Von Grasberg in die Welt

Raus aus dem Hamsterrad

Tina und Sven de Vries starten mit ihren drei Kindern am 1. Dezember nach Südostasien in ein neues Leben. Sie suchen ein Lebensmodell in Freiheit und Unabhängigkeit.
02.11.2019, 20:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Undine Mader
Raus aus dem Hamsterrad

Das Haus ist verkauft. Am 1. Dezember wollen Tina und Sven de Vries mit ihren drei Kindern gen Thailand fliegen, und Hündin Laika soll ein neues Zuhause bekommen.

Christian Kosak

Notar, Sperrmüll, Container, Abschiedsfeier – so lauten Einträge im Dreimonatskalender in der Küche. Daneben ragen Nägel aus der weißen Wand. Im Wohnzimmer schmückt ein Strauß Dahlien den Tisch der Bierzeltgarnitur. Zusammengenommen erzählen diese Signale vom Aufbruch. Am 1. Dezember wollen Tina und Sven de Vries mit ihren Kindern Jorne, Loris und Eni, jeder mit einem Reiserucksack bepackt, gen Thailand fliegen. Einen Monat will die Familie dortbleiben, um sich in Südostasien einzugewöhnen. Danach soll es nach Bali weitergehen. Was danach kommt, das lässt das Paar offen.

Wie es dazu kam, dass die Familie nach sechseinhalb Jahren ihr Grasberger Haus mit großem Garten verkauft und hinaus in die Welt zieht, darüber gibt es verschiedene ­Versionen. Der sechsjährige Jorne meint, der Vater habe beim Pizzabacken gesagt, das Haus sei zu groß. Eni erzählt mit ihren zwölf­­ Jahren, dass eine Maklerin im Auto ange­rufen habe, als sie gerade von einer Freundin ­abgeholt wurde. Danach verschwinden Eni und Loris zum Fußballtraining beim TSV ­Dannenberg und Jorne in seinem Zimmer. Zeit für die Eltern, ihre Geschichte zu er­zählen.

Die Freiheit vermisst

„Wir sind schon immer gerne gereist“, sagt der 45-jährige Sven de Vries. Schweden, Frankreich, Spanien, Portugal, Griechenland, Thailand. Seine Frau Tina (39) ergänzt lachend ihre Vision aus dieser Zeit: „Irgendwann machen wir nur noch Urlaub.“ Dabei sei das, was sie nun erwarte, kein Urlaub. Wenn sie in Asien leben, wolle jeder von ihnen zwei Tage pro Woche arbeiten und sich außerdem in Umweltprojekten engagieren. „Wir sind ein Team“, sagt Tina de Vries. Künftig wollen sie mit dem Computer ihr Geld verdienen. Beide sind selbstständig, er seit 15 Jahren Personal- und Unternehmensberater, sie als Gesundheitsberaterin. Das kombiniert mit Empfehlungsmarketing und der Begleitung von Menschen in Fragen Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung mache sie ortsunabhängig – was immer ihr Ziel war – und gewähre ihnen zugleich das, was sie in ihrem bisherigen Leben vermissten: Freiheit.

Im Leistungssport hatte die Ex-Fußballerin diese Freiheit erlebt. Als dann Kinder und Arbeit kamen, habe sie sich sehr begrenzt gefühlt. Sven de Vries hat mit seiner Arbeit „das Geld rangeholt für die Familie“. Er integrierte ehemalige Berufssoldaten in die freie Wirtschaft, unterstützte Menschen bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung und spürte irgendwann für sich selbst, dass er im Hamsterrad lebte. Das Haus in der ruhigen Seitenstraße gleicht einer Idylle. Aber das Paar spürte: „Besitz verpflichtet.“ Tina de Vries sagt: „Wir haben uns sehr begrenzt gefühlt.“

