Grasberger Klimaforum "Brauche ich das wirklich?"

Über Nachhaltigkeit im Alltag referiert Katharina Müller vom BUND Bremen beim 1. Grasberger Klima- und Nachhaltigkeitsforum am 17. Mai. Im Interview gibt sie unter anderem Tipps zum klimafreundlichen Gärtnern.
12.05.2022, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sandra Bischoff

Beim 1. Grasberger Klima- und Nachhaltigkeitsforum soll es vor allem um Nachhaltigkeit im Alltag gehen. Wo fängt man am besten an?

Das ist eine sehr gute Frage. Weil das so schwierig ist, nehme ich die Gäste der Veranstaltung mit auf eine Reise durch den Tag, der im Badezimmer anfängt. Generell ist es gut, sich einen Lebensbereich rauszunehmen, damit man nicht so überwältigt davon ist, dass man gleich alles auf einmal ändern muss. Im Bad könnte das zum Beispiel bedeuten, keine Plastikartikel zu verwenden oder aber generell keine neuen Plastiktüten zu kaufen, sondern die vorhandenen bis zum Ende zu benutzen. Nachhaltigkeit im Alltag bedeutet viele Verhaltensänderungen, für die man Geduld braucht, weil man sich Verhaltensweisen an- oder abtrainieren muss.

Haben Sie ein Beispiel für ein solches Training?

Immer, wenn ich aus dem Haus gehe, stecke ich einen Jutebeutel ein. Die haben eine gute Ökobilanz, aber auch nur, wenn man sie lange und häufig verwendet. Statt der Plastiktüte, die schlechter recycelt werden kann, kann der Jutebeutel kompostiert werden, wenn er aus 100 Prozent Baumwolle besteht. Allerdings ist der sogenannte Wasserfußabdruck, der besagt, wie viel Wasser bei der Produktion verbraucht wurde, bei Baumwolle relativ hoch. Deshalb verbessert sich die Bilanz, je länger ich den Beutel benutze oder das T-Shirt trage. Als Daumenregel gilt: Qualität statt Quantität, Langlebigkeit versus Wegwerfen.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang auch von den nachhaltigen Rs: refuse (auf Deutsch: ablehnen), reduce (reduzieren), reuse (wiederverwenden), repair (reparieren), recycle (wiederverwerten), rot (kompostieren).

Richtig, man sollte sich immer die Frage stellen: Brauche ich das wirklich? Und wenn man es dann braucht, zu schauen: Wie viel brauche ich davon? Müssen es zehn neue T-Shirts sein oder tun es auch zwei? Vielleicht kann man auch etwas gebraucht kaufen, wie zum Beispiel das Handy. Und wenn es dann kaputt ist: Muss es ein Neues sein oder kann man es reparieren? Das Reparieren ist zwar wieder mehr im Kommen, aber das Thema hat auch eine politische Seite. Nämlich die, dass viele Dinge nicht so gebaut sind, dass man sie überhaupt reparieren kann.

Manchmal bringt einen der Nachhaltigkeitsgedanke aber auch in einen Zwiespalt: Auf der einen Seite will man Ressourcen schonen und steigt vom Buch auf den E-Reader um, auf der anderen Seite aber will man auch den Buchhändler vor Ort unterstützen. Wie kommt man da raus?

Das ist an vielen Stellen nicht aufzulösen. Das Buch ist ein gutes Beispiel, weil es auch ein Lebensgefühl ist und mit Bildung zu tun hat. Man muss schauen, dass man einen Mittelweg findet. Man könnte Bücher teilen oder tauschen oder sie in der Bibliothek leihen. Die Bredouille mit dem Einzelhandel ist natürlich schwierig. Ich denke, man muss ein bisschen Augenmaß behalten und die Verhältnismäßigkeiten abwägen: Für meinen Eindruck ist weniger schlimm, sich ab und zu ein Buch zu kaufen, als sich alle zwei Jahre ein neues Auto zuzulegen.

