Zukunft einiges ändern könnte. Ab 2020 werden Hebammen nur noch an Hochschulen ausgebildet. Die Präsidentin des DHV, Ulrike Geppert-Orthofer, sagte zu diesem Gesetz: „Hebammen sind die Expertinnen rund um die Geburt. Durch das Studium wird endlich das hohe Niveau, auf dem Hebammen arbeiten, widergespiegelt."

Den aktuellen Hebammenmangel erlebt Ulrike Stommel fast täglich am Telefon. Pro Woche müsse sie ungefähr fünf Frauen absagen, die sich in der zwölften Schwangerschaftswoche bei ihr anmelden wollten, erzählt Stommel. Das sei zu spät, sagt sie und ärgert sich, dass schwangere Frauen oft zu spät über den gesetzlichen Anspruch auf Hebammenbetreuung informiert würden. Sie sei mit ihrer Terminplanung schon im Herbst. Drei bis fünf Frauen betreut die Hebamme pro Monat, täglich macht das zwei bis fünf Termine je zwischen 20 Minuten und fast zwei Stunden. Dafür ist sie im Umkreis von rund 25 Kilometer um Adolphsdorf unterwegs und lacht: „Ich fahre gerne Auto.“

Info

Zur Sache

Anspruch auf Hebammen-Betreuung

Bis zum zehnten Tag nach der Geburt hat eine Frau im Rahmen der Wochenbettbetreuung Anspruch auf täglich mindestens einen Besuch ihrer Hebamme auf Kosten der Krankenkassen. Bis zum Ablauf von zwölf Wochen nach der Geburt kann weitere Hebammenhilfe, bis zu 16 Mal beansprucht werden, jedoch nicht mehr täglich. Darüber hinaus gehende Besuche sind auf ärztliche Verordnung möglich. Nach diesen zwölf Wochen kann die Hebamme bis zu acht Mal ebenfalls auf Kosten der Krankenkassen persönlich oder telefonisch zu Stillfragen oder bei Problemen mit der Ernährung des Kindes beraten.

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