Schon vor zwei Jahren hatte sie den plötzlichen Tod ihres Vaters als eine Art Anpfiff erlebt, das eigene Leben auf den Prüfstand zu stellen. Freunde lebte ihnen das freie Leben vor. „Wir haben immer zugeguckt, wie es geht.“ Als die Freunde in diesem Sommer bei ihnen waren, sagt Sven de Vries zu seiner Frau: „Jetzt machen wir das, was du immer wolltest.“ Das Paar entschied, dass es an der Zeit sei, das eigene Leben umzukrempeln. Was für Tina de Vries aber nicht heißt, dass sie fortan als digitale Nomaden von einem Ort zum anderen ziehen. Das seien sie genauso wenig wie Auswanderer oder Reisefamilien, sondern: „Wir sind für mein Gefühl nirgendwo einzuordnen.“ Und ihr Mann ergänzt: „Wir gehen nicht weg, weil es hier doof ist.“

Homeschooling für die Kinder

In dem Moment, wenn sich die Familie aus Deutschland abmeldet, unterliegen die Kinder auch nicht mehr der deutschen Schulpflicht. Für Jorne, Eni und Loris standen Homeschooling oder freies Lernen zur Wahl. Die Eltern recherchierten Bildungsforscher und wie ein Mensch sein Potenzial entfalten kann. Wirklich neu sei das für sie nicht gewesen, so Tina de Vries. Denn: „Wir haben die Verantwortung des Lernens nie an die Schule abgegeben.“ Ihre Kinder sollen nun durch das freie Lernen in einer Gemeinschaft zu glücklichen, selbstbestimmten Menschen heranwachsen.

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„Mir kommt es nicht auf einen Schulabschluss an“, sagt die Mutter. Zunächst wollen sie diese Gemeinschaft für drei Monate mit den Freunden auf Bali leben. Das mache den Kindern den Abschied auch leichter. „Wo es uns danach hinführt, wissen wir nicht“, sagt sie. Die Begründung: „Das ist unser Herzensweg, weiter planen wäre rational.“ Alles darf ohne Erwartungen offenbleiben. Eines aber steht fest: Sollten sie irgendwann doch zurück nach Deutschland kommen, soll es wieder Grasberg sein. Mit seiner Entscheidung hat das Paar sein Umfeld in Bewegung gebracht. Es habe viele Nachfragen und Bewunderung für ihren Mut gegeben. „Wir finden das gar nicht so mutig“, meint Sven de Vries. Sie seien nur einfach keine Menschen, die jahrelang jammern und sich bedauern. Sie nehmen lieber das Heft selber in die Hand und steigen aus dem Leben in der Wenn-Dann-Schleife aus, aus diesem Weiterhangeln von einem Zweckziel zum nächsten. Er sagt: „Ich glaube, dass das Leben leichter sein darf.“ Jetzt empfinde er eine Mischung aus kribbelnder Vorfreude und Respekt vor dem Unbekannten.

Informationen über Instagram

Weh tut der Abschied trotzdem. Weniger der von den Dingen, da sagt Sven de Vries: „Wenn man auf der richtigen Spur ist, geht das ganz einfach.“ Bis auf die Winterkleider, Kleinmöbel, Betten und Matratzen haben sie alles weggegeben oder sind noch dabei. Anders sei es mit den Menschen. Sie seien gut vernetzt mit Freunden, in Schulen, Kindergarten und Sportverein. Da fließen auch Tränen und diesen Schmerz erlauben sie sich, so Tina de Vries. In der Familie werde viel miteinander geredet. „Uns ist wichtig, dass es jedem ­Familienmitglied gut geht“, betont Sven de Vries.

Auf ihrem Instagram-Account „tinaundsven1708“ wollen sie von ihrem Leben erzählen. Nicht nur von den schönen Tagen, sondern ohne Filter, verspricht Tina de Vries. Sie könnten schließlich über sich lachen und sehen Fehler als Lernchancen, begründet ihr Mann.

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