Oft steht die Bequemlichkeit im Weg, wenn es um den Klimaschutz geht. Man steigt schnell ins Auto, statt das Fahrrad für die kurze Strecke zum Bäcker zu nehmen. Wie kann man sein Verhalten ändern?

Ich glaube, es ist wichtig, diese Veränderungen mit etwas Positivem zu belegen und sich einen persönlichen Mehrwert zu schaffen, denn der Klimawandel ist ja oft abstrakt und weit weg. Ich muss mir Dinge überlegen, dir mir helfen. Zum Beispiel: Wenn ich das Fahrrad nehme, muss ich später nicht noch 20 Minuten auf den Hometrainer. Aber solch eine Verhaltensänderung dauert lange und braucht Geduld. Denn das Gehirn ist ja auch nur ein Muskel, der trainiert werden muss.

Die Ernährung spielt beim Klimaschutz ja ebenfalls eine wichtige Rolle. Worauf kommt es dabei an?

Die Ernährung ist ein sehr aufgeladenes Thema, und was die wenigsten gerne hören, ist der Verzicht auf Fleisch. Das empfinden viele als schwierig, weil sie sich aktiv damit auseinandersetzen müssen, etwas Fleischloses zu finden, das schmeckt. Man sollte sich immer überlegen, was die Alternative zu Fleisch sein kann. Es gibt zum Beispiel mittlerweile leckere vegetarische Brotaufstriche. Es geht aber auch nicht darum, Fleisch zu verbieten, sondern lieber seltener und dafür besseres Fleisch zu essen.

Sie reden am kommenden Dienstag in Grasberg auch über klimafreundliches Gärtnern. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ein großes Thema im Garten ist das Wasser. Wenn wir alle anfangen, unseren Garten ohne Ende zu bewässern, dann fehlt es an anderer Stelle. Dabei gibt es Möglichkeiten, weniger wässern zu müssen. Das geht schon los bei der Frage, welche Pflanze ich in mein Beet setze, die nicht nur klimaangepasst ist, sondern auch naturverträglich, indem sie etwas für Insekten und Igel tut. Zudem müssen Böden heutzutage Starkregen aufnehmen und lange Trockenphasen überstehen. Dazu gibt es Ideen, wie ein Garten das schaffen kann. Eine Sache, die ich wichtig finde: keine nackten Böden! Offenliegende Böden sind eigentlich etwas Unnatürliches. Man verliert dadurch viel Wasser, weil es verdunstet, und der Boden kann schneller erodieren, weil er nicht durch die Wurzeln zusammengehalten wird. Bodendecker schaffen in beiden Fällen Abhilfe. Ein weiteres wirksames Mittel: Das Gras einfach mal stehen lassen. Der Rasen trocknet nicht so schnell aus, Beikräuter können hochwachsen, Bienen finden Nahrung und Insekten Verstecke.

Das Interview führte Sandra Bischoff.

Zur Person

Katharina Müller

ist wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeiterin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Landesverband Bremen. Dort
arbeitet sie seit 2018 im Klima- und Umweltschutz-Team und hat verschiedene Projekte zum praktischen Klimaschutz im Alltag begleitet und umgesetzt. Zuvor studierte sie Umwelttechnik an der Hochschule Bremen und machte eine Ausbildung zur Tischlerin.

Zur Sache

Das Programm in Grasberg

Das lokale Bündnis "Familienfreundliches Grasberg" lädt für Dienstag, 17. Mai, zum 1. Grasberger Klima- und Nachhaltigkeitsforum ein. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Rathaus an der Speckmannstraße. Im ersten Teil referiert Katharina Müller vom BUND Bremen zum Thema "Nachhaltigkeit im Alltag". Anschließend soll es darum gehen, Interessierte zusammen und in den Austausch zu bringen, eine Möglichkeit zu bieten, sich zu vernetzen und gemeinsam am Thema „Nachhaltig leben“ weiterzuarbeiten.  Durch die zweite Stunde führt Katja Vittinghoff. Anmeldungen werden per E-Mail an anmeldung@grasberg.de erbeten. Der Eintritt ist frei.

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