Tag des offenen Denkmals digital Virtuelle Hausbesichtigung in Grasberg

Wegen der Corona-Pandemie hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ihren Tag des offenen Denkmals am 13. September ins Internet verlegt. Imke David ist mit ihrem Seehauser Fachwerkhaus dabei.
10.09.2020, 12:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader

Grasberg. Das Holz ächzt, während die zierliche Frau den Türflügel aufschiebt. Mit einladender Geste begrüßt Imke David ihre Gäste im alten Fachwerkhaus in der Seehauser Straße 43 mit den Worten: „Heute öffne ich das Tor für euch.“ Damit kann der Hausbesuch beginnen – aber eigentlich hat er schon stattgefunden. Vor der Kamera. Zu sehen sein wird der rund 20-minütige Film ab Sonntag, 13. September, wenn die Deutsche Stiftung Denkmalschutz erstmals zu einem digitalen Tag des offenen Denkmals einlädt. Per Mausklick können über die Internetseite der Stiftung historische Gemäuer in ganz Deutschland erkundet werden. So will sie trotz Corona-Pandemie das Engagement derer würdigen, „die sich im Jahresverlauf tatkräftig für den Erhalt von Denkmalen, als Eigentümer, Architekten und Handwerker, Fachleute oder Förderer“ einsetzen. Imke David ist dabei.

Vor einem Jahr hatte die Wahl-Grasbergerin erstmals zum Tag des offenen Denkmals eingeladen und vor Ort über die Sanierung des denkmalgeschützten Fachwerkhauses in Seehausen informiert. Der Besucherandrang hatte sie seinerzeit überrascht. An die 100 seien es gewesen, viele kannten das Haus von früher. Die Kaffeemaschine lief den ganzen Nachmittag. Mit dem geplanten Waffelbacken kam sie nicht nach, stellte stattdessen lieber Kekse hin und erzählte, wie sie das alte Gemäuer behutsam restauriert und lauschte den Geschichten über das Haus, die ihre Gäste zu erzählen hatten.

Zeit für Neues

Nun also kein Kaffee und keine Kekse. Imke David versteht die digitale Ausgabe des Tags des offenen Denkmals als Chance. Mit dem Film im Internet könne sie noch mehr Menschen erreichen und neue Kontakte knüpfen. David führt darin ihre Besucher zunächst in den dem Wohnraum vorgelagerten Stallteil des Hauses. Bretter lehnen an den Wänden, Rohre liegen für den Einbau bereit, zwischen den Deckenbohlen hängen noch Strohhalme herab und in der Hand trägt David eine Feder von der derzeit einzigen Hausbewohnerin: einer Schleiereule. Unterlegt sind die Bilder von warmen Gambenklängen. David ist weltweit konzertierende Musikerin, lehrt als Professorin und befasst sich seit Neuestem mit der Filmproduktion. Die Absage der Tourneen ihres internationalen Ensembles in Amerika, China und Australien bis Jahresende geben ihr die Zeit, „andere Wege zu gehen“.

Das filmtechnische Rüstzeug hat Imke David bei einem Webinar der Denkmalschutz-Stiftung gelernt. Gut 30 Stunden für das Drehen und Nachbearbeiten des virtuellen Hausrundgangs habe sie anschließend gebraucht, fachkundig unterstützt von Tochter und Neffe. Mit deren 15 und 16 Jahren haben sie wie professionelle Kameraleute gearbeitet, sagt David lachend. Es sei schön, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Denn: „Diese Generation ist damit aufgewachsen.“ Und sie habe einen anderen Blick. Dieser führt vom Stall, der nach dem Bau lediglich aufgeräumt werden soll, in den Wohnbereich. Beides will Imke David durch eine Glasfachwerkwand voneinander trennen.

Hinter der Glaswand soll das gelebt werden, was sie als „offenes Haus“ bezeichnet. Sie werde nicht ständig darin wohnen in den nächsten Jahren, weil das Haus aber groß und schön sei, sollen auch andere Menschen daran teilhaben. Musiker und Choristen etwa sollen es für Proben oder Scheunenkonzerte mieten können. Damit will Imke David die gastfreundliche Tradition der Hofstelle fortführen, von der sie im vergangenen Jahr beim Tag des offenen Denkmals gehört hatte.

Zusammenarbeit mit Zimmermann

Noch braucht es Fantasie, sich das neue Leben im Wohnbereich vorzustellen. Aus ausgefransten Lücken im Putz der Herdwand lugen Balken hervor. Auf einem barocken Sofa erzählt David über das Leben der früheren Hausbewohner, über den Seehauser See, über Lehmputz und Lehmfarben oder über die Bohlendecke. Mit Balken aus einem anderen alten Haus und einer Isolierlage aus Torf will David diese wieder instand setzen. Zwischendurch werden Bilder vom Obstgarten des Hauses eingeblendet und Imke David greift in eine Schale mit Trauben, die rund ums Haus wachsen. Der Film zeigt auch ein Bild von einem Schamottofen, der bald an die alte Herdwand kommen soll und wofür sie eigens einen Ofenbaukursus belegt habe. Mit jeder Filmminute nimmt das künftige Leben in dem alten Haus mehr Gestalt an. Zwar habe sie wegen Corona ihren Zeitplan überschritten, aber innerhalb des kommenden halben Jahres werde es vorangehen im Haus mit Rohren, Elektrik, Decken, Wänden und Fußboden.

Auf die Zusammenarbeit mit einem Architekten verzichtet Imke David bei der Sanierung, auch wenn sie dadurch weniger finanzielle Unterstützung von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz erhalte. Sie arbeite mit einem denkmalerfahrenen Zimmermann zusammen, der den Fachwerkbau behutsam und moorgerecht saniert. Am Ende des Films spricht David die Zuschauer in Großaufnahme direkt an. Sie wirbt dafür, an diesem Projekt mittels Crowdfunding mitzuwirken, damit das Werk vollendet werden könne – als offenes Haus für Kulturveranstaltungen, Kunstausstellungen, Konzerte oder Proben in der großen Diele.

Info

Zur Sache

Gottesdienst zum
Tag des offenen Denkmals

Erstmals wird der seit 1993 jährlich am zweiten September-Sonntag ausgerichtete Tag des offenen Denkmals ins Internet verlegt. Aber nicht alles findet nur online statt. Die Kirchengemeinde Grasberg lädt für Sonntag, 13. September, unter der Überschrift „Chance Denkmal: Erinnern – Erhalten – Neu denken“ ab 10 Uhr zum Gottesdienst in die Findorffkirche ein. „Die große Kirche macht es möglich, dass auch unter strengen Hygieneauflagen dort gut 80 Besucherinnen und Besucher gemeinsam Gottesdienst feiern können“, so Kantorin Gerhild Lemke. Mit dem Klang der Arp-Schnitger-Orgel und einem Gesangsensemble des Kirchenchores soll der Gottesdienst festlich begangen werden. Pastor Thomas Riesebeck predigt.

Weitere Informationen

Digitaler Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September, unter www.tag-des-offenen-denkmals.de. Imke Davids Film ist auch direkt unter youtube https://youtu.be/CV_fu-kOzns zu sehen, Spenden sammelt sie über www.ecocrowd.de unter dem Projektnamen„Offenes Seehausen“.

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