Erdgasförderung

Gegner errichten Protest-Bohrturm

In den vergangenen Monaten ist es ruhig geworden um das Thema Erdgasförderung. Jetzt gehen die streitbaren Gegner der Förderpläne des Energiekonzerns Wintershall Dea wieder auf die Straße.
10.07.2019, 18:31
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Von Irene Niehaus
Gegner errichten Protest-Bohrturm

Als Zeichen des Protests hat die Bürgerinitiative gegen die Gasförderung einen Bohrturm aus Holz an der Wörpedorfer Straße aufgestellt.

Christian Kosak

In den vergangenen Monaten ist es ruhig geworden um das Thema Erdgasförderung. Jetzt gehen die Gegner der Förderpläne des Energiekonzerns Wintershall Dea wieder an die Öffentlichkeit. Mitglieder und Sympathisanten der Bürgerinitiative (BI) No Moor Gas aus dem Raum Lilienthal-Grasberg-Ottersberg-Dipshorn errichteten am Dienstagabend in Grasberg einen etwa fünf Meter hohen Bohrturm. Das selbstgebaute Holzwerk steht damit pünktlich zur Tarmstedter Ausstellung an der Wörpedorfer Straße, um ab Freitag die Aufmerksamkeit der vielen Besucher der Agrarmesse auf das Thema zu lenken. Zudem stellten die BI-Mitglieder Banner und weitere rote Holzkreuze auf. Damit zeigen sie wieder ganz deutlich, was sie von dem Vorhaben des Konzerns halten.

Der geballte Protest richtet sich gegen die geplanten seismischen Messungen und gegen neue Genehmigungen für weitere Erdgas- und Erdölförderungen. Viele der Aktivisten sind überzeugt, die Erdgasförderung mache krank. Aber auch die Angst vor Erdbeben und verunreinigtem Grundwasser treibt sie um. „Wir fordern den kompromisslosen, sukzessiven Ausstieg aus der Erdgasförderung und ein konsequentes Vorantreiben des Ausbaus der erneuerbaren Energien“, betont die BI No Moor Gas in einer Stellungnahme. Das vor allem vor dem Hintergrund des Klimawandels, unterstreicht der Grasberger BI-Sprecher Jörn Schumm. „Unser Protest ist massiv, damit der Konzern sieht, dass es sich für ihn nicht lohnt. Er muss mit sehr viel Widerstand rechnen.“

Die Mitstreiter waren im Winter froh, dass der Protest und das Unverständnis der Menschen vor Ort offenbar dazu beigetragen hatten, dass der Energiekonzern Dea, der im Mai mit der BASF-Tochter Wintershall fusionierte, seine Pläne für die Suche nach möglichen Erdgasvorkommen aussetzte. Eigentlich hatte die Dea bereits Anfang des Jahres seismische Messungen mit sogenannten Vibro-Trucks in den Landkreisen Osterholz und Rotenburg vornehmen wollen, um mögliche Erdgasvorkommen in diesen Gebieten festzustellen. Mit Sorge betrachteten die Erdgas-Gegner dann, dass das Unternehmen im Februar beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) die Verlängerung der Aufsuchungserlaubnis für das Feld Unterweser beantragt hatte. Ende Juli läuft diese grundsätzliche Erlaubnis aus, in der Region nach Erdgasvorkommen zu suchen. Die LBEG prüft momentan noch den Antrag auf Verlängerung. Mit einer Entscheidung sei spätestens in der vorletzten und letzten Juliwoche zu rechnen, teilte ein Sprecher mit. Wintershall Dea-Sprecher Heinz Oberlach bestätigte, dass noch keine Entscheidung des LBEG vorliege. Wenn ein Unternehmen Gas fördern möchte, braucht es zunächst eine Erlaubnis für ein bestimmtes Gebiet. Damit sichert es sich erst einmal nur die Erkundungsrechte. Durch die Genehmigung der Aufsuchung findet zunächst nur ein Gebietsschutz statt. „Mit der Verlängerung sichern wir uns lediglich die Option, in dem Gebiet nach Erdgas zu suchen“, sagt Oberlach. Jede Probebohrung oder Förderung muss separat beantragt werden. In Niedersachsen ist für die Erteilung von Erlaubnisfeldern und für weitere Genehmigungen das LBEG zuständig.

Auch wenn es nach außen hin ruhig gewesen ist um die Erdgasförderung, untätig waren die Gegner nicht. Ende Juni besuchten Mitglieder der No Moor Gas-Initiative zusammen mit Umweltschutzverbänden, anderen Aktivisten und weiteren Klimaschutz-Organisationen die große Klimaschutz-Demonstration in der Bremer Innenstadt. Auf der Veranstaltung „Baustelle Klimaschutz“ in Murkens Hof in Lilienthal war die BI auf dem Markt der Möglichkeiten mit einem Stand vertreten, wie bereits auf dem Frühsommerfest des Bremer Grünen Westens. Auf der Dorfparade Schmalenbeck wollen die Gegner der Erdgasförderung am 20. Juli ebenfalls Flagge zeigen.

Die vergangenen Wochen und Monate hat die BI im Raum Lilienthal-Grasberg-Ottersberg zudem dazu genutzt, sich noch besser mit anderen Initiativen der Region zu vernetzen. Fast zeitgleich hatte sich etwa in direkter Nachbarschaft in Oyten eine BI gegründet. Im Verdener Südkreis kämpfen Bürger schon seit vielen Jahren gegen Erdgasförderungen.

Die Bürgerinitiative No Moor Gas weiß Kommunalpolitiker und Verwaltungen hinter sich, früh hatten sich Gemeinden gegen die Pläne des Energiekonzerns positioniert. Grasbergs Bürgermeisterin Marion Schorfmann und andere riefen dazu auf, geschlossen vorzugehen und auch auf die Abgeordneten auf Kreis-, Landes- und Bundesebene einzuwirken. Inzwischen fanden Gespräche mit den Ministern Olaf Lies und Bernd Althusmann statt, ein Treffen mit Ministerpräsident Stephan Weil sei geplant, teilt der Grasberger Jörn Schumm mit. „Wichtig ist neben den Aktionen der politische Einfluss“, so Schumm. Schorfmanns Stellvertreter Stefan Ritthaler berichtet, dass sich Vertreter der betroffenen Gemeinden nach den Sommerferien zusammensetzen und ihre gemeinsamen Einflussmöglichkeiten beraten wollen. „Im Einzugsgebiet der Messungen leben immerhin rund 150 000 Menschen. Der Einzugsbereich für eventuelle Erdbeben oder Trinkwasserverunreinigungen ist natürlich um ein Vielfaches größer“, so Ritthaler. BI-Sprecher Schumm betont den Schulterschluss mit der Kommunalpolitik: „Gemeinsam werden wir es dem Konzern so schwer wie möglich machen.“

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