Karten nach dem Überraschungsprinzip

Jeder Santa eine Type für sich

Wie die Karte am Ende aussieht, lässt sich am Anfang des Gestaltungsprozesses noch nicht sagen: Helga Weber entwirft ihre Weihnachtskarten, wie der Farbnebel fällt. So wird jeder Santa eine Type für sich.
23.12.2020, 05:30
Lesedauer: 2 Min
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Von Von Ulrike Schumacher
Jeder Santa eine Type für sich

Jeder Linie könnte eine Mütze sein: Helga Weber beim Kreieren ihrer Weihnachtskarten.

CARMEN JASPERSEN

Weihnachtskarten haben Hochkonjunktur. Geht doch nichts über einen von Hand geschriebenen Gruß zum Fest. Eine besondere Note würde dieser zudem auf einer von Hand gefertigten Karte erhalten, wie die Grasberger Malerin Helga Weber sie zum Beispiel entwirft.

Die Weihnachtsmänner, die auf den Karten der Künstlerin ihr Eigenleben entfalten, sind echte Typen. Vor allem sind sie es gewissermaßen selbst, die bestimmen, wie sie aussehen. Das ist deshalb so, weil Helga Weber sich nicht vorher überlegt, welche Figuren sie zeichnen will. Stattdessen setzt sie auf das Unvorhergesehene, auf den Überraschungseffekt, der ihre Arbeit stets aufs Neue spannend macht.

Helga Webers Arbeit beginnt damit, dass sie eine Wolke Farbspray auf ein großes Blatt Aquarellpapier niedersinken lässt. Feine dunkle Farbfäden schweben aufs Papier und machen aus der zuvor weißen Fläche eine von Linien und Bögen durchzogene Landschaft. Anschließend greift die Künstlerin zur Schere und schneidet den großen Bogen in kartengroße Stücke.

Zufrieden beugt sie sich über die Ausschnitte. „Man sieht schon Gesichter, oder?“ Hmmm, denkt sich der Gast und kann beim besten Willen nichts erkennen. Aber die Künstlerin hat schließlich einen geschulten Blick. Und der sucht schon beim Zurechtschneiden gezielt nach Augenpaaren. „Wenn ich die gefunden habe“, sagt Helga Weber, „dann geht’s los.“ Schon zieht sie mit dem Zeichenstift Linien nach, schon vervollständigt sie Striche und hat mal eben – es ist faszinierend – Hut, Kragen und Körper umrissen. Für den nächsten Schritt greift sie zum Pinsel und malt mit Aquarellfarbe zuerst das Gesicht und dann den Körper der Figur aus.

Wenn ihr auf Anhieb kein Augenpaar in den Blick fällt, könne es helfen, die Karte ein paar Mal zu drehen, erzählt sie. „Manchmal muss ich sie auch weglegen, um beim dritten Draufschauen was zu entdecken.“ Manchmal aber hat auch die Künstlerin Mühe, aus dem feinen Wirrwarr ein Gesicht herauszulesen. „Dann werden daraus Blumen“, sagt Helga Weber verschmitzt.

In diesem Jahr hat die Malerin, die sich bei den Grasberger Herbstateliers bei der Arbeit gern über die Schulter blicken lässt, etliche Weihnachtskarten kreiert, auf denen Weihnachtsmänner schwer beladen Säcke voller Gaben schleppen. Keiner gleicht dem anderen. Jeder hat seinen ganz eigenen Gesichtsausdruck. Manche tragen Mund-Nasen-Schutz. Früher habe sie Kurse im Porträtmalen belegt, berichtet Helga Weber. „Dabei habe ich das Sehen trainiert. Beim Porträtmalen ist es wichtig, dass man die kleinsten Details wahrnimmt.“ Nach diesen Kursen, sagt die Malerin, „habe ich ganz anders geguckt“.

Gepackt hat sie das künstlerische Wirken vor 15 Jahren. „Damals habe ich gedacht: Jetzt bist du 50, und es kann doch nicht sein, dass du nie Zeit für das hast, was du gerne machen möchtest“, erinnert sich die Physiotherapeutin. Lange Jahre hatte sie davon geträumt, Zeichen- und Malkurse zu besuchen. Nun legte Helga Weber los. Seitdem unternimmt sie mit ihrer Malgruppe regelmäßig Malreisen und bildet sich fort, kommt beim Zeichnen und Malen in einen Flow. „Ich merke dann nicht, wie die Zeit vergeht“, erzählt sie. „Man ist in einer anderen Welt - in einer schönen Welt.“